Berlin, Berlin.

Da sitze ich manchmal tief im Oudewald und lese die Zeitungen aus meiner Heimatstadt, digital, das ist ja heutzutage alles möglich. Und Berlin ist ja nun nicht irgendeine Stadt, wie Wanne-Eickel oder Bergisch-Gladbach meinetwegen, Berlin ist die Stadt schlechthin, die coolste aller deutschen Metropolen. Genau.

Arm, aber sexy. Ich wage gar nicht mir auszumalen, wie es wäre, wenn Berlin reich wäre. Reich und sexy, dann würden vermutlich alle austicken, und der Berliner an sich käme aus seinem Lokalstolz gar nicht mehr heraus. So aber wird er immer mal wieder auf Normalmaß zurückgestutzt. Nein, ich erzähle jetzt nicht nicht wieder was vom BER-Desaster, das würde andernorts als Provinzposse allererster Güte durchgehen, aber Berlin ist ja eben nicht Provinz, um Himmelswillen, sondern sexy Hauptstadt. Also, Schwamm drüber.

Aber a propos Provinz: wenn Sie aus ebendieser kommen und demnächst einen Trip nach Berlin planen, in diese coolste aller Metropolen, wenn Sie sich also als Landei in die große GlitzerGlamour-Welt trauen, dann gebe ich Ihnen nur rasch zwei aktuelle Tipps mit auf den Weg. Ich bin ja als regelmäßige Leserin von Tagesspiegel, Mottenpest, B.Z. und anderen Gazetten bestens informiert. Also, bitte.

204_original_R_by_Markus Hein_pixelio.de

Ein Symbolbild. Foto: Markus Hein/pixelio.de

Erstens: Wenn Sie mit einem schicken neuen Bus der BVG fahren, und das tun Touristen immerzu und überall, und über 100 solcher schicken neuen Busse gibt es in Berlin, wenn Sie also mit einem solchen Bus fahren, dann wundern Sie sich nicht, wenn es ein bißchen müffelt. Das tut es in Berliner Bussen zwar immer, nach Döner-Bäuerchen und Dosenbier und manchmal auch nach Schlimmerem, aber in den schicken Neuen müffelt es nun ganz besonders.

Eine olfaktorische Mischung aus Katzenpipi und verwester Leiche, berichten Fahrgäste, den Busfahrern tränen die Augen und schmerzen die Köpfe, aber die kennen die Route ja im Schlaf, insofern ist das nicht so schlimm. Die Busse sind nagelneu und aus holländischer Produktion und waren sicher auch nicht billig, aber leider stinken sie wie blöd, Herr Martenstein hat hier einen sehr hübschen Text dazu geschrieben. Der Geruch verursacht offenbar halbwegs einen Brechreiz, ist aber keineswegs gesundheitsschädlich, der Senat hat das natürlich prüfen lassen, und auf den ist ja Verlass. Machen Sie sich also keine Sorgen.

Zweitens: Wenn Sie auf Spree oder Havel in Seenot geraten und nach der Polizei rufen, also nach der Wasserpolizei, dann stellen Sie sich darauf ein, dass es ein bißchen länger dauert. Die Schiffe sind alle uralt, dem Aussehen nach aus dem vorletzten Jahrhundert und dementsprechend langsam, bitte haben Sie dafür Verständnis.

710129_original_R_by_Erwin Lorenzen_pixelio.de

Nochn Symbolbild. Foto: Erwin Lorenzen/pixelio.de

Natürlich hat die Berliner Polizei ein neues und sehr schnelles Boot, das hat sie vor 14 Jahren (sic) bestellt und das ist nun geliefert worden, und alle waren froh und glücklich, aber bei der Jungfernfahrt entlang des Kanzleramts lief mal gleich Wasser in den Motorraum. Ja, das kann passieren. Das gute Stück hat eine Dreiviertel Million gekostet und liegt nun also wieder auf dem Trockenen. Die Heizung funktioniert aber auch nicht, insofern wird es den Handwerkern nicht langweilig mit dieser Neuerwerbung. Alle sind jetzt sehr enttäuscht, hier können Sie das nachlesen, aber ich würde sagen, wenn man 14 Jahre auf den großen Tag gewartet hat, machen die paar Monate nun auch nichts mehr.

 

In diesem Sinne: Ihnen eine gute Reise nach Berlin, und grüßen Sie mir meine coole Heimatstadt, die manchmal so erfrischend provinziell sein kann. Vielleicht mag ich sie eben dafür umso mehr.

 

 

 

 

 

15 Kommentare

  1. Da bin ich ja froh, dass ich nur eingereiste Berlinerin bin, dazu Autofahrerin und den Kanal nur zu Spaziergängen nutze! 😉 Danke für die Inside-Tipps aus der Provinz! Liebe Grüße! 😀

  2. Haben die doch nicht etwa das Polizeiboot beim VEB SACHSENRING bestellt ? Böser Fehler dort hat es doch schon zu DDR Zeiten immer etwas länger gedauert !

  3. Immerhin hat Berlin schon kostenlose Busse.
    Als ich im Januar dort war ist mir aufgefallen, dass man dem Busfahrer nur den Geldbeutel zeigen muss. Dann ist er zufrieden.

  4. 1.) Hamburg ist das bessere Berlin
    2.) In Berlin fährt man am besten mit dem Fahrrad. Bike, Drahtesel vastehse ?
    3.) Ich als Experte sage Ihnen, es gibt nix provinzielleres als Berlin.

    • Zu 3): ich wollte das so deutlich nicht sagen, aber Sie nehmen mir quasi die Worte aus der Berliner Schnauze. Deswegen fühlte ich mich ja auch nach 25 Jahren Berlin auf dem Dorf gleich so heimisch.

  5. Ich habe den Eindruck, daß zur Zeit die Innovationen tatsächlich eher im ländlichen Raum entstehen.
    Sei es die Bio-Landwirtschaft, Bürgerkneipenprojekte, Lebensformen in WGs , gesunde Kinder, die noch im Wald spielen und selbstständig ein Feuer entfachen können u.s.w..
    Nicht zu vergessen Solarenergie auf jeden Kuhstall und Bürgerwindparks.Allg. mehr Selbstbeteiligung in allen Bereichen.
    Schon wenn die Jugend riesen Feste auf die Beine stellt, mit Elektro die ganze Nacht, in der Stadt geht so was nur durch private Akteure ab, mit der Pulle Becks ( würg ) für 5 Tacken.
    Alles per se alte Zöpfe, aber man muss es eben tun.
    Wir haben hier sogar Gemeinden mit 40% Grünenwähler.
    (Wenn auch Grün jetzt auch nicht mehr soooo toll ist, aber wenigstens nicht mehr 75% CDU, das gab es ja auch mal.)
    Mal sehen, wie es weiter geht.
    Es sind ja immer die kleinen Veränderungen, die nachhaltig sind.

  6. Ohu, nicht daß ich in der Luft zerrissen werde.
    Es gibt natürlich auch das Gegenmodel.
    Nazilandschaften im östlichen Flachland.
    So kann Provinz auch sein.
    Aber auch hier gilt das Geschriebene, es ist die Eigeninitiative, in dem Fall der Rechten, die Sie Kindergärten, Fußballvereine und andere Bereiche des öffentlichen Lebens übernehmen lässt.
    Weil der Raum da ist, eine gewisse Freiheit, die in dem Fall so genutzt wird.
    Das ist leider in dem Sinne auch modern oder innovativ.
    Auch wenn es Uns nicht gefällt !!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.