Vom Fragen.

Da krieche ich vor einiger Zeit mal wieder durchs dreckige Unterholz, es ist noch Herbst und ich rutsche auf allen Vieren so vor mich hin, zu fotografischen Zwecken, als plötzlich hundetechnisch das Tohuwabohu ausbricht. Gekläffe und Gezappel. Als ich mich mühsam aufgerappelt und meine eigenen Hunde sortiert habe, blicke ich in den versabberten Rachen eines riesigen Schäferhundrüden, der sich gottlob als friedlich herausstellt. Am anderen Ende der Leine ein Glatzkopf in Lederjacke, der sich ebenfalls, wider Erwarten, als friedlich herausstellt.

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So friedlich ist der Glatzkopf, dass ich zehn Minuten später alles über den freundlichen Rüden und die wenig erfreuliche Lebensgeschichte des Mannes weiß. Der Hund ist sein Ein und Alles, Scheidungsdrama, Frührente, jetzt einsam im Odenwald, die ganze Palette. Ich frage, der freundliche Glatzkopf redet und redet, aber immerhin bedankt er sich am Ende, dass ich zugehört habe. Er geht von dannen, erleichtert, und ich gehe zurück zum Auto. Das Übliche eben.

Manchmal erfahre ich unterwegs auch wirklich spannende Dinge, Geschichten über die Borkenkäfer oder über die Jagd, über die diesjährige Holzernte oder das Problem mit den Düngemitteln, ich frage und frage, und meine zufällige Wald- oder Feld-Bekanntschaft antwortet. Ich frage beim Bäcker und beim Metzger, ich frage alles, was mich interessiert und irgendwie weiterbringen könnte. Experten aller Art frage ich besonders gerne, um von ihrem Wissensschatz zu profitieren.

Ich frage, wenn ich irgendwo eingeladen bin, die anderen Gäste. Nach ihrem Namen, ihren Kindern, nach der Branche, in der sie vielleicht arbeiten, nach diesem und jenem, was weiß denn ich, es fängt als smalltalk an und hat das Ziel, Neues zu erfahren und zu lernen, andere Perspektiven und Sichtweisen, andere Meinungen zu hören. Kein Tag ohne Horizonterweiterung, pflegt eine Freundin von mir zu sagen, oder, um Ernie und Bert aus der Sesamstraße zu zitieren: Der, die, das, Wer, wie, was, Wieso, weshalb, warum, Wer nicht fragt, bleibt dumm.

Fragen ist aber offenbar verpönt. Im Odenwald, oder auf dem Land, oder generell, ich habe keine Ahnung. Kaum jemand fragt zurück, oder gar seinerseits, proaktiv, falls Sie verstehen, was ich meine. Ich weiß am Ende einer Begegnung, am Ende eines geselligen Nachmittags meistens die Namen und Lebensgeschichten nahezu aller Anwesenden, die Leute reden und reden, vielleicht sind sie froh, dass endlich jemand fragt und sich endlich mal ein Fremder für sie interessiert.

Vielleicht haben sie Angst, ihrerseits zu fragen, vielleicht wollen sie nicht neugierig oder dumm erscheinen, Neugierde und Dummheit haben einen äußerst schlechten Ruf, vielleicht haben sie auch schlichtweg keinerlei Interesse an einem Austausch mit Fremden, an der besagten Horizonterweiterung, weil sie in dieser Welt auch so schon überfüllt und überfordert sind.

Oder sie haben hier auf dem Land das alte Wort Wer fragt, führt verinnerlicht, nach dem immer nur von oben nach unten gefragt wird, der Richter fragt den Angeklagten und nicht umgekehrt, der Offizier den einfachen Soldaten, der Lehrer den Schüler. So fragt vielleicht dann auch der Zugereiste aus der Stadt den Landmenschen, von oben nach unten, dann hätte es schlichtweg mit Selbstbewusstsein zu tun, und damit, dass Landmenschen sich immernoch nicht ebenbürtig fühlen. Das wäre ätzend, aber immerhin eine Erklärung, über die ich nachdenken sollte. Es gibt dazu übrigens ein spannendes und in Teilen ziemlich abgedrehtes Buch, falls Sie sich für solche Themen interessieren, Von der Obszönität des Fragens heißt es und hat mir schon manch ein Auge geöffnet, besonders, seit ich auf dem Lande lebe.

Wobei man durchaus darüber nachdenken könnte, ob nicht überhaupt, also ganz generell, auf der ganzen Welt, und besonders in diesen Zeiten, Fragen wichtig wären, zum gegenseitigen Verständnis undsoweiter, ich träume manchmal davon, dass Menschen sich gegenseitig mit Interesse befragen und austauschen und kennenlernen, anstatt einander in die Luft zu jagen, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

Aber es gibt da noch diese zweite Ebene des Fragens, des erfahren-Wollens, die ich mir auch oft wünsche, leider auch zumeist komplett erfolglos. Fragen im Sinne von Eine andere Sicht der Dinge kennenlernen und bedenken.

An die werde ich jedes Mal erinnert, wenn ich in einem Dorf mit einem Dorfbrunnen vorbeikomme, der aus einer alten Viehtränke gebastelt ist, Sandsteinwanne, Wasserrohr oben raus, plätscher, plätscher, irre originell. Solche Brunnen finden Sie hier überall, und auch mein eigenes kleines Dorf wollte eines Tages einen Dorfbrunnen. Sandsteinwanne, Wasserrohr oben raus, plätscher, plätscher, irre originell, ja, Sie ahnen es, genau so kam es.

Dass im Dorf inzwischen sogar zwei künstlerisch tätige Herren wohnen, der eine haupt-, der andere nebenberuflich, hätte durchaus Anlass geben können, mal zu fragen Hey, fällt Euch zu dem Thema nicht was ein? Brunnen, Sandstein, Wasser? Da hätte man ganz umsonst und völlig unverbindlich vielleicht neue Ideen und Anregungen abgreifen können. 

Hätte, hätte, Fahrradkette, wie man so schön sagt, man kann das auf allerlei auch höhere kommunalpolitische Ebenen hindurch verfolgen, der Brunnen ist da nur ein Beispiel, eine Metapher quasi für die großen Themen.

Ich erinnere mich an eine Gemeinde hier im Landkreis, die vor vielen Jahren Studenten der Stadtplanung zu sich einlud, ein paar Tage bei freier Kost und Logis. Die Aufgabe hieß: Entwerfen Sie Pläne für unsere Gemeinde im Jahr 2050, oder so ähnlich irgendwie, jedenfalls kamen dabei die tollsten Sachen heraus, Abgefahrenes und Erstaunliches und Provokantes, Verwirrendes und durchaus Anregendes, ganz speziell erdacht auf die Gemeinde hin. Die kleine Kommune hatte plötzlich jede Menge neue Sichtweisen und Blickwinkel, so oder so, und die Studenten hatte ihre Semesterarbeit, und alle waren glücklich.  Ich fand das eine coole Sache, die aber leider niemand nachmachte.

Ein Runder Tisch zu irgendeinem langfristigen Thema? Vermeintlich Außenstehende zu einem Austausch über Zukunftsperspektiven zusammenholen? Mal in aller Ruhe einfach fragen und auf die Antworten hören? Nein, für sowas haben wir nun wirklich keine Zeit, hat mir mal ein ländlicher Bürgermeister gesagt und dabei milde gelächelt. Die Großstädterin wieder mit ihren Ideen, hat er vermutlich dabei gedacht, gleich kommt sie noch mit kreativen Think-Tanks und mit Denkfabriken, ach, Du liebe Güte.

Ich habe seinerzeit nicht weiter insistiert oder gar nochmal nachgefragt. Ich frage ja ohnehin schon viel zu viel, siehe oben. Oder vielleicht auch zu wenig, was weiß denn ich.

 

 

P.S. Dieser Beitrag ist in kürzerer Form vor einem Jahr schon mal hier erschienen. Ich musste heute nochmal drüber nachdenken, aus Gründen. Nein, fragen Sie nicht.

 

 

16 Kommentare

  1. Ja, ich glaube auch, auf dem Land wissen viele Vieles über einen anderen, ohne ihn selber jemals befragt zu haben. Das Interesse wäre also schon mal da, immerhin. 🙂 Und das Berliner Phänomen erschreckt mich, ist aber wiederum vielleicht typisch für die Großstadt.

  2. Fragen ist immer gut, glaube ich. Und vielleicht findest Du ja auch mal jemanden unterwegs, der Dich fragt und sich für Dich interessiert…. 😉

  3. Neugierde als einen Charakterfehler anzusehen, das ist es doch, was uns anerzogen wurde. Dieses Urteil muss man für sich erst mal überwinden lernen.Und wenn man Fragen stellt, sollten sie mit Empathie gefragt und die Antworten mit Liebe empfangen werden. Dazu gehört Für mich dann noch die Bereitschaft, ebenfalls von mir selbst etwas preiszugeben. Es sollte im besten Fall ein Austausch sein, wie bei Allem im Leben. So verspürt jeder eine Bereicherung.
    So sehe ich das. Liebe Grüße von Kari

  4. Als kleines Mädchen (lange lange ist es her 😉 ) hatte ich ein Poesiealbum, dort steht ein Spruch der immer mehr mein Spruch geworden ist.
    „Wer fragt ist ein Narr für fünf Minuten, wer nicht fragt bleibt ein Narr ein Leben lang!“

  5. Was hast du nur gegen Sandsteinwasser, Rohr oben raus, plätscher plätscher? Das ist doch vertrauter Odenwald.
    Künstlerisch gestalteter Brunnen? Was ne Idee, sind doch nicht in Berlin du!
    Ist sarkastisch gemeint nicht wahr? Du verstehst…

    Und das mit dem Fragen, ja das ist so eine Sache. Mein Job ist es ja auch zu fragen, nachzuhaken, auch in die unangenehmen Ecken des Lebens, manchmal nicht ganz angenehm muss ich sagen. Aber – spannend.

    Und ja mich traut keiner zu fragen so wirklich, ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich einfach erzähle weil ich es so ungerecht finde dass man mir aus dem Nähkästchen erzählen muss und ich nix von mir Preis gebe. Müsste ich nicht, aber es überkommt mich manchmal weil ich meinen „Klienten“ mitteilen will – hei, du steckst in einer blöden Situation aber weißte – ich auch, Vieles ist einfach menschlich….

    Aber was ist das was wir da tun? Wurde ja eigentlich aberzogen: sei nicht so neugierig…. plapper nicht so viel, sowas erzählt man doch nicht…

    Also ich plapper gerne und ich bin neugierig – das ist gut so auch wenn es sicherlich nicht für jeden angenehm ist.
    Sei lieb gegrüßt!

    Bettina
    PS: dann hak ich mal neugierig nach, warum waren wir eigentlich immer noch nicht nen Kaffee trinken??

  6. Echte Journalisten, die mit Herz und Verstand bei der Sache sind, können sich eben nicht verleugnen und nicht einfach im Kopf einen Knopf umlegen zum Umschalten vom Berufsalltag ins Privatleben. Der Reporterinstinkt und der Blick für interessante Geschichten bleiben im Alltag und im Privatleben erhalten, sehr zum Leidwesen meines Mannes, der manchmal findet, dass ich ständig alles viel zu viel hinterfrage.

  7. Pingback: Der Wirtschaftsteil Nr. 200 - GLS Bank-Blog

  8. Zur Dorfstudie – mir ist da „Kiebingen“ von Utz Jeggle (aus den 70er Jahren) sehr ungut in Erinnerung. Aber vielleicht gibt es das heute auch weniger von oben herab.

    Vielleicht ist der badische Odenwald eine Ausnahme. Im hessischen Odenwald wurde ich früher immer „neugierig“ gefragt „wem ich gehöre“. „Ich solle mich nicht ausfragen lassen“ sagten hingegen meine Eltern. Neugier, anders als die Bescheidenheit, ist keine Zier. „Das geht doch niemanden was an“, sagt oft meine Mutter, wenn sie findet, dass ich zu viel auf meinem Blog preisgebe.

    Der Franzose, insbesondere der ländliche Franzose fragt sehr viel. Wie oft habe ich schon mein Leben erzählen müssen! Aber der Franzose erzählt seinerseits auch sehr viel. Er ist grundsätzlich ein geschwätziger Mensch, zumindest hier im Süden, wird hemmungslos und ohne Komplexe gefragt und erzählt. Muss man bei Besuchen auf dem Land einplanen. Schnell geht da gar nichts.

  9. Frau Rebis machte mich auf Ihren Artikel aufmerksam, wie dankbar ich ihr bin! Stimmt, es wird viel zu wenig gefragt (auch hinterfragt – aber das wissen Sie ja selbst 😉 )
    Und was innovative Ideen, neue Blickwinkel und Sehweisen anbelangt, nun, das dauert, besonders auf dem Land und nicht nur im Odenwald, im Schwarzwald ist das kaum besser!
    herzliche Grüsse
    Ulli

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