Die kleinen Dinge.

Was um alles in der Welt gibt es denn hier aus dieser langweiligen Gegend zu berichten?, das fragen mich manchmal die Leute. Oder sie sagen, halb bewundernd, halb ungläubig: Wo Du nur immer die vielen Ideen für Dein Blog hernimmst, hier ist doch nichts los.

Die mich das fragen, sind erstaunlicherweise meistens genau jene Menschen, die seit Generationen hier in dieser langweiligen Gegend leben, in der doch angeblich nichts los ist. Oh, sage ich dann, ich finde, hier ist jede Menge los. 

Wenn mich mein Gegenüber daraufhin mit großen Augen verständnislos anglotzt, schiebe ich angeberisch-altklug noch einen Satz hinterher, den ich auf der Journalistenschule gelernt – und beruflich wie privat verinnerlicht habe: Die Geschichten liegen auf der Straße, es muss nur jemand kommen, der sie aufhebt. 

Die Geschichten liegen hierzulande auf der Straße oder im Unterholz, sie liegen auf den Wiesen und Weiden, sie liegen in Wohnzimmern und Vorgärten, in Dorfmuseen und alten Kirchen, in Burgruinen oder verlassenen Stallungen. Manchmal sind sie äußerlich unscheinbar oder kaum zu sehen, auf den ersten Blick nur ein zufälliges Fotomotiv am Wegesrand. Banalitäten vielleicht, die aber mir stumm zurufen Hier, komm her!, wir erzählen Dir was.

 

Seit ich mit der Kamera unterwegs bin, sehe ich die kleinen Dinge am Wegesrand noch viel öfter, Dinge, an denen ich früher achtlos vorübergegangen wäre. Ich knipse wild in der Gegend herum wie so eine Touristin, ich scanne die Landschaft auf Motive ab, ich krieche durch Gebüsche und Unterholz, ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist immer spannend. Denn hinter jedem noch so kleinen Ding versteckt sich eine Geschichte. Die möchte ich erfahren und manchmal auch weitererzählen.

Aber erstmal erzählen die Kleinigkeiten und die Geschichten dahinter ja mir etwas. Warum stehen die Kühe da und nicht dort drüben? Was hat es mit den Weg- und Sühnekreuzen überall auf sich (guckstu (Klick!) hier), wieso fallen die Schweinepreise? Wer hat in diesem leerstehenden Haus früher gewohnt, und vorallem wie? Und warum will es keiner kaufen? Warum wächst derzeit überall Mais? Wo kommt das ganze indische Springkraut im Wald plötzlich her? Was soll der alte Galgen da? Was ist ein Lohndrescher? Dresche gabs doch früher allenfalls zuhause, von den großen Geschwistern.

Wie war das Leben auf den Dörfern früher? Und was davon wirkt noch bis heute? Wer oder was war der Gemeindebulle (ich glaube, so hieß das, und es hat nichts mit Polizei zu tun)? Und wozu steht seit hundert Jahren die alte klitzekleine Steinhütte einsam mitten auf der Wiese (sie war das Wasserwerk des Dorfes, habe ich gerade gelernt.)? Warum trifft man im Wald kaum Spaziergänger, und wieso entsorgt da einer seine alten Traktorreifen? Was ist Tradition, und was Moderne auf dem Land? Undsoweiter, undsoweiter.

Mit jeder kleinen Kleinigkeit, die ich im Hirn oder auch auf der Kamera und manchmal auch im Herzen abspeichere, erfahre ich mehr über die Gegend, in der ich wohne. Mehr über die Leute, über die Geschichte dieses Landstriches und darüber, warum manches heute so ist wie es ist, und warum die Menschen so sind wie sie sind. Entdecke das Große im Kleinen und das Kleine im Großen, erfahre das Dorf als Mikrokosmos, und verstehe manchmal die Welt(geschichten) noch im winzigsten Weiler.

Die kindliche und oft so verschriene Neugierde habe ich zum Beruf gemacht. Auf dem Berliner Tagesspiegel las ich früher jeden Morgen das lateinische Leitwort Rerum cognoscere causas, ich verstand kein Wort, aber es klang geheimnis- und verheißungsvoll. Rerum cognoscere causas, Den Dingen auf den Grund gehen, –  seit ich die Übersetzung kenne, ist sie mir zur Devise geworden.

Auf Schritt und Tritt sehen, fragen, nach Antworten und nach Geschichten suchen. Mikroabenteuer erleben, wie es eine Bloggerkollegin sehr schön formuliert. Den Begriff gibt es tatsächlich, das war mir völlig neu. Mikroabenteuer vor der Haustür. Dafür muss ich nicht in den Grand Canyon und nicht auf die Balearen, ich finde die Abenteuer und die Geschichten im Dorf, im Wald, auf den Wiesen und im Gespräch mit den Menschen, beim Schauen und wissen-wollen.

Kein Tag ohne Horizonterweiterung! ist das Motto einer Freundin, das ich ebenfalls gerne für mein Leben übernommen habe. Erst recht, seit ich hier in der vermeintlichen Provinz lebe, die mich auch nach Jahren immer wieder staunen und fragen lässt.

 

 

 

 

Die Anregung zu diesem Beitrag habe ich einer Bloggerkollegin zu verdanken, die zu den Kleinen Dingen am Wegesrand grade eine Blogparade veranstaltet. Da bin ich gerne dabei! Schauen Sie da mal nach. Oder machen Sie doch einfach mit.

 

14 Kommentare

  1. Ganz genauso ist es, und erlebe ich es hier auch immer wieder, inklusive der verständnislosen Blicke selbst derjenigen, die hier schon ewig wohnen. Ich liebe die Mikroabenteuer vor der Tür auch sehr und schließe mich dem Club der Täglichen Horizonterweiterung an, wenn ich darf.
    Grüße aus der mecklenburgischen Pampa in den Odenwald!
    Liisa

    • Ja, gell, ein tolles Motto, das die Freundin da geprägt hat!, wir machen jetzt einen Club draus und freuen uns immer über neue Mitglieder!

  2. Oh, der Gemeindebulle, vom Onkel einst betreut ( bis ihn einer an die Wand gedrückt hat und Rippen & Lunge so beschädigt, dass Schluss mit lustig war ),
    war ein wesentlicher Bestandteil der Sexualaufklärung der Dorfjugend. Alles ganz heimlich natürlich. Vor allem Mädchen durften eigentlich nicht sehen, was dort im Stall getrieben wurde….
    Ach ja, musst du mich immer an solche Kindheitserlebnisse erinnern? 😉
    LG
    Astrid

    • Aha, aha, das klingt ja hochinteressant. In diese Richtung muß ich doch noch mal nachhorchen. Kein Tage ohne Horizonterwei…usw. 😉

  3. Herrlich! Was für ein schöner Beitrag zur Blogparade! Herzlichen Dank dafür.
    Geschichten hinter diesen scheinbar nebensächlichen, unbedeutenden Dingen zu finden macht das Leben viel spannender und schöner!

    Liebe Grüße
    Carolin

  4. Unter „Banalitäten vielleicht, die aber mir stumm zurufen Hier, komm her!, wir erzählen Dir was“ hängen eigenartige Gefäße? auf einer Stange, beschriftet mit RG.

    Wasisndas? Ich bin so neugierig!

    Über Ihren Blog bin ich vor einer Weile wegen herrlicher Hühnerportraits gestolpert (eine Freundin im Chiemgau hält Sulmtaler, seitdem interessiere ich mich ein bißchen für Hühner) und mag Ihren Blick überhaupt sehr.

  5. Wie immer sehr schön geschrieben und so wahr.
    In den „Club der Täglichen Horizonterweiterung“ würde ich auch gerne eintreten:-)

  6. „rerum cognoscere causas“, na ja, ich würde das eher übersetzen mit „die Ursachen der Dinge erkennen“ oder „verstehen, warum es so ist, wie es ist“.

    Ansonsten wie immer ein sehr schöner und erhellender Beitrag. Einen Lohndrescher kenne ich persönlich, und auch einen Dorfbullen, der ist allerdings der Vater eines Freundes und arbeitet auf dem örtlichen Polizeirevier.

  7. Ich weiß genau, was Sie meinen, schließlich hat es mich vor etlichen Jahren ebenfalls aus einer Metropole (na gut, nur 1,2 Millionen) aufs Land verschlagen. Selbst wenn die Metropolenbewohner unter meinen Freunden mich heute etwas bemitleiden, finde ich doch, dass ich gut gewählt habe; ich möchte jedenfalls nicht tauschen. Und auch hier, tief im Allgäu, liegen die spannenden, lustigen, berührenden und nachdenklich machenden Geschichten auf der Straße. Manchmal liegt halt noch ein Kuhfladen daneben …

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