Auto-Poser.

18. September 2016

Es gibt Probleme, über die Männer nur ungerne sprechen. Aber merkwürdigerweise fahren sie genau diese Probleme offen auf der Straße herum, pflegte meine Großmutter selig zu sagen, eine eigentlich ganz elegante Frau. Sie sagte diesen Satz immer dann, wenn irgendwer sie und ihren ollen hellblauen Käfer mit lautem Motorengebrüll überholte und von hinten nur noch sein gigantischer doppelter Auspuff zu sehen war. Naja, Sie wissen schon.

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Foto: Kurt/pixelio.de

Wie dem auch sei: jedenfalls hat die Polizei im nahen Mannheim derzeit häufig mit röhrenden Motoren und doppelten Auspüffen zu tun, junge Männer sind in der Innenstadt unterwegs, besonders gerne abends und häufig nur im Schritttempo, trotz 200 Pferdestärken, sie röhren und jaulen und heulen an den Ampeln und in den engen Straßen und erregen damit allerlei Aufmerksamkeit. Von Auto-Posern sprechen genervte Anwohner und Psychologen, von pubertierenden Schraubern und Bastlern, die erstens irgendein Problem mit den Hormonen haben, und zweitens zeigen wollen, was sie können.

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Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

So einleuchtend der sexualpsychologische und hormonbasierte Ansatz auf den ersten Blick erscheinen mag: Ich halte ihn in diesem Fall für völlig falsch. Das motorisierte Röhren, Jaulen, Heulen ist eine uralte Tradition, die – wie so vieles – ihren Ursprung auf dem Lande hat. Rural roaring könnte man das nennen, wenn man Soziologe wäre. Eine Tradition, die nun, Landflucht undsoweiter, ihren Weg auch in die Städte findet und dort als solche – wie so vieles – nicht erkannt wird.

Manchmal sieht man sie ja hier noch, die ländlichen Urväter der Motorisierung, die mit VW-Jetta oder altem Benz über Land schleichen, im kreischenden 1. Gang. Männer, denen man zurufen möchte Schalt hoch, der Wagen hat auch einen 2. Gang, vielleicht auch einen 3, Du schaffst das!, aber nein, sie hören nicht und schleichen jaulend weiter. Die für eine Dreipunkt-Wendung 26 Punkte brauchen, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück,  vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück,  vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, mitten auf der Gass am liebsten, heulend und kreischend, aber immer mit der Ruhe. Zentimeter für Zentimeter, das Steuerrad mit beiden Händen fest umfasst und nach Fahrschul-Lehrbuch drehend, komme da, was wolle. Gelernt ist gelernt. Die sich auch nicht umdrehen beim Rückwartsfahren oder Ausparken, das wäre ja noch schöner, sich verrenken für eine Maschine und die Mitmenschen, sollen die doch aus dem Weg gehen, Zeit genug ist immer. Mit Hormonen hat das nichts zu tun, es ist die alte-Väter-Sitte, unumstößlich.

Diese Urväter der ländlichen Mobilität also haben natürlich auch kräftige Söhne gezeugt, irgendwann einmal, zwischen zwei aufwändigen Wendemanövern vielleicht, und diese Söhne haben bei den Vätern das Fahren gelernt. Und sind dann aber, das leidige Thema, in die Stadt abgewandert. Mit ihrem neuen Auto und der alten Fahrweise. Und Sie ahnen, was jetzt kommt.

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Foto: Uschi Dreiucker/pixelio.de

Und nun schleichen die Landsöhne also abends durch die Mannheimer Innenstadt, traditionsbewußt heulend und jaulend, sie suchen verzweifelt einen Parkplatz, sie wollen rasch ein Eis essen und eine Feierabend-Limonade trinken, vielleicht auch eine warme Milch, sie sind verunsichert von all der Raserei um sie herum und von den Flüchen der Anwohner, und plötzlich kommt dann auch die Polizei und nimmt sie an den Haken. Statt sich um die interkulturelle Verständigung zu kümmern, schleppt man sie ganz einfach ab. Klassischer Fall von urban-rural-Mißverständnis, falls Sie verstehen, was ich meine. Und der mutwillig herbeigeführte Niedergang einer ländlichen Kulturtechnik. Ja, das ist meine These.

Denken Sie an meine Worte, wenn Sie sich das nächste Mal über einen sogenannten Auto-Poser ärgern. Informieren Sie dann bloß nicht das Mannheimer Ordnungsamt oder gar die Polizei. Melden Sie Ihre Beobachtung lieber dem Odenwälder Freilandmuseum, die werden dafür bezahlt, dass sie alte ländliche Kultur bewahren und beschützen.

 

 

  • 6 Kommentare
  • Seifenfrau 18. September 2016
    Antworten

    Haha,
    ach SO ist das also.
    Super Erklärung!

  • Landfamilie 18. September 2016
    Antworten

    :DDD

  • Violine 19. September 2016
    Antworten

    Hihihi, das mit der Eisdiele in der Stadt ist mir noch gar nicht aufgefallen. Erst nach Lektüre dieses Artikels.
    Komme gestern abend vom Gottesdienst, laufe die paar Meter heim. Und höre Geröhre – vor der Eisdiele, die auf meinem Weg lag.

    • LandLebenBlog 19. September 2016
      Antworten

      Na, also, das ist doch der Beweis. ;-)

  • Linda 19. September 2016
    Antworten

    Ein sehr interessanter Artikel.
    Leider funktioniert er bei uns gar nicht,
    weil der Nachbar von gegenüber, der jetzt schon lang genug da wohnt, eigentlich nicht verunsichert sein dürfte, schließlich kennt er die Ausfahrt ja in- und auswendig (Thema: vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück und zwischendurch mal extra laut aufs Gas!). Ne Eisdiele ham wa auch nicht in der Nähe, außerdem hätten wir eine, bräuchte er ja das Auto nicht (bestechende Logik!).
    Mittlerweile hab ich mich abgefunden und drehe im Sommer, wenn die Fenster geöffnet sind und er angefahren kommt und ich den Sprecher im TV nicht mehr höre, einfach die Lautstärke höher – meine Form des Röhrens!!

    Liebe Grüße,
    Linda

  • Waswegmuss 19. September 2016
    Antworten

    Dezentes Brozzeln, achtzylindrig, migrierte Auspuffanlagen.
    Ampelstart, dezent. Kostet jedes Mal zwei Millimeter.
    Sie wissen schon.

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