In die neue Welt.

Noch ein letztes Mal soll Bernd Raudenbusch die Treppe hinaufsteigen, die vielen Fotografen und die Kameraleute wünschen sich das. Raudenbusch fasst die Führerkabine oben fest in den Blick, und dann steigt er langsam hinauf, Schritt für Schritt, knarz, klong, knarz, klong machen die Stufen dumpf-metallisch, wie sie es immer gemacht haben, wenn Raudenbusch oder seine Kollegen hier hinaufgestiegen sind. Raudenbusch hat die Hand am kalten blauen Handlauf und steigt nach oben.

Oben angekommen, nimmt er die Mütze ab, so, wie man es in der Kirche macht, oder am Grab eines Freundes, ganz selbstverständlich, ohne grosse Geste. Jetzt läuten!, rufen die Fotografen, ein letztes Mal!, und einer schimpft Mist! Der steht ja voll im Gegenlicht.

Der alte Fährmann steht im Gegenlicht und läutet die alte Schiffsglocke, unten ist ein Gedrängel um den besten Platz zum Fotografieren, Raudenbusch steht noch einen Moment still da oben, dann setzt er die Schiffermütze wieder auf und geht schweigend die Treppe hinunter. Alle Fotos sind im Kasten, danke, super, das wars!, rufen die Fotografen.

Viel Presse ist da, und Fotografen und sogar ein Fernsehteam, sie alle wollen dabei sein, wenn die alte Hassmersheimer Fähre nun ihre endgültig letzte Reise antritt, tolle Sache, tolles Thema. Mehr als 700 Jahre Fährentradition in Hassmersheim sind beendet, seit ein paar Jahren schon, seit nämlich ein moderner Fußgängersteg den Weg quer über den Fluß ermöglicht, mein altes Mädchen hat ausgedient, sagt Raudenbusch. Jahrelang war er Kapitän riesiger Frachtschiffe, dann verliebte er sich zum Ende seiner Berufstätigkeit in das alte Mädchen und heuerte als Hassmersheimer Fährmann an. Hauptsache Wasser, sagt Raudenbusch und lächelt, ein Leben nur an Land war unvorstellbar seinerzeit.

Auch die anderen Fährmänner sind heute da, um endgültig Abschied zu nehmen von ihrer ausgedienten Fähre. Männer in Seemannsjoppen und mit Prinz-Heinrich-Mütze, Hassmersheimer, die wie so viele aus dem Dorf am Neckar in ganz Europa unterwegs waren, denen der Klang rasselnder Ankerketten wie Musik in den Ohren war, und der Geruch von Seetang eine reine Wonne.

Auch viele alte Hassmersheimer sind gekommen, kaum eine Familie hier, die nicht unzählige Binnenschiffer, Kapitäne, Leichtmatrosen im Stammbaum verzeichnet hat, auch, wenn das mitunter lange her ist. In meinem Jahrgang sind damals alle aufs Schiff gegangen, sagt ein alter Hassmersheimer, wirklich alle. Heute will das hier im einst größten Binnenschifferdorf am Neckar kaum noch einer, Tradition hin oder her.

Die Hassmersheimer stehen also noch ein letztes Mal auf der alten Fähre, sie erzählen Weisst-Du-noch-Geschichten, und eine sagt Ich muß jetzt gehen, sonst fange ich das Heulen an. Das würde doch von denen da keiner verstehen, sagt sie, die würden mich doch für verrückt halten.

Die, das sind die anderen Menschen, die heute auch da sind. Die, die das schwimmende Museumsstück für ein paar Euro gekauft haben. Die heute hier wirken, als kämen sie aus einer anderen Welt. Schicke Frisuren, teure Anzüge, lässige Jacken in grellen Farben, die neueste Brillenmode. Der fleischgewordene Kontrapunkt zum melodischen Rasseln der Ketten, zum Knarzen und Krachen der alten Fähre, zum jahrhundertelangen Gebimmel der Glocke da oben.

Die Leute von der Bundesgartenschau in Heilbronn haben die alte Fähre gekauft, sie soll Veranstaltungsbühne werden auf dem Buga-Gelände. Die Fähre ist Geschichte und sie erzählt Geschichten, sagt der Geschäftsführer begeistert, keiner weiß das besser als die Hassmersheimer, und sie schlägt den idealen Bogen von der Gartenschau zum Fluß, der auch in Heilbronn immer eine große Rolle gespielt hat. Die Leute von der BuGa sind froh, junge Frauen servieren Sekt und Häppchen an Bord der alten, generalüberholten Fähre, bevor das Gefährt ein letztes Mal am Hassmersheimer Ufer ablegt und dann nach Heilbronn geschleppt wird, in eine neue Zukunft, in die neue Welt.

Ursprünglich sollte mein altes Mädchen in die Schrottpresse, sagt Raudenbusch. Insofern sollten wir uns freuen. Die Fähre wird den Hassmersheimern trotzdem fehlen, das rhythmische klack, klack, klack beim Übersetzen, das war doch wie eine Erkennungsmelodie für unser Dorf, sagt der Fährmann, das war sowas wie ein Lied der Heimat. Klar, der neue Steg über den Neckar ist modern und nicht so wetterfühlig wie das alte Mädchen, außerdem ist er rund um die Uhr begehbar, selbst bei Hochwasser. Aber er erzählt eben keine Geschichten, er rasselt und knarzt nicht, er schaukelt und schnauft nicht, und überhaupt: keiner ist da, auf dem Steg, mit dem man mal plaudern könnte, eine Überfahrt lang.

Alles hat seine Zeit, sagt Raudenbusch lächelnd. Und man weiß nicht genau, ob da ein frommer Christenmensch zuversichtlich die Bibel zitiert, oder ob es ein ewiges Mantra ist, gegen den manchmal schmerzhaften Vergangenheitsverlust.

 

 

 

 

 

Über Bernd Raudenbusch habe ich schon einmal berichtet, wenn es Sie interessiert, können Sie das hier nachlesen.

 

 

 

1 Kommentar

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