Was schön war.

19. Oktober 2016

Wir machen manchmal im Urlaub etwas eigentümliche Dinge, der Gatte und ich. Wir gehen natürlich in Museen und begucken alte Burgen und Schlösser, und, und, und, wie man das halt so macht als Tourist, aber zwischendurch machen wir auch eher eigentümliche Ausflüge.

Diesmal lachte uns ein neongelbes Plakat im Supermarkt an, das eine große Obst- und Champignon-Ausstellung der Obst- und Champignon-Freunde in Bouxwiller in den Vogesen ankündigte, das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Wir sind ja schließlich, was ländliche Themen angeht, immer lernbegierig. Und wie das manchmal so ist: der Besuch der Champignonschau entpuppte sich als einer der Höhepunkte unseres Urlaubs.

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Also hinein in den zweckmäßigen Salle Polyvalentes in Bouxwiller, wir schauen uns schüchtern und schweigend um, im Vorraum wird Gartengerät angeboten und Saatgut, im riesigen Saal stehen lange Tische in Reihe, die sich unter Äpfeln und Pilzen aller Formen und Farben biegen. Hier trifft sich die Landbevölkerung, fachkundig beugen sich Männer über Traktoren und Schneidmesser, fachsimpeln Frauen über die Qualitäten verschiedener Mehle und die Vorzüge einzelner Obstsorten in der Küche.

Wir werden am Eingang empfangen wie lang verlorene Söhne und Töchter, sofort in Gespräche verwickelt, halb Elsässisch, halb Französisch, am liebsten auf Deutsch, das können hier alle. Hier in dieser Gegend, die mal französisch, dann deutsch, dann wieder französisch, dann wieder deutsch, dann wieder französisch war, in der die Deutschen ihr gräßliches Unwesen trieben und in der man bis heute im Unterholz Knochen jener jungen Männer finden kann, die Hitler noch in den letzten Kriegstagen zu -zig Tausenden in ihr Unglück hat rennen lassen, Operation Nordwind nannte sich das entsetzliche Unternehmen, – hier also werden wir herzlich begrüßt wie alte Freunde, die man lange vermisst hat.

Und dann zeigen uns die Producteurs ihre Schätze, so, als hätten sie tatsächlich nur auf uns gewartet, mehr als 200 Apfelsorten, fein aufgereiht und beschriftet, dazu 160 verschiedene Pilzarten, die sechs Männer am Tag zuvor gesammelt und schön angeordnet und mit Hinweisen versehen haben, damit der Besucher auch was lernt. Alle reden durcheinander, jeder möchte uns etwas erzählen, von Besuchen in Deutschland, von Städtepartnerschaften, von Jugendaustausch, jeder möchte uns die tollsten Äpfel, die leckersten Pilze näherbringen.

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Mit einer eleganten Alten kommen wir ins Gespräch, oder besser gesagt, sie mit uns, zwischen den Pilzen, und der Gatte fragt, noch immer perplex, woher die Freundlichkeit hier kommt, ausgerechnet uns gegenüber, ausgerechnet hier, in dieser ganz speziellen Gegend. Wir mögen die Deutschen, sagt die Alte, wir haben sie aber natürlich nicht immer gemocht, wissen Sie, meine Familie war im KZ, natürlich habe ich die Deutschen gehasst, aber ich habe viel nachgedacht über die Deutschen und die Franzosen, und heute ist Heute, und wir alle zusammen stehen jetzt in dieser Mehrzweckhalle hier, und jetzt schauen Sie doch mal da drüben, sind diese alten Apfelsorten nicht sensationell? 

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Mit einer Mischung aus Erleichterung, Beschämung und Verlegenheit folgen wir der alten eleganten Dame durch den Saal, vorbei an den Äpfeln und den Pilzen, Seid Ihr jetzt endlich fertig mit Euren blöden Geschichts-Gesprächen?, ruft ihr lachend in französisch-gefärbtem Deutsch einer hinterher, und sie lacht zurück. Wir lachen auch.

Und dann fahren wir wieder zurück in unser Ferienhaus, vorbei am alten Kriegerdenkmal in Bouxwiller, vorbei an Hinweisschildern zu Soldatenfriedhöfen, vorbei an den Überresten der Maginot-Linie, vorbei an den jüdischen Friedhöfen, den deutsch beschrifteten alten Häusern, vorbei an all den vielen kleinen Hinweisen auf die Vergangenheit dieser Region. Auf einer der wenigen größeren Straßen überholt uns plötzlich ein winziges Auto, hinterm Steuer die elegante Alte auf ihrem Nachhauseweg, sie hupt und winkt und lacht, und wir winken und lachen zurück.

 

 

 

P.S.: Es gibt da manchmal so Blogaktionen, da denkt man, das ist so eine schöne Idee, das müsste man nachmachen, aber dann kommt man sich ein bisschen doof vor, weil Nachmachen halt immer so eine Sache ist. Nachmacher!, Nachmacher!, haben wir früher den blöden Kindern hinterhergerufen, die irgendetwas nachmachten, was ein anderer erfunden hatte, naja, Sie wissen schon. 

Die Aktion Was schön war habe ich beim Herrn Buddenbohm entdeckt, und der wiederum hat es bei Frau Gröner entdeckt, und währenddessen habe ich also festgestellt, dass Nachmachen hier nicht verpönt, sondern sogar sehr erwünscht ist. Also bitte. Und so verkehrt ist es ja auch nicht, zwischendurch über all das Kleine oder Große nachzudenken, was gut war in den zurückliegenden Tagen. 

 

 

  • 11 Kommentare
  • Astridka 20. Oktober 2016
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    Und mir hast du wieder ein paar feuchte Augen beschert und an den Großvater erinnert, den riesigen Einstigen Postillion & Verdunüberlebenden, der sich nichts sehnlicher gewünscht hat als die Aussöhnung der beiden Länder, an die beiden Mademoisellen, die meine Enkelinnen sind, und die den Großvater glücklich gemacht hätten, so wie euch diese Begegnung. Solche Erlebnisse machen mich stark, stark für die Verteidigung der europäischen Idee gegenüber all diesen Idioten, die aus ihren braunen Löchern kommen und sich für das Volk halten.
    Lasst es euch gut gehen, der Winter wird jetzt bald wiederkommen!
    Herzlichst
    Astrid

  • Eckhard 20. Oktober 2016
    Antworten

    Wieder sehr schön beschrieben….man kommt sich vor als wäre man vor Ort dabeigewesen…Bis bald..
    lb.Gr Eckhard

  • Alwin 20. Oktober 2016
    Antworten

    Möchte mich an der Stelle endlich mal bedanken. Erstens mal für deine Texte insgesamt, und zweitens für die schönen Berichte aus dem Urlaub. Du hast mich überzeugt, nächsten Sommer meine Gebeine mal wieder Richtung Westen zu bewegen. Da ich im Fernen Südosten der Republik wohne, führten mich die Kurzreisen der letzten Jahre meist in die Tschechische Republik, aber dieses Elsaß muss ich mir jetzt doch mal ansehen. Und schlechter als mein Tschechisch kann mein eingerostetes Französisch ja auch nicht sein.

    • LandLebenBlog 22. Oktober 2016
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      Auf jeden Fall ist es dort, auch historisch gesehen, wirklich sehr spannend, in den Nordvogesen nochmal ganz anders als im Elsaß, aber ggf kann man ja beides verbinden. Ich war schlußendlich froh, daß es uns (zunächst wider Willen) in die Vogesen statt ins Elsaß verschlagen hatte, das Elsaß ist ja inzwischen sehr touristisch, das hat zwar viele Vor- aber eben auch Nachteile.

  • Peer van Daalen 20. Oktober 2016
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    Minister von Hammerstein, Geheimrat Breuhahn, Ruhm von Kirchwärder, Stahls Winterprinz, Champagnerrenette, Freiherr von Berlepsch, Berliner Schafnase, Flandrischer Rambour, Rheinischer Winterrambur …

    Ist noch keine zwei Generationen her, wo es in Deutschland mehr als vierhundert Apfelsorten gegeben hat.

    Deutschlands Obstsorten

    Obstsorten-Datenbank

    Manchmal gibt es solche Sorten Äpfel auf Märkten oder in Belgien zu kaufen, wo sie wieder kultiviert werden.

    Danke für den Artikel | Peer

    • LandLebenBlog 22. Oktober 2016
      Antworten

      Vielleicht gibt es auch bei den Obstfreunden in Bouxwiller noch viel mehr Sorten, die 200 waren zumindest die, die sie am Tag greifbar und vorzeigbar hatten. Aber danke für den Link, da weiß man mal wieder, was man alles nicht weiß….

  • Pingback:Woanders – Mit Felsen, Trollen, Podcasts und anderem |

  • Rosi 4. November 2016
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    heute habe ich deinen Blog entdeckt ..und bin hängen geblieben..
    und hab geschmunzelt und ein bisschen Pipi in die Augen bekommen..
    deswegen fange ich mal hier an meinen Kommentar zu schreiben..
    dein lebendiger Erzählstil gefällt mir sehr und obwohl dieser Beitrag locker daher kommt
    macht er nachdenklich ohne erhobenen Zeigefinger..
    wenn die Menschen es doch endlich begreifen würden
    wir sind alle auf einander angewiesen..und Teil einer „Familie“
    liebe Grüße
    Rosi

    • LandLebenBlog 4. November 2016
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      Danke für die Blumen und den frommen Wunsch. Aus dem wird aber wohl nichts mehr auf dieser Welt…

  • mano 4. November 2016
    Antworten

    ein blogbeitrag, der mich sehr anrührt. erinnert er mich doch an meinen onkel, der mit 18 jahren in ähnlicher hitlermission 1945 in der champagne umgekommen ist. wie gut, dass wir heute von der deutsch-französischen freundschaft erzählen können. ich habe ähnlich positive erfahrungen machen dürfen.

    • LandLebenBlog 4. November 2016
      Antworten

      Aber inzwischen tickt die Welt wieder irgendwie anders, es ist zum Heulen, oder??

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