Unterirdisch.

Ich hätte gleich stutzig werden sollen. Sie würde ja wirklich zu gerne diesen Reportagetermin mit den Wissenschaftlern der Heidelberger Universität wahrnehmen, den sie da neulich ausgemacht habe, sagt die Kollegin am Telefon. Aber leider, leider, nun passt es zeitlich nicht, es ist etwas dazwischengekommen, und  – ob ich nicht vielleicht? So als kollegiale Hilfeleistung?

Logo, kollegiale Hilfeleistung, da sind Sie bei mir eigentlich immer richtig, da sage ich immer zu, wenn es sich irgendwie einrichten lässt. Aber ich hätte vielleicht doch vorher fragen sollen, um was für einen Termin es sich eigentlich im Detail dreht.

Ja, da schreite ich noch zuversichtlich aus.  Alle Bilder: Florian Freundt.

Also, um es kurz zu machen: es geht mal wieder in die Höhle. Eine Begehung der nicht-begehbaren Höhle. Ich habe das vor Jahren schon einmal gemacht, der liebe Himmel weiß, warum, aber das können Sie jedenfalls am Ende dieses Beitrags nachlesen, es war ein reiner Horror. Aber ein lohnender Horror, ja, sowas kann es geben.

Dieser Tage nun also geht es wieder in die Höhle, erst quer durch den Steinbruch, vorbei an brüllenden 800-PS-Monstern, deren Reifen den Umfang von Einfamilienhäusern haben, und die Kies und Schotter hin- und herfahren. Weiter voran, durch unwegsames Gelände, riesige Kieshalden rauf und runter, frontal vor die Wand und dann dort in ein winziges Loch.

Ich begleite drei Wissenschaftler der Universität Heidelberg, die tief im Bauch des Berges Daten sammeln wollen. Und eines immerhin habe ich zweien davon voraus: Ich weiß, was auf mich zukommt.

Einsteigen, bitte!

Vor dem winzigen Spalt, der sich Höhleneingang nennt, hört man in der Ferne noch das Dröhnen des Steinbruchs, winzig klein sieht man die gigantischen LKW, die Fuhre um Fuhre gebrochene Steine davonfahren, ahnt tief unten das dumpfe Poltern der abgesprengten Felsstücke auf den kilometerlangen Förderbändern, die das Gelände durchschneiden. Bei meinem letzten Besuch in der Höhle war hier rundherum noch überall Berg, jetzt haben sich die Steinbrecher schon weit in die Landschaft hineingesprengt. Wie ein Solitär steht unser Berg vor uns in der nackten, zerschredderten Landschaft.

Wen wundert es da, dass er dichtmacht, dass er sich zu wehren scheint gegen den ungebetenen Besuch, gegen die Eindringlinge? Der Berg macht es uns nicht leicht, wir müssen auf die Knie, auf den Bauch, auf den Rücken, nur zentimeterweise geht es vorwärts, für die ersten 30 Meter brauchen wir knapp eine halbe Stunde.

Dabei wollen die Wissenschaftler nichts Böses, im Gegenteil. Sie wollen sich vom Berg, von der Höhle, Geschichten erzählen lassen, Geschichten, die ein paar Millionen Jahre alt sind, Geschichten, die sich hier in der tiefen Finsternis und in der absoluten Stille die Tropfsteine und die nassen Wände, die glitschigen Felsen und der zähe Schlamm seit Jahrmillionen gegenseitig erzählen.

Erst seit der Entdeckung der Höhle 2006 gibt es eine Handvoll Zuhörer. Leute wie den Umweltphysiker Tobias Kluge, der hier, im Bauch des Berges, Daten für die Klimaforschung sammelt. Alles hier unten erzählt ihm und seinen Kollegen, wie das Klima  in der Region vor 400. 000, vor 200.000 oder vor 100.000 Jahren war. Aktuelle Messdaten aus der Höhle sollen Rückschlüsse auf momentane und zukünftige Klimaveränderungen und deren Folgen ermöglichen.

Kluge kennt die Höhle schon von einigen Besuchen, vieles hat sie ihm schon erzählt. Die beiden anderen Wissenschaftler quälen sich in einer Mischung aus stummer Begeisterung und Ehrfurcht erstmals durch Schlamm und Dunkelheit.

Bei mir kommt zu Begeisterung und Ehrfurcht die Angst dazu, die Angst vor der Angst, vor der Panik. Vor der Höhle, den Felsen, dem knietiefen Schlamm und der Finsternis habe ich keine Angst, so gesehen fühlt es sich hier im Erd-Inneren sehr viel sicherer an als da draußen in der lauten, bröckelnden Welt des Steinbruchs.

Die gedämpften Stimmen, das konzentrierte Arbeiten, als man am Ziel endlich halbwegs aufrecht stehen kann, die zwangsläufig zeitlupenartigen Bewegungen tun ein Übriges. Eigentlich, ja eigentlich ist das hier ein ganz wunderbarer Ort, will mir plötzlich scheinen, ein stiller, ungestörter und urtümlicher Platz, fernab von allem, unerreichbar für alles.

Die Erde macht hier unten, was sie seit Jahrmillionen macht, in aller Ruhe und in absoluter Stille, unterbrochen nur vom Tropfen des Wassers hier und da. Sie schert sich einen feuchten Kehricht um all die, die da oben auf ihr herumrennen, herumfahren, toben, wüten, bauen, zerstören, hassen, lieben, lachen, weinen, seit tausenden von Jahren.

Auf dem beschwerlichen Rückweg entdecken wir im Schein der Stirnlampen die Hinterlassenschaften eines Fuchses und seine Pfotenabdrücke im lehmigen Schlamm. Zu Fressen findet der hier nichts, aber vielleicht kommt er einfach manchmal hierher, um die Stille zu genießen, die Abgeschiedenheit, das Sein und das Werden.

Ich sollte das auch öfter machen, denke ich beim Herauskriechen. Wenn es nur nicht so furchtbar unbequem wäre. Und wenn die Welt da draußen nicht hinterher umso lauter erschiene.

 

 

 

Die großartigen Bilder in der Höhle hat Florian Freundt gemacht, der ist zwar eigentlich Wissenschaftler an der Heidelberger Uni, aber nebenher Fotograf. Und was für einer, klick: hier geht es zu seiner Website. Wenn Sie also mal Fotos von Ihrer Hochzeit brauchen, oder Fotos bei Ihrem nächsten Ausflug in eine unbegehbare Höhle, dann sollte er der Fotograf der Wahl sein. 

Der freundliche Herr Freundt ausnahmsweise ohne Kamera.

 

 

 

 

 

12 Kommentare

  1. Ui! Respekt! Ich bin weder für Raumschiffe noch für U-Boote gedacht. Und vermutlich auch nicht für Höhlen. Zu eng, zu eingeschlossen. Aber toll erzählt in Bild und Wort!

  2. Wenn diese Stille und Unberührtheit nicht so schwer zu erreichen wären! Ich war mal in einer ehemaligen Zisterne, die heute Kunstraum ist. Am meisten beeibdruckte mich dort die Stille und das stete Tropfen

      • Ja, das ist die cisternene in Kopenhagen unter Park Søndermarken. Von April bis Oktober sind dort Installationen zu sehen, die speziell für diesen Raum entworfen sind. Kein Strom, keine Heizung, traumhaft schön. Ich war in der Ausstellung Andante, gigantische Kerzenleuchter.

  3. Oh, wie genial! Das würde ich gerne mal machen.
    Ich lasse keine Höhle aus, in die ich reinkriechen kann 🙂
    Sehr viele habe ich in Thailand und Laos besucht, zum großen Teil ganz ohne Touri-Erschließung, dafür mit vielen Fledermäusen, oft Schlamm oder Wasserlauf, mal Schlangen.

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