Kulturprovinz?

Ein Künstler, der aus der pulsierend-inspirierenden Stadt wegzieht, in die hinterste Pampa, der muß schon ganz schön einen an der Waffel haben. Oder lebensmüde sein. Oder Millionär, und deswegen nicht angewiesen auf das Geld, das ihm seine Kunst einbringt.

Haben vermutlich viele gedacht, als Geo vor Jahren sein Atelier in Mannheim in Kisten packte und mit mir zu den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen zog. Geo, der natürlich in Wirklichkeit gar nicht Geo heißt, sondern irgendwie anders. Aber ganz ähnlich.

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Oh, weh, wenn das mal gutgeht. Die da im Odenwald ham doch keine Ahnung von Kunst, und außer den Betenden Händen von Dürer hängen die doch nichts an ihre Wände. Schon gar nicht so abstraktes Geschmiere, wie es heute für teuer Geld als „Kunst“ verkauft wird. Sowas kann mei Enkelsche aach.

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PurPur, Öl auf Leinwand, 144×172

Das Ende vom Lied: Der Künstler aus der Großstadt verkauft hinter den Sieben Bergen nochmal deutlich mehr Kunst, als er es in seinen Ateliers in Frankfurt und Mannheim ohnehin schon getan hat. Der lebt von seiner Kunst, seit Jahrzehnten schon. Und nicht mal schlecht. Und im Odenwald, bei den vermeintlichen Kunstbanausen, nochmal besser als zuvor. Hier ist er eben nicht einer von 6000 Künstlern am Ort, sondern der Künstler. Wir suchen den Künstler, haben vor einiger Zeit Freunde von uns im überüberüberübernächsten Dorf gefragt, als das Navi nicht mehr weiterwußte. Den Künstler? Kennen wir. Also passen Sie auf:… Die Leute auf der Straße wußten gleich bescheid. Exoten kennt man eben im Odenwald. Der Maler als semi-Prominenz.

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Erstes Grün, Öl auf Leinwand, 80×60

Einmal im Jahr öffnet Geo unsere eigenen vier Wände für kunstinteressierte Besucher und Kunden. Setzt damit fort, was er schon im Mannheimer Atelier begonnen hatte, damals mit 30 bis 40 Besuchern pro Wochenende. Die Konkurrenz war groß: Zeitgleich fanden in Mannheim 395 andere Veranstaltungen statt, eine interessanter als die andere.

Zum ersten offenen Atelier im Odenwald, vor vielen Jahren, kamen gleich knapp 400 Menschen. Ich hatte zwischenzeitlich Sorge um die Statik des Gebäudes, in der Atelierküche ging es vorübergehend zu wie in der Tokioter U-Bahn. Stundenlang Gedränge und Geschiebe. Aus reiner Neugierde kamen die einen, aus echtem Interesse viele andere.

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Blaue Traumgedanken, Öl auf Leinwand, 80×60

Das Offene Atelier beim Künstler gehört inzwischen zum festen Bestandteil des jährlichen Provinz-Veranstaltungskalenders. Die anfängliche Neugierde ist gestillt, aber noch immer kommen an zwei Tagen bis zu 200 Gäste. Die Presse ist dann da, und der Bürgermeister sowieso. Dazu noch der regionale Sparkassenchef. Oder der Volksbankvorsitzende. Abwechselnd.

Von wegen Kunstbanausen.

Vor dem Haus parken dann auch immer großformatige Limousinen mit denn Kennzeichen der großen Städte Süddeutschlands. Stuttgart, Frankfurt, München. Der Panamera ist eigentlich recht sparsam. Der verbraucht bloß 16 Liter. Für die Kunstkenner aus den Kunstmetropolen ist der Ausflug in den Odenwald ein aufregendes Abenteuer, von dem sie hinterher ihren Bekannten erzählen können. Du, wir haben da hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen einen Künstler entdeckt…. toll!! Und das Gasthaus, in dem wir übernachtet haben: wie früher!! 21 Euro das Zimmer. inklusive Frühstück. Süß! Da müsst Ihr unbedingt mal hin!

Ein Geheimtipp. Mannheim? War doch langweilig dagegen.

Weniger als fünf Prozent der offiziell registrierten deutschen Künstler können von ihrer Kunst leben. Der Rest murkelt in den Großstädten am Existenzminiumum herum, schlägt sich mit Volkshochschulkursen durch, bringt gelangweilten Hausfrauen das Aquarellieren bei und weiß am Ende des Monats trotzdem nicht, wie die horrende Miete für das Atelier zusammenkommen soll.

Auch so gesehen hat die Provinz was für sich.

Allen arroganten Vorurteilen zum Trotz.

 

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Sonniger Tag, Öl auf Leinwand, 70×50

 

Und noch ein kleiner Werbeblock:

Offenes Atelier 2016: letztes Novemberwochenende, Samstag und Sonntag, jeweils 14 bis 18 Uhr, Limbach-Balsbach, Wagenschwender Straße 6.

 

 

17 Kommentare

  1. Also,…es gibt ja eine tgv-Verbindung zwischen Paris und Mannheim…..und dann gehts nur nochmal anderthalb Stunden per S-Bahn weiter in den Wald….

  2. Das sage ich auch immer den Nörglern, die da meinen. ja, bei Euch gibts ja keine Oper, kein Theater, kaum Kinos – hallo? wie oft habe ich das WIRKLICH genutzt früher? (naja, schon etliche Male, da bin ich ja auch froh drum, aber derzeit brauche ich das nicht.)

  3. Dann freuen wir uns doch einfach mal! 😉 Leider kommen die Besucher immer in Wellen. Erst passiert eine Stunde lang gar nichts, dann kommen fünzig Menschen auf einmal. oder so. Ganz merkwürdig.

  4. Großartige Bilder! Wie gut, dass Sie das Geheimnis gelüftet haben. Wenn ich nicht so weit entfernt wohnte, dann wäre ich gern mal zum Offenen Atelier vorbeigekommen.

  5. „Der Panamera ist eigentlich recht sparsam. Der verbraucht bloß 16 Liter.“
    Genau ! So sieht es aus !! Sozialsafari, wenn man so will.
    Mir hat ein Hotelier in der Pfalz mit Blick auf seinen Dodge Ram, 300 PS, dicke Reifen, was weiß ich noch, nur der Fuchsschwanz hat gefehlt, gesagt, diese Ausführung sei viel wirtschaftlicher, der brauche nur 16 Liter, das größere Model mit 10 Zyl. Motor, 450 PS, bräuchte 35 Liter, und das sei ja wohl entschieden zu viel, zumal der die Leistung ja gar nicht mehr auf die Straße bringe, bla bla bla.
    (16 Liter scheint so eine Standardverbrauchsangabe von Besitzern von dicken Autos zu sein. )
    Man, was haben diese Leute eigentlich im Schädel ?
    Die Bilder sind auch Klasse, bei der Gelegenheit.

    • Man wundert sich. Gleichzeitig treffe ich Leute mit solchen Autos, die gleichzeitig viel ehrenamtlich tun und viel Geld für Soziale Zwecke geben. Alles kompliziert.

  6. Mich sprechen die Bilder auch an. Und Tag der offenen Tür im Atelier – super!
    Toll, wenn man von seiner Kunst existieren kann (im Theater habe ich soviele als Zeitarbeiter erlebt, die einen hohen Preis für das freie Künsterlleben zahlen mußten = Geldnot).
    Ich finde ja, dass es eine ganz andere Kiste ist, in der Stadt Kunst zu machen wie auf dem Land – aus Künstlersicht. Das, was du erschaffst, muß sich auf dem Land mit der Natur messen können. In der Stadt zählt dieser Aspekt quasi gar nicht. Es würde mich interessieren, wie das dein Geo sieht…

  7. Wir wohnen im kleinen Odenwald, also gar nicht so weit weg – quasi ums Eck. Die Bilder sind klasse und wir würden gerne vorbei kommen. Kommt man bei euch auch mit einem Rollstuhl rein oder gibt es Treppen?

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