Der Missethäter.

11. Januar 2016

Ich habe dem Bösen ins Auge geblickt. Nein, nicht, wie Sie denken, es gibt Themen, Nachrichten und Kommentarspalten in Sozialen Netzwerken, die ich derzeit meide wie die Pest, um nicht ganz und gar verzweifeln zu müssen. Ich habe dem Bösen anderweitig und andernorts ins Auge geblickt, was soll man sonst auch machen an einem trüben Tag in der vermeintlichen Provinz.

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Im Museum der Stadt Eberbach muß man ein paar Treppen hinauf, dann noch eine steile Stiege, und noch eine, bis unters finstre Dach, und dann steht man, wie weiland Rotkäppchen mit ihrem Körbchen, dem Bösen Wolf gegenüber. Zähnefletschend, ausgestopft, größer als erwartet. So weit hinten im hintersten Eck steht der gute, böse Wolf, daß man den Eindruck bekommen könnte, die Museumsmacher schämten sich ein bißchen für das Exponat.

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Dabei ist dieser hier nicht irgendein dahergelaufener Wolf, es ist vielmehr der letzte Wolf des Odenwaldes. 1865/66 verübte ein Wolfsrudel im Odenwald einige Mordthaten an Hunden und Schafen, die Tiere richteten außerordentlich großen Schaden an, indem sie in die Hürden einbrachen, die Schafe in großen Mengen niederrissen und zersprengten.

Nachdem nicht nur die Regierung, sondern auch der Fürst von Leiningen wegen der Beschädigung seines Wildparks Abschussprämien ausgesetzt hatten, wurde der hauptsächlichste Missethäter, ein 78 Pfund schwerer Rüde, vom früheren Forstgehülfen Kraft aus Stümpfelbrunn am 11. März 1866 angeschossen und dann am Tag darauf bei Eberbach erlegt. Zuvor hatte es eine wilde Hatz über Felder und durch Dörfer gegeben, auch in unserem Dorf dürften Wolf und Treiber und Jäger vorbeigekommen sein.

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Der hauptsächlichste Missethäter war seinerzeit nicht nur der letzte Wolf des Odenwaldes, sondern zugleich auch der letzte seiner Art in Baden-Württemberg. Sein Abschuß sorgte für Volksfeststimmung rundherum, und die Odenwälder hatten, einmal mehr, Geschichte geschrieben, so oder so.

Angeblich kommt der Wolf so schnell nicht wieder in den Odenwald. Nach der Geschichte könnte man es ihm auch nicht verdenken, wenn er um die Region einen gewissen Bogen machte. Ich selber bin in dieser Frage unentschlossen, und die jagenden und nicht-jagenden Wolfsexperten im Bekanntenkreis haben zu diesem Thema die wildesten Meinungen, die mir alle, mal mehr, mal weniger, einleuchten. Oder auch nicht.

Es ist kompliziert. Ich werde darüber nachdenken müssen. Und darüber, wie schön das Leben und die Welt sein könnten, wenn das unsere einzigen offenen Fragen wären.

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Die Beschreibung der Missethaten habe ich der Homepage Deutscher Zoodirektoren entnommen, ja, sowas gibts, ich wusste das auch nicht. Ohne Gewähr. Soweit ich weiß, gab es einen Streit, wer sich denn nun wirklich des entscheidenden Schusses rühmen dürfe, um damit in die Geschichtsbücher einzugehen. Damals hatten die Leute offenbar keine anderen Sorgen.

 

 

 

 

 

  • 13 Kommentare
  • Jens 11. Januar 2016
    Antworten

    Schauen sie sich bei Gelegenheit mal die Webseite von Tanja Askani an, besonders die Wolf-Fotos.

    • LandLebenBlog 11. Januar 2016
      Antworten

      Tolle Seite, danke für den Tipp!

  • Provinzei 11. Januar 2016
    Antworten

    „Der Wolf kommt.“
    Sagt Unser Förster.

    • LandLebenBlog 11. Januar 2016
      Antworten

      In vielen Gegenden ist er ja schon da.

  • Christjann 11. Januar 2016
    Antworten

    Bei uns in den Bergen ist er schon da. Angeblich kam er ja von ganz alleine. Höhö. Er vermehrt sich und kommt immer weiter runter und verbreitet Angst und Schrecken bei den Schäfern und Schafen. Und tötet Schafe und nicht nur eins, weil er Hunger hat, sondern viele, weils so in seiner Natur ist, so scheints. Ich spare mir jetzt mal die lange Version. Hier in den Bergen klärt man vor einer Diskussion besser, auf welcher Seite man ist: Wolf oder Schaf bzw. Schäfer. Ich bin auf Seite der Schäfer.

    • LandLebenBlog 12. Januar 2016
      Antworten

      Die Gerüchte, dass die Wölfe nicht ganz von alleine kommen, die gibts hier auch immer wieder. Alles sehr kompliziert.

      • Jens 15. Januar 2016
        Antworten

        Da ist nichts kompliziert.

        1. Strenger Schutz

        2. Ein einzelner Wolf oder ein Wolfsrudel brauch um die 100 – 300 Quadratkilometer exklusives Revier. In dem Revier wird kein anderes Rudel oder ein einzelner Wolf geduldet.

        3. Ein Wolfsrudel besteht aus einem Wolfspaar, dem aktuellen Nachwuchs des Paares und kurzzeitig dem Nachwuchs des Paares aus dem Vorjahr.

        4. Ein Wolfsrudel hat pro Jahr im Durchschnitt vielleicht 5 Welpen. Der Nachwuchs muss das Rudel nach etwas über einem Jahr verlassen, ein eigenes Revier suchen (100 – 300 Quadratkilometer ), einen Partner finden (Nachwuchs eines anderen Rudels der sein Rudel verlassen musste) und zusammen ein eigenes Rudel gründen.

        5. Ergebnis: Ausbreitung

        Zu den Schafen kann man nur sagen, es ist nicht die Natur des Wolfes seine potentiellen Nahrungsquellen für ihn nutzlos dadurch zu dezimieren, dass er sie blindwütig und überzählig tötet und diese Nahrung dann, weil es viel zu viel ist, verrotten lässt. Das macht kein Raubtier, das macht auch nicht der Wolf. Es liegt allerdings in der Natur des Menschen interessante Geschichten zu formulieren, besonders wenn dahinter Interessen stehen und am Horizont Entschädigungstöpfe und Versicherungsleistungen winken.

  • Kai 12. Januar 2016
    Antworten

    Letztes Jahr wurde bei Frankfurt a.M. ein (niedersächsischer) Jungwolf überfahren. Also theoretisch ist er schon da. :)
    Hier im ODW-Kreis wurde aber noch keiner gesichtet. Bisher nur Luchs und Biber.

    • LandLebenBlog 12. Januar 2016
      Antworten

      Von Süden her kommt er dem Odenwald auch schon näher. Na, waren wir mal ab…

  • ekke. braas 14. Januar 2016
    Antworten

    Na, ja. Ich weiß auch nicht ob ich den Wolf so richtig gut finden soll. Am 1.11.2012 bin ich einem auf einer Brache zwischen unseren kleinen Dörfern Tangendorf und Wulsen begegnet. Meine beiden Aussies haben respektvoll „Sitz“ gemacht und waren mucksmäuschenstill, ich hab blitzschnell das Handy gezogen und geknipst, der Wolf hat zu uns rübergeblinzelt und ist nach ein paar Sekunden Innehalten ganz ohne Hektik weiterspaziert, ab in den Wald… mir war irgendwie ziemlich anders, falls du verstehst was ich meine.

    • LandLebenBlog 14. Januar 2016
      Antworten

      Das Foto wollen wir sehen!!! Da wäre mir auch anders zumute gewesen.

  • ekke. braas 15. Januar 2016
    Antworten

    Wie kann ich denn an meine Nachricht ein Foto anhängen? Oder deine private e-Mail…

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