Architektur und Migräne.

Wenn Sie sich weder für das eine noch für das andere Thema erwärmen können, also weder etwas mit Migräne und Migränetherapie am Hut haben, noch mit Architektur und modernem Kirchenbau, dann können Sie jetzt eigentlich getrost wegklicken. Wenn Sie aber zu dem einen oder anderen etwas lernen – vielmehr: etwas tun – möchten, dann lesen Sie gerne weiter. Vielleicht haben Sie am Ende dann so ein unbestimmtes Kopfweh, so wie ich, aber Sie wissen ja dann, was zu tun ist, das werde ich Ihnen im Text auch erklären.

Also: eigentlich geht es um meinen Urgroßvater. Der war ein ziemlich cooler Typ, so erzählt man sich, und er war in der migränegeplagten Familie vor allem für eines berühmt: Für seine legendären Kopfschmerzen. Die beutelten ihn schon im Alter von 20 Jahren so arg, dass er endlich mal zum Arzt ging. Das war Anfang 1900. Der Arzt machte nicht lange herum, sondern empfahl dem jungen Herrn das einzig Naheliegende: Organisieren Sie sich eine Mitfahrgelegenheit auf einem Segelschiff und fahren Sie einmal rund um den Erdball. Durch alle Zeit- und Klimazonen, die es da so gibt.

Is klar.

Der Urgroßvater tat, wie ihm geheißen, heuerte auf einem Dreimaster an und fuhr los. Knappe zwei Jahre war er unterwegs, und hinterher war die Migräne: weg.

Wir können Ihnen das also nur empfehlen. Vorausgesetzt, Sie haben, wie der Urgroßvater, genügend freie Ressourcen für eine solche Therapie. Leider übernehmen die Kassen das bisher noch nicht.

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So in etwa ist das mit Migräne. Foto: Thomas Max Müller/pixelio.de

Egal wie, der Urgroßvater genoss ob dieser medizinisch etwas undogmatischen Herangehensweise also einen guten Ruf in der Familie, selbst bei den zahllosen Ärzten in unseren Reihen, und er tut es weiterhin, über die Generationen hinweg. Und auch ich fand das als Kind natürlich äußerst spannend, den sagenumwobenen Uropa, der um die Welt segelt.

Erst sehr viel später wurde mir dann klar, dass der Urgroßvater in anderen Kreisen ganz andere Bedeutung hat. Otto Bartning, so hieß der migränegeplagte Leichtmatrose, gilt bis heute als einer der wichtigsten deutschen Städte- und Kirchenbaumeister der Moderne, und wann immer ich ganz unauffällig seinen Namen in Gegenwart von Architekten oder Theologen fallen lasse, geht mein Gegenüber in die Knie. Du hast den Bartning zwar gar nicht mehr gekannt, aber angeben kannste mit dem immer. Sagte meine Großmutter, Ottos Tochter, sehr berlinerisch und treffend.

Wie dem auch sei: Wenn Sie da näheres wissen wollen, schauen Sie mal hier bei wikidingsbums oder auf dieser leider extrem häßlichen, aber sehr informativen Seite nach. Oder googlen Sie einfach mal, da findet man die tollsten Sachen. Finde ich zumindest. 

Und natürlich habe ich sogar schon im finstren Odenwald Spuren meines Urgroßvaters entdeckt, und in Mannheim und Ludwigshafen und Heidelberg; einen Steinwurf von mir entfernt, in Neckarsteinach, hat er mal gewohnt und war dort sogar Bürgermeister oder sowas in der Art, die Insel Helgoland wurde nach dem 2. Weltkrieg unter seiner Leitung wieder aufgebaut, und Bartning war dort Ehrenbürger. Was ihm, wie jedermann weiß, auch die freie Fahrt in Bus und U-Bahn ermöglicht hätte, wenn es denn soetwas in Helgoland gegeben hätte. In Darmstadt ist er auch Ehrenbürger, und ich muß mal nachhören, ob sich freie Bus- und U-Bahnfahrten auch auf Nachkommen in 3. Generation übertragen lassen.

So berühmt ist der gute Mann also, und so bedeutsam sein Schaffen, dass es inzwischen eine Initiative gibt, etliche seiner Kirchen als Gesamtkunstwerk zum Unesco-Weltkulturerbe zu machen. Und Bartnings Geburtsstadt Karlsruhe plant angeblich im kommenden Jahr eine große Ausstellung zu Ehren eines ihrer berühmtesten Söhne.

Womit wir nun also bei Karlsruhe wären. Und gleich wieder Migräne bekommen. Denn offenbar ist die Stadt zwar eigentlich sehr stolz auf ihren Bartning, plant aber gleichzeitig, sein großes Wohnhaus ebenda abzureißen, weil es Neubauten im Wege steht. So entnehme ich das jedenfalls einer ganz neuen Petition, auf die ich durch Zufall gestoßen bin.

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Man liest’s und wundert sich. Oder bekommt, siehe oben, Kopfschmerzen. Auf den schicken Neubau wären wir gespannt, vierstöckig und in Blockbauweise. Der alte Otto rotiert derweil im Grab, nehme ich jetzt mal so an. Wenn Sie jetzt auch so ein merkwürdiges Gefühl im Schädel bekommen, dann können Sie entweder auf einem Dreimaster anheuern und um die Welt segeln – oder: sich die Petition mal anschauen und gegebenenfalls unterzeichnen. Vielleicht hilft das ja. Ich würde mich freuen.

Und was hat das jetzt alles mit LandLeben und Provinz zu tun? Nicht sehr viel, zugegeben. Wobei man Bartningbauten auf den kleinsten Dörfern und in den größten Metropolen findet. Also in der Stadt und in der Provinz. Wobei uns jetzt bei Karlsruhe aktuell nicht ganz klar ist, in welche Kategorie das einzuordnen wäre.

 

 

 

 

 

 

 

 

8 Kommentare

  1. Spannend finde ich diese Geschichte und habe gleich unterschrieben, auch im Gedenken an unsere Großtante, die in Schefflenz gelebt hat und bei der Dragonerstrasse um die Ecke Jahrzehnte verbracht hat. Sie lief diese Strasse zum Einkaufen…
    Ich hoffe sehr, der Abriss kann verhindert werden, mehr Pflegeplätze kann der Bauträger sicher auch anders bekommen.

  2. Jetzt dacht ich immer, ich wäre in puncto Architektur einigermaßen gebildet, und da kommst du mit dem Urgroßvater daher ( da haste ja doch badische Wurzeln! )….
    Hab gleich unterschrieben. So geht das man ja nich…
    LG
    Astrid

    • Ja, aber wenn nun die kameruner Eisenbahn als völlig unnütz und überflüssig eingestuft würde, dann täte Dich das auch fuchsen, oder? Wobei ich gar nichts raushängen lassen will, denn zur Existenz der Urgroßeltern hat man selber ja herzlich wenig beigetragen. Insofern gibts da nichts zum stolz-sein. Trotzdem ärgert mich die Geschichte sehr. Das ginge mir in jedem ähnlichen Fall genauso, aber hier kommt natürlich noch der persönliche Bezug dazu. Und sich als Stadt mit dem Architekten schmücken wollen und gleichzeitig einen seiner Bauten abreissen, weil das alte Gelump in die Jahre gekommen ist, klingt mir irgendwie merkwürdig.

      • Ach, die Eisenbahn in Kamerun wird vermutlich inzwischen von Jim Knopf betrieben. Viel schlimmer ist es, dass sich mein Urgroßvater dort Malaria eingefangen hat und an den Spätfolgen verstorben ist. Hinterlassen hat er Elefantenschädel, Antilopenfelle, Eingeborenenspeere und andere Souvenirs.

  3. Als Karlsruher kann ich leider nur sagen: Wenn die Baustellenfläche dieser Stadt im Vergleich zur Gesamtfläche nicht mindestens 25 % beträgt, ist man hier einfach nicht zufrieden.
    Die Initiative habe ich natürlich dennoch unterzeichnet. Vielleicht finden sich ja ersatzweise zwei bis drei Haltestellen, die man untertunneln kann.

    • Aha, und ich hatte schon gedacht, dass ich inzwischen selbst im Auto so provinziell-ängstlich bin in der großen Stadt, dass ich da überall bloß Baustellen und Umleitungen wahrnehme.

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