Was schön war.

27. Juli 2017

Ich liege da neulich nachts im Bett, was soll man sonst nachts auf dem Lande schon tun, draußen tobt ein ordentliches Gewitter mit tosendem Regen und Sturm und Dauergeblitze, das ganze Schlafzimmer wird im Sekundentakt hell ausgeleuchtet, ich erwäge, mir mitten in der Nacht im Bett die Sonnenbrille aufzusetzen, und an Schlaf ist nicht zu denken.

Manchmal überkommen mich in solchen Momenten trübe Gedanken, ich sinniere dann über die Schlechtigkeit der Welt; und an diesem Tag sind einmal mehr diese hirnlosen Vollpfosten durch die Nachrichten gegangen, die irgendwelchen Rettungskräften bei irgendeinem schweren Unfall gaffend den Weg versperren, die Sanitäter anpöbeln und sich filmend ergötzen an Blut und Scherben auf der Fahrbahn, naja, Sie wissen schon. Über derlei Schwachmaten denke ich also nach, auch noch, als das Unwetter draußen längst vorbei ist, und jetzt kann ich vor lauter Zorn über die bekloppte Menschheit nicht mehr schlafen. Sie kennen das.

Jedenfalls liegt inzwischen bleierne schwarze Stille über dem winzigen Dorf, und langsam dämmere ich doch hinfort in meine Träume und in Morpheus‘ Arme, bis plötzlich die Sirene anspringt, gegenüber, am Vereinsheim. Ich weiß nicht, ob Sie jemals neben einer anspringenden Sirene gelegen haben, aber glauben Sie mir, Sie stehen augenblicklich senkrecht im Bett. Die Sirene heult so brüllend laut, dass die Luft vibriert, Sie spüren das Heulen im ganzen Körper, Ihr Herz klopft etwas schneller, der Ton schwillt an, als wolle er die Fenster im Dorf zum Bersten bringen, er steht ein Weilchen, dann schwillt er wieder heiser ab. Und wieder schwillt er an, steht brüllend und wird röchelnd leiser.

Die Stille danach ist noch stiller und bleierner als vorher; wenn die Sirene endlich wieder verstummt, wirkt es, als sei das Dorf in ein schalldichtes Vakuum gefallen, in ein tiefes schwarzes Loch, in dem es keinerlei Geräusche gibt. Selbst der alte Hund im Zwinger nebenan verstummt, und das will schon was heißen.

Nach ein paar Minuten dieser tiefsten Stille aber hört man leises Türenklappen, hier hinten und da vorne, schnelle Schritte auf Asphalt und knirschendem Kies, Autotüren, Zündung und Motoren. Nebenan und am anderen Ende des Dorfes, und mittendrin, die Geräusche wehen von allen Ecken durch die Stille.

Feuerwehrmänner und -frauen sind, wie ich, aus dem Bett gefallen, und jetzt rennen sie los, hinein in die unfreundliche schwarze Nacht, in einen ungewissen Einsatz. Freiwillig und unbezahlt. Geschult in zahllosen Lehrgängen, ausgebildet an allerlei merkwürdigen Geräten und Maschinen, alles nebenher und ehrenamtlich.

Vielleicht werden die Männer und Frauen heute nacht nur ein paar umgestürzte Bäume zersägen und die Straße wieder freiräumen müssen, vielleicht auch einen Autofahrer aus seinem zermalmten Wagen herausschneiden, oder seine blutigen Einzelteile von der Fahrbahn sammeln. Vielleicht müssen sie ein Feuer löschen und Eltern und Kinder aus einem brennenden Haus retten. In ein paar Stunden jedenfalls werden Sie wieder bei ihrem eigentlichen Job antreten, in einem schicken Büro oder in einer Werkstatt, übermüdet, pflichtbewusst.

Ich liege da im Bett und höre also das leise Getrappel und das Türenklappen, die Motoren und die vorbeifahrenden Autos, und ich denke so für mich: was für ein beruhigendes Geräusch. Und dann drehe ich mich um und versuche, endlich einzuschlafen.

 

 

 

  • 3 Kommentare
  • Pamylotta 27. Juli 2017
    Antworten

    Was schön ist: Deine unermüdliche Berichterstattung. Danke! Das ist schon ein bisschen was, das (wir) Feuerwehrleute brauchen ;)

    Ganz liebe Grüße
    Pamy

  • Südlurker 28. Juli 2017
    Antworten

    Auch vom Rande der Landeshauptstadt ein herzliches Danke dafür. Mich erinnert der Beitrag an den Sturm Lothar (ja, lang ist´s her): während es noch ohne Ende blies, stand ich irgendwo im Nordschwarzwald auf einer Landstraße, auf der ein Baum querlag. Ein THWler lief die Autoschlange ab und entschuldigte sich, dass es noch eine Viertelstunde dauern könne, bis die Straße geräumt sei. Ich war einfach nur froh und dankbar, dass sich jemand kümmerte.
    Faszinierend finde ich ja, dass tatsächlich noch per Sirene alarmiert wird. Waren Funkmeldeempfänger zu teuer, oder gibt es auf dem Dorf keinen Empfang?

    • LandLebenBlog 28. Juli 2017
      Antworten

      Ich glaube, die Aktiven sind alle mit supermodernen Meldern ausgestattet. Ich habe mal gehört, dass es die Sirene immernoch gibt, weil tagsüber nicht sehr viele Aktive direkt vor Ort sind (sondern auswärts arbeiten), dann werden per Sirene auch all jene alarmiert, die nicht (mehr) aktiv sind, aber dennoch gut und gerne mit anpacken können bei einem Einsatz.

  • Antworten

Vorheriger Artikel Unterwegs.
Nächster Artikel FC Huhn.