Abgründe.

23. Oktober 2015

Journalisten schauen mitunter in Abgründe, das liegt in der Natur der Sache. Meistens im übertragenen, manchmal aber auch im tatsächlichen Sinne. Odenwälder Regionalkorrespondenten geht das gar nicht anders. Um genau zu sein: so tief waren die Abgründe selten, in die ich neulich im kleinen Städtchen nebenan geschaut habe.

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Ja, das sieht nett aus. Aber es tun sich Abgründe auf.

Im Stadtturm zu Buchen spielt seit ein paar Monaten täglich dreimal ein Glockenspiel, so ein ganz romantisch-altmodisches Ding. Der Stadtturm selbst ist aus dem 14. Jahrhundert, das Glockenspiel natürlich hochmodern, digital gesteuert undsoweiter, wie das heute halt so üblich ist. Sehen wollte ich das trotzdem mal von Nahem, man ist ja schließlich neugierig und wird auch noch bezahlt dafür. Als nuff!, sagt der Kurpfälzer, das heißt auf Deutsch soviel wie nur hinauf auf diesen Turm, was kann da schon passieren. 

Eine komplett idiotische Idee. Ich kann Ihnen sagen. 

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Da oben ging es rein, also ganz da oben,  da, wo die länglichen Fenster sind, das war mir vorher nicht so wirklich klar, man sollte sich eben informieren, naja, manchmal nimmt es die Presse mit der sorgfältigen Vorab-Recherche eben leider nicht so ernst, man kennt das ja. Man sollte sich umso mehr vorab informieren als Reporterin, wenn man unter Höhenangst leidet, aber bitte.

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Nach gefühlten 300 lächerlichen Treppenstufen wurde es dann leider ernst. Jetzt gehts weiter, sagten meine zwei eigens einbestellten Interviewpartner, der Herr Bürgermeister und der Chef der Stadtwerke, ich hatte mich schon gewundert über ihr ungewohnt sportliches Outfit, aber der Sinn dahinter sollte sich recht bald erklären. Rein ins Gebälk des barocken Zwiebelturms, auch das Gebälk ist sehr barock, irgendwie verwinkelt, alles über kreuz und finster, man hangelt sich erst hoch, und dann kommt man mit ein bißchen sportlichem Geschick und Riesenschritten von einem Balken zum nächsten, immer durch die Spinnenweben, immer höher, immer höher, die Tiefe unter einem immer tiefer, immer tiefer.

Sie müssen sich das in etwa vorstellen wie Tarzan mit den Lianen im Urwald, bloß ohne Lianen, hopp, von hier nach da mit spitzem Schrei, nochmal hopp, dann schnell an den nächsten greifbaren Balken geklammert, wahlweise an den nächsten greifbaren Interviewpartner. Wer umarmt hier wen?, hat die Süddeutsche Zeitung vor Jahren mal in einer Analyse zum Verhältnis von Journalisten und Politikern gefragt, wer klammert sich an wen?, könnte ich ergänzend fragen, eine Antwort muß ich aber schuldig bleiben, es blieb unübersichtlich da oben im Turm.

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Irgendwann war sogar das Glockenspiel zu sehen, die Mission war erfüllt, jetzt nur noch ein paar Interviews vor Ort. Kamera um den Hals, Aufnahmegerät in der einen schweißnassen Hand, die zitternden Finger der anderen Hand um einen Balken gekrallt, die Knie schlotternd vor Angst, es interviewt sich so doch überraschend gut, man sollte es nicht glauben.

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Interview mit dem Bürgermeister.
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Ziemlich wackliges Standing.
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Auf halber Strecke: der Chef der Stadtwerke.

Das Glockenspiel jedenfalls kann über hundert programmierte Melodien spielen, wenn ich das richtig verstanden habe, Buchener Lieder, alte klassische Weisen, alles mögliche, passend zu jeder Jahreszeit. Die Glocken sind in Holland gegossen, und bezahlt wurde das alles über einen Nachlaß. So altmodisch das Glockenspiel, so hochmodern die Technik, der Herr von den Stadtwerken kann das Glockenspiel sogar per smartphone steuern, aus dem Urlaub auf Ibiza oder vom Büroschreibtisch aus.

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Demnächst soll es noch einen Spieltisch geben, mit dem wird das Glockenspiel zum echten Instrument, der Carillonneur läuft dann unten in der Stadtkapelle mit und spielt auf seiner Tastatur, und oben bimmeln die Glocken ein fröhliches Lied.

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Langer Rede kurzer Sinn: ich werde so einen Termin nie wieder ausmachen, aber letzten Endes hat es sich gelohnt. Sie sollten mal nach Buchen fahren und sich das genau anhören, es ist sehr hübsch und eine nette Abwechslung in diesen ansonsten eher düstren Zeiten. Sie müssen ja nicht in die Zwiebelhaube klettern. Kein Mensch macht so was, freiwillig.

 

 

  • 9 Kommentare
  • Christjann 23. Oktober 2015
    Antworten

    oh Gott, quel horreur, ich bin ja auch nicht mehr schwindelfrei seit meinem (letzten) Skiunfall, also rauf komme ich immer noch, aber runter nicht mehr. Ich sitze dann immer zitternd auf dem Po und rutsche runter wie ein Kleinkind, wenn mir kein ritterlicher Mann die Hand reicht …

    • LandLebenBlog 23. Oktober 2015
      Antworten

      Ja, das kommt mir seeeehr bekannt vor… ;-(

  • Astridka 23. Oktober 2015
    Antworten

    Wie schön, die vertraute welsche Haube zu sehen.
    Aber deine Erlebnisse droben möchte ich nicht teilen. Habe da ein Geburtstrauma, was mich Jahr für Jahr bleibt, und da muss ich mich durch solch verwinkelte Öffnungen zwängen. Wenn dann auch noch die Höhenangst dazu kommt: Horror!
    Merke: Journalisten können also auch in der deutschen Provinz ihr Leben riskieren!
    Bon week-end!
    Astrid

    • LandLebenBlog 23. Oktober 2015
      Antworten

      Ebenso! Mit Höhenflügen, ohne Höhenangst.

  • Micha 23. Oktober 2015
    Antworten

    Da fällt mir doch direkt einer dieser klugen Sätze an, die Goethe so am Stück rausgehauen hat: *Von der Gewalt die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet*. Goethe soll ja auch an Höhenangst gelitten haben und daher immer wieder auf Gerüste geklettert, 1x runtergekotzt und wieder runtergeklettert sein. Ich übe so ähnlich bei Kellerspinnen…
    Du bist natürlich jetzt Heldin des Tages :)

    • LandLebenBlog 23. Oktober 2015
      Antworten

      War Goethe nicht auch zu Therapiezwecken auf dem schiefen Turm von Pisa unterwegs? Ja, er ist mein leuchtendes Vorbild, so oder so.

  • Südlurker 23. Oktober 2015
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    Herzlichen Glückwunsch nach Buchen zum tollen Glockenspiel (und zum wie immer unterhaltsamen Beitrag, das Blog hat mich schon viele Stunden meines Lebens gekostet oder mich viele Stunden meines Lebens wunderbar unterhalten, je nach Perspektive).
    Die Stuttgarter haben im Rathaus ebenfalls ein ähnliches Glockenspiel. Dort in der Landeshauptadt ist die Technik allerdings aus den Fünfzigern oder Sechzigern (nettes Argument, wenn sich mal wieder ein Landeshauptstädter über die rückständige Provinz auslässt). Der zuständige Glockenspieler hat außerdem etwas dicke Finger, was man leider auch hört.

    • LandLebenBlog 23. Oktober 2015
      Antworten

      Voll das high-tech-Glockenspiel, das sollte man den Stuttgartern bei Gelegenheit zeigen. ;-)

  • Björn 23. Oktober 2015
    Antworten

    Buchen, hm, da wollte ich schon länger mal vorbei,
    nun denke ich, es wird langsam Zeit mir dieses Städtchen anzusehen und dann auch dieses Klockenspiel anhören ;)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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