Ganz automatisch.

Ich gestehe, es gibt da ein paar Dinge, die habe ich noch nie verstanden, vielleicht will ich sie auch nicht verstehen, jedenfalls sträubt sich mein Gehirn da irgendwie, jahrelanges Landleben hin oder her. Die EU-Agrarpolitik gehört dazu, überhaupt die ganze Systematik des Agrar-Welthandels, ich blicke das alles einfach nicht, es ist mir viel zu kompliziert.

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Auch der Milchmarkt ist mir ein ziemliches Rätsel, was die Quotenregelung war, das habe ich ja noch begriffen (ja, da staunen Sie), aber bei der Superabgabe hört es dann schon auf, da habe ich nur eine vage Vorstellung, immerhin, aber ansonsten müsste ich da nochmal googlen. Aber soviel weiß ich: Die Milchpreise fahren entweder Achterbahn, wenn auch auf insgesamt bescheidenem Niveau, oder sie sind generell im Sinkflug, wie im Augenblick, und dafür zuständig sind nicht zuletzt Discounter und Verbraucher. Wenn ein Landwirt 20 Cent pro Liter Milch bekommt, dann kann da irgendwas nicht stimmen, so viel ist selbst mir klar.

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Und dann gibt es da jede Menge Landwirte, die dauernd maulen, nicht zu Unrecht, und dann gibt es da solche, die was tun. Wir wollten unsere Preise endlich selbst bestimmen, sagt Corinna Schaaf, wir wollten raus aus dieser Abhängigkeit. Corinna Schaaf und ihr Mann Achim Schifferdecker haben aufgehört zu maulen, haben Geld in die Hand genommen und ein Milchhäusle eingerichtet, um die Milch direkt zu vermarkten. Aus der Not eine Tugend gemacht, sozusagen.

Das ist hierzulande noch ziemlich ungewöhnlich und war am Anfang nicht ganz einfach, Rohmilch sollte es sein, Rohmilch durfte es aber nicht sein, weil das Milchhäusle nicht direkt am Stall steht, sondern die Milch ein paar hundert Meter über die Straße transportiert wird, Verwaltungsgerichte, EU-Recht und deutsche Milchrechtssprechung wurden bemüht, jahrelang ging das hin und her, man rieb sich verwundert die Augen, aber geholfen hat es nicht, Rohmilch bleibt verboten für das Milchhäusle. Dann ist es jetzt halt schonend pasteurisierte Milch, das hat nochmal ein bißchen Geld gekostet, aber es hat sich gelohnt.

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Die Selbstbedienungszapfanlage steht nun äußerst unromantisch, aber effektiv direkt an der Bundesstraße, ein paar Parkplätze davor, dann passt das schon. Ein ruhiges Gespräch mit den Milchmachern ist in dem winzigen Lädchen kaum möglich, dauernd geht die Tür auf, dauernd kommen Kunden. Werfen Münzen in den Automaten, halten irgendein Gefäß darunter, die Pumpe brummt, die Milch fließt. Corinna Schaaf kommt ein paarmal täglich vorbei, Häusle putzen, Milch auffüllen, Zapfanlage checken. Das ist viel Arbeit, sagt sie, aber es funktioniert.

Familienväter oder -mütter füllen regelmäßig sechs Flaschen, ein junges Paar fährt einen weiten Umweg, um hier Milch zu holen, ein Rentnerpaar kommt gleich mit der riesigen zehn-Liter-Kanne. Sind wirr selberrr gewese‘ Landwirrrte in Kasachstan, kenne‘ wirr uns aus. Mache‘ wirr von Milch alles, was geht, Joghurrrt, Quarrrk, Frrrischkäse. Wann wirr hätte‘ Zentrifuge, täte‘ wirr auch noch Butter mache‘ davon. 

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Cornelia Schaaf und Achim Schifferdecker und ihre 50 Kühe denken ans Erweitern. Vielleicht auch Käse oder Joghurt selber machen von der guten Milch, auf Bio umstellen, hochoffiziell, und noch ein Milchhäusle einrichten. Ein bißchen näher an der Großen Kreisstadt, das wäre was. Auch rund um die Uhr geöffnet, wie dieses erste hier, dann können die Kunden kommen, wann sie wollen, morgens um Acht oder nachts um halb Vier. Nachts um halb Vier, wenn alles schläft in der Provinz, herrscht schließlich manchmal der größte Andrang. Dann halten vor dem Milchhäusle zwei oder drei Autos mit fetten Reifen und röhrenden Motoren, die Bässe dröhnen durch die Nacht, und aus jedem Auto steigen kichernd und johlend vier bis sechs Jugendliche, angeheitert von der Party, und genehmigen sich einen guten Schluck Vollmilch. Kann man ja kaum glauben, sagt Corinna Schaaf grinsend, ist aber so. Die trinken echt Milch. Sieht ja keiner, in der Nacht. 

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Ja, das ist eine Art Werbebeitrag. Unbezahlt, versteht sich. Das heißt, ich habe einen Liter Milch geschenkt bekommen. Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, gibts hier noch einen Hinweis, falls Sie die Milch jetzt auch mal testen wollen: Das Milchhäusle steht in Dallau, an der B27, gleich nebenan vom Rathaus. 

 

 

19 Kommentare

  1. Ganz klar, wenn ich dort um die Ecke wohnen würde, wäre ich da auch Kunde.
    Hier gibt es sowas nicht, wir holen Sie noch direkt beim Bauern.
    Und noch was, um Butterrrrr zu machen brrrrrauchts keine Zentrrrrifuge,
    das geht superrrr schnell perrrrrr Hand.
    Schönen Tag noch.

  2. Ich kann mich noch erinnern, wie bei uns die Käsküchen, die es in fast jedem Ort gab, reihenweise zugemacht haben, weil die Bauern dann lieber an Müller verkauft haben, der (zunächst) zwei Pfennig mehr zahlte. Die Infrastruktur für dezentrale Vermarktung gab es früher, ist nicht mehr viel übrig geblieben davon…

  3. Ich glaub’s nich…hab die Milch immer bei der Tante, direkt aus dem Stall geholt damals, dann in den Sechzigern „auf Urlaub“ am Milchhäusle im Dorf ( steht nicht mehr ). Und in der Stadt dann halt im Reformhaus & Supermarkt. Ein schöner „Rückschritt“!
    LG
    Astrid

  4. Danke für die gute Werbung! Einen Ticken zu weit für mich, aber wir qkommen immer mal dran vorbei. Schade, dass es keine Rohmilch gibt. Frischkäse aus kasachischer Hand würde mir auch gefallen…

  5. Das ist eine tolle Idee, mutige Entscheidung. Wenn das hier wäre, würde ich da auch einkaufen. Vielleicht nicht morgens um 4, aber um 5, vor dem Weg zur Arbeit :-)

  6. Dazu passt die Geschichte der Molkereigenossenschaft Aschaffenburg. Sie hatte die höchste Qualität, die meisten Auszeichnungen. Es gab diverse Zapfstellen in kleineren Läden.
    Dann kam Müller und hat 2 Pfennig mehr geboten. Die dummen Bauern sind reihenweise von der Stange gegangen. 1995 hat der Vorsitzende Werner Gründig unter Tränen die Aufgabe verkündet. Sie haben nicht mehr genug Milch bekommen. Sein Lebenswerk war dahin.
    Müller zahlte dann eklatant weniger.
    Heute demonstrieren die dummen Bauern, dass sie nicht mehr von der Milchwirtschaft leben können. Sie brauchen Zuschüsse. Das Volk murrt zu Recht weil es nicht einsieht indirekt Müller zu subventionieren.
    Genossenschaft ist ja auch ein ganz böses Wort hat was mit Anarchie und Kommunisten zu tun.

  7. Toller Beitrag wieder. Und fällt zeitlich mit der Schließung der kleinen Milchviehgenossenschaft hier im Dorf zusammen. Die letzten Jahre war es für die schon hart, jetzt ging es gar nicht mehr. Das letzte Milchvieh ist letzte Woche verkauft worden. Keine Kühe mehr „auf’m Deich“, kein Muhen der Kühe am Abend und kein Milchkannengeklapper mehr in aller Herrgottsfrühe. Das alles wird im Dorf fehlen und natürlich sind auch wieder ein paar wertvolle Arbeitsplätze futsch.

    Ich kann mich auch noch erinnern an Milch direkt aus dem Kuhstall. Toll, dass Schaaf/Schifferdecker es gewagt haben, und mit ihrer Idee und Investition Erfolg haben. Gäbe es so etwas hier in unserer Nähe würde ich auch sofort dort kaufen. Aber hier würde die Idee wahrscheinlich weniger gut hinhauen. Zu wenig Menschen in zu großer Fläche und die meisten der Menschen auch eher älter bis alt und somit nicht mehr in der Lage längere Strecken zurückzulegen.

    Wobei mir gerade einfällt, dass es in meiner Kindheit einen Bauern gab, der fuhr mit einem kleinen Lieferwagen rum und hatte unter anderem auch frische Milch direkt von seinem Hof im Sortiment. Sowas könnte hier wiederum sehr gut funktionieren. Aber da sind natürlich die Gesetze, Vorschriften, EU-Verordnungen, etc. vor.

    • Nee, das mit dem Lieferwagen ginge heute wohl nicht mehr so einfach. Aber daß nun auch eine solche Genossenschaft bei Euch aufgibt, das verstehe nun, wer will, hätten die nicht irgendwelche Alternativmodelle ausdenken können? Aber für die brauchts halt immernoch Verbraucher, die willens und in der Lage sind, ein paar cent mehr zu bezahlen.

      • Die haben mindestens ein Jahr nach Alternativen gesucht, leider ohne umsetzbares Ergebnis. Das Ganze hätte sich ja rechnen müssen. Einfach nur eine Misere gegen die nächste eintauschen, machte keinen Sinn.

  8. Eine großartige Idee, die sich leider nicht für alle Milchviehhalter verwirklichen lässt.Vielleicht sollten die „dummen Bauern“ nicht alleine demonstrieren, sondern ihre Tiere mitführen und mit großformatigen emotionalen Bildern von Kuhgesichtern und Kälberaugen die versammelte Schar der Gutmenschen und schlauen anonymen Kommentarschreibern mit mit der Aussage konfrontieren: „Wir sind es wert!“.

    • Naja, die versammelte Schar der Gutmenschen und Kommentarschreiber gehört aber zumindest mal zu der Sorte Verbraucher, die sich ihrer Verantwortung irgendwie bewußt sind und durchaus mehr Geld für Produkte ausgeben würden, oder? Und klar läßt sich das nicht für jeden Milchviehhalter umsetzen, aber mir fehlt dann eben manchmal auch eine gewisse Flexibilität im Denken, wenn Landwirte seit Jahrzehnten nur klagen, aber nie irgendetwas ändern. Und die gibts ja durchaus auch, diese Sorte Landwirte.

    • Statt polemisch auf „Gutmenschen“ rumzutreten könnte man mal was über Solidarität schreiben. Solidarität ist ein seltenes Gut. Man muss sich in der Vergangenheit einen Vorrat anlegen, von dem man in der Not zehren kann. Spare in der Zeit dann hast du in der Not.

      Mit Solidarität von der Normalbevölkerung (Stadtbewohner, „Gutmenschen“) hapert es. Bauern können demonstrieren wie sie wollen, Solidarität von der Masse der Bevölkerung werden sie nicht erleben. Man kann ziemlich weit zurück gehen warum das so ist. Ich will jetzt keinen langen Artikel schreiben, daher nur ein paar Anmerkungen.

      Im Dritten Reich wurde die Bauernschaft aus naheliegenden Gründen hofiert. Schon vor Kriegsausbruch waren dadurch die Preise für landwirtschaftliche Produkte im Inland höher als auf dem Weltmarkt. Den Bauern hat es gefreut. Bereits 1933 wurden Getreidepreise festgesetzt, 1934 war der Markt für landwirtschaftliche Produkte durchgehend staatlich geordnet. Man kann das als den Beginn der subventionierten Landwirtschaft in Deutschland sehen.

      Im Krieg, dann direkt nach dem Krieg, besonders im Hungerwinter 1946/47, ließen sie die deutschen Bauern (illegal) von der Standbevölkerung landwirtschaftliche Produkte sprichwörtlich in Gold aufwiegen. Wer seine Wurzeln in dieser Zeit in der Stadt, nicht auf dem Land hatte, dem hat sich die Macht der Bauern tief ins Gedächtnis eingegraben. Eine staatlich geschützte Klasse, die über Leben und Verhungern entscheidet. „Winning the hearts and minds“ geht anders.

      Vor dem Hintergrund kann man auch verstehen, warum dann in Ost und West die Subventionen in der Landwirtschaft so Überhand nahmen. Aus Furcht, nicht Solidarität. Schon bald war zusammen mit Kohle und Stahl die Landwirtschaft ein zentraler Pfeiler der EWG. Lieber Butterberge anhäufen und subventionieren, als nochmal Hunger. Der Normalbürger hat gezahlt. Der ältere aus Furcht, der jüngere hat sich gefragt ist es das wert?

      In dem System aus Subventionen und künstlich hochgehaltenen Preisen haben es sich die Bauern jahrzehntelang sehr bequem gemacht, auf Kosten der Allgemeinheit. Auch so gewinnt man nicht die Solidarität der normalen Bevölkerung.

      Seit ein paar Jahren bewegt sich das Pendel zurück. Subventionen gibt es noch reichlich, aber der Markt schlägt immer härter durch. Jetzt fehlt es den Bauern an Solidarität, die sie seit 1933 verspielt haben. Da hilft alles Beschimpfen von „Gutmenschen“ nicht.

  9. immer wieder bin ich auf Ihrer Seite zu Gast und freue mich über die absolut schönen Fotos.
    Den Beitrag „Ganz Automatisch“ habe ich mit Interesse gelesen, muss allerdings meine Gedanken dazu mitteilen.
    Mich persönlich interessiert der ökologische Aspekt, ist der Betrieb ein Bioland Hof mit Vollweidesystem, werden Herbizide eingesetzt etc., oder geht es genauso wie in der konventionellen Milchproduktion um Hochleistung?
    Dann ist nämlich die Milch aus der „Tankstelle“ nicht gesünder als die aus dem Discounter! Und darum geht es doch letztendlich, der Verbraucher möchte eine qualitativ gesunde Milch trinken, von Kühen, die artgerecht gehalten werden, die natürliches Futter auf der Weide fressen und nicht mit Grassilage, Mais und Kraftfutter im Stall ernährt werden…24 Std. pro Tag an einer Stelle stehend…und nie eine Weide sehen!!!!!
    Fotos von Schraubdeckeln oder Plastikbechern interessieren mich nicht. Ich warte gespannt auf Ihren Folgebericht und werde dann mit Sicherheit guter Kunde im Milchhäusle in Dallau sein. Wir trinken gerne gute Milch – sind auch bereit dafür einen angemessenen Preis zu bezahlen.

    • Ach, meine künstlerisch anspruchsvollen Schraubdeckelinstallationen gefallen Ihnen nicht? Soso. ;-) Nein, im Ernst, es regnete aus Eimern, deswegen war das mit den Fotos auf der Weide essig, aber das erste Kuhbild oben ist auf dem Hof der beiden entstanden, immerhin. Ich habe folgendes verstanden: die Kühe stehe im Offenstall und auf der Weide (übrigens mit drei wunderbaren Eseln zusammen), und die beiden Landwirte stellen derzeit in einem langwierigen Prozeß auf hochoffiziell-zertifizierte Biohaltung um, wirken aber jetzt schon ziemlich öko. ;-) Das Beste wird sein, Sie schauen da mal selbst vorbei, wenn Sie Interesse haben, wann immer der dunkle Transporter vor dem Häusle steht, ist einer der beiden da. Ich glaube, im Häuschen ist auch eine Telefonnummer, irgendwo.

  10. Pingback: Woanders – Der Wirtschaftsteil | Herzdamengeschichten

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