Der Kapitän.

Wir waren plötzlich alle überflüssig, sagt Bernd Raudenbusch und guckt Richtung Brücke, die Fähre, das Fährboot, die Fährmänner, wir waren alle überflüssig. Seit die Brücke da ist, braucht keiner mehr die Fähre, das Fährboot, den Fährmann. Und meiner Frau war ich zuhause auch im Weg. 

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Die traditionsreiche, uralte Fähre haben sie abgeholt, die Fährmänner nach Hause geschickt, als die Brücke endlich fertig war. Aber Bernd Raudenbusch wollte nicht nach Hause, bloß Garten, das ist doch zuwenig, ich brauche das Wasser, den Fluß. Mit dem Neckar ist er großgeworden, der Vater, der Großvater, alle waren sie Schiffer, und natürlich ging auch der Bernd irgendwann auf den Fluß und verdiente sein Geld mit Transporten. Hundert Meter lang das Schiff, 2000 Tonnen, Rotterdam-Budapest und zurück, jahrelang.

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Der Kapitän wurde älter, die Schiffe wurden irgendwann kleiner, und als Raudenbusch dann in Pension ging, da heuerte er auf der alten Hassmersheimer Fähre an. Mein altes Mädchen, sagt er, sie hatte oft Probleme, irgendwas war dauernd los, mal riß die Kette, mal war Hochwasser, irgendeine Katastrophe war ja immer, sagt er lachend, mit meinem alten Mädchen. Dann musste als Ersatz das Fährboot ran, die Patriot, die Leute mussten schließlich irgendwie zum Bahnhof am anderen Ufer, morgens hin und abends wieder heim.

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Als dann die Brücke kam und alle überflüssig wurden, als sie die alte Fähre holten, da machte Raudenbusch mit der Gemeinde einen Deal. Bloß nicht nur zuhause rumsitzen. Er brachte das kleine Fährboot auf Vordermann, die Patriot, er mietete es von der Gemeinde und bietet es jetzt als Ausflugsdampfer an. Ausflugsdampferchen, neun Meter lang, drei Meter breit.

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Jetzt schippern Raudenbusch und seine Frau über den Neckar, ein paar Kilometer hin und ein paar wieder zurück, von einer Schleuse zur anderen. Vorbei an Burg Hornberg und Burg Guttenberg, rauf nach Gundelsheim und runter bis zur Schleuse Neckarzimmern.

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Der Dieselmotor brummt, aus dem Funkgerät quäken die Nachrichten der Schiffe in der Nähe, vorne taucht ein riesiges Containerschiff auf, hinten kommt bedrohlich schnell ein Schubverband. Raudenbusch steuert die kleine Patriot Richtung Ufer, Richtung Gebüsch, die Wellen schlagen hoch und lassen das alte Fährboot auf dem Wasser tanzen. Nein, Angst macht ihm das nicht, man hat ja das Geschäft gelernt in all den Jahren. Und wehmütig, wenn die gigantischen Kähne vorüberziehen, nach Rotterdam, nach Budapest? Wenn sie ihn auf die Seite drängen, mit wilden Bugwellen und mit der Arroganz des Stärkeren? Auch nicht, es ist halt so. Und Binnenschifferei, das war ja auch nicht immer nur Vergnügen, das war auch immer mächtig Streß.  

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Mag sein, daß mancher ihn vielleicht belächelt hat am Anfang, den alten Käpt’n mit der spleeingen Idee. Das olle Fährboot als Ausflugsschiff, ausgerechnet hier, in dieser Gegend. Aber das Geschäft brummt wie der alte Dieselmotor, Vereine mieten oft die kleine Patriot für Rundfahrten, Geburtstags- oder Hochzeitsgesellschaften, Damenkaffeekränzchen, Kindergruppen. Man kann sich auch irgendwo hinbringen- und Stunden später wieder abholen lassen, Bernd Raudenbusch ist da flexibel. An Bord gibt es Getränke aus der Kühlbox, aber die Leute dürfen sich zur Not auch etwas selber mitbringen, sagt er, wir sind da ja nicht so. So sehr brummt das Geschäft, daß Raudenbusch und seine Frau in der kommenden Saison zwei Ruhetage planen, das hätten wir am Anfang auch nicht gedacht, daß sowas nötig sein würde, aber wir werden schließlich auch nicht jünger. 

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Nach einer Stunde Fahrt legt Raudenbusch am Ufer an, zuhause in Hassmersheim, da, wo er früher auch mit seinem riesigen Frachtschiff und 2000 Tonnen Ladung vorbeigekommen ist. Direkt neben der schicken neuen Brücke, die sie alle überflüssig werden ließ, die Fähre, das Fährboot, die Fährmänner. Das ist halt einfach so, sagt Raudenbusch lächelnd und macht die Patriot mit Seilen fest. Morgen kommt ein Sportverein, liest seine Frau aus dem Terminkalender vor. Das wird sicher wieder lustig, sagt Raudenbusch, er freut sich auf morgen, aber für heute macht er erstmal Feierabend.

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Wenn Sie nochmal nachlesen wollen, wie das mit der alten Fähre war, dann bitte hier entlang, backbord sozusagen. Und steuerbord gibts einen (klick!) Link zum neuen Ausflugsbötchen, falls Sie das mal mieten möchten.

 

 

 

19 Kommentare

  1. Ich liebe Deine Fotos, Deinen Blick für Details. Und Deine Texte sowieso. Herzerwärmend, das hier, mal wieder. So schön, dass der Patriot hier vorbei tuckert!

  2. Wie so oft, ein sehr schöner Artikel. Ich mag deine Art zu schreiben sehr und oft genug ist es wie Balsam einen so gut geschriebenen Artikel zu lesen. Eine Seltenheit in dem ganzen Bloggewusel. Vielen Dank dafür.

  3. Ein wundervoller Beitrag über einen wundervollen Menschen in einem wundervollen Blog! Vielen Dank für Ihren herzerfrischenden Schreibstil und den augenzwinkernden Einblicken in unser Leben auf dem Lande.
    Herzlich, Tatjana

  4. Es ist eine wunderschöne Geschichte . Mir macht die Arbeit viel Spaß. Es ist schön als Rentner immer noch was sinnvolles machen zu dürfen und nicht zu müssen.
    Der Patriot ist schon nach kurzer Zeit äuserst beliebt bei jung und alt und passt sicher hevorragend in unser Schifferdorf. Nochmals danke für den Bericht.
    Es war auch eine sehr schöne Werbung für eine nicht alltägliche Sache.

  5. Sehr schön geschrieben, man kann richtig die Begeisterung und die Leidenschaft spüren ,für die Arbeit auf dem Wasser.
    Und es war eine sehr gute Idee aus der Situation das die Brücke die Fähre und was dazu gehört verdrängen wollte so einen Vorteil zu ziehen .
    Bilder sind natürlich auch gut gemacht .

  6. Pingback: In die neue Welt. – LandLebenBlog

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