WMDEDGT.

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, kurz wmdedgt, will Frau Brüllen heute wieder wissen, und einmal mehr frage ich mich das auch. Es wirkt ein bißchen, als suche sich die Frau Brüllen mit ihrer Bloggeraktion immer genau die Tage für ihre Frage aus, an denen ich nichts tue, und es könnte der Eindruck entstehen, ich täte eigentlich nie etwas. Das ist natürlich völlig falsch. Ich arbeite so unglaublich viel, daß ich mir die Pausen zwischendurch verdient habe, jawohl. Sagte neulich auch die freundliche Frau aus der Personalabteilung, die wissen wollte, wann ich eigentlich gedächte, meine (Achtung) 26 Tage Resturlaub für dieses Jahr noch abzufeiern.

Damit fangen wir jetzt also an. Zwangsurlaub, sozusagen. Sie dürfen mich bemitleiden.

DSC_4475

Ausschlafen.

Wetter wieder prima, Laune so lala, wir hatten es gestern schon davon. Der alte Hund ist krank, ein Hunde-Schlaganfall, das ist nicht lustig. Also: Hund beobachten, betüddeln, aufpassen, daß er die Treppen nicht hinunterfällt. Sie müssen sich das in etwa so vorstellen, als hätten Sie zwei Pullen Whiskey intus und wollten dann die steile Stiege runtereilen. Das kann schon mal ins Auge gehen.

DSC_4556_017

Drüber nachdenken, wie das eigentlich sein kann, daß ein erwachsener Mensch sein Herz derart an einen blöden Köter hängt. Daß er mitten in der Nacht besorgt zum Tierarzt fährt, während drumherum die Welt in Stücke springt und an allen Ecken des Planeten Menschen sterben wie die Fliegen. Daß in einer Tierarztpraxis alles da ist, was das Medizinerherz begehrt, und alles vom Feinsten. Daß hier gleich zwei moderne Ultraschallgeräte zur Verfügung stehen, für Hamster, Hunde, Ziegen, während der schwerkranke Schwager in England monatelang auf einen Ultraschall-Termin gewartet hat, weil es im ganzen großen Cornwall insgesamt nur drei solcher Geräte gibt, für 500.000 Menschen.

Die Welt ist halt bekloppt, vielleicht muß man sich damit einfach abfinden. Und vielleicht muß man lernen, sein Herz zweizuteilen, eine Hälfte für das Elend dieser Welt, damit man das nur nicht vergißt und dort hilft, wo man helfen kann, und eine Hälfte für das klitzekleine eigene Leben, für die privaten Freuden und die Sorgen.

Und ich stelle mir das so vor, daß es einen Mechanismus gäbe, mit dem man mal die eine, mal die andre Seite stand-by schalten könnte, in eine Art power-saving-Modus, damit der ewige Konkurrenzkampf und der Widerstreit der beiden Teile mal ein Ende hätte, und jeder Teil zu seiner Zeit zum Zuge käme, ohne, daß die andere Seite ständig ihm dazwischenbrüllt. Das wäre doch mal eine Lösung, vielleicht treffe ich heut abend auf der Gartenparty ja einen Kardiologen, einen Herzspezialisten, ich werde ihn dazu befragen müssen.

Sie merken schon: es ist nicht so, daß ich nichts täte. Ich denke nach.

Und gehe in den Wald, weil das das Denken fördert, und das Wohlbefinden.

DSC_4490_006

DSC_4478_003

DSC_4521_011

DSC_4484_004

DSC_4501_007

DSC_4504_008

Und ich frage mich da draußen, was ich mit trüben Gedanken täte, wenn ich noch in der Großstadt leben würde. Schnell mal in den Wald, kurz raus auf die weiten Felder, zum Abschalten, zum Kraftschöpfen, zum Zu-sich-kommen und zum Nachdenken? Fehlanzeige. Ich stelle mir vor, in einer Stadt wie Berlin springt Dich das Elend dieser Welt an jeder Straßenecke an, überall kotzt Dir das Leben vor die Füße, im übertragenen wie im ganz konkreten Sinne.

Ich erinnere mich an eine Zeit in München – nicht, daß München eine Großstadt wäre, aber es tut zumindest so – , ein paar Monate habe ich also in München gewohnt, in der Weltstadt mit Herz, und es verging kein Tag, keiner, an dem mir nicht am Hauptbahnhof irgendeine arme Kreatur ihr Weißwurst-Bier-Gemisch entgegenkotzte; jeden Morgen, den Gott werden ließ, ergoß sich das ganze Elend in der Nähe meiner Füße breiig-flüssig auf den Bürgersteig, und der Tag war schon gelaufen, bevor er richtig angefangen hatte. Das Leben in der Großstadt ist so bunt und inspirierend, schwärmen meine Freunde manchmal. Ich sage: es ist mitunter deprimierend, lähmend und frustrierend.

Erinnern Sie mich daran, wenn ich mal wieder über mein Leben auf dem Lande maulen sollte.

Und jetzt muß ich wieder in den Garten, Prioritäten setzen, na, Sie wissen schon. Den Tomaten gut zureden, nach den Kartoffeln schauen und nach dem Hühnern. Den Hund betüddeln und das neue Teleobjektiv mal testen. Im Liegestuhl liegen.

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Nichts. Gar nichts. Wie immer, wenn Frau Brüllen fragt.

 

 

 

 

11 Kommentare

  1. Gute Besserung für Hund und Schwager. Die Welt ist wirklich (manchmal) bekloppt, da ist gut wenn man einen Wald in der Nähe hat.

  2. Ich finde, das ist ein hochphilosophischer Blogpost ( im Ernst! ), der ganz viele Gedanken ausgelöst hat, die ich eigentlich auch nur durch Gehen weiterspinnen kann. Doch die Wege im Nippeser Tälchen sind dafür zu kurz. Und da wird mir doch der Vorteil dieses Waldes wieder ganz arg bewusst, den du da sooo schön fotografiert hast. Das zerrissene Herz möchte ich manchmal auch endlich mal heile kriegen, denn die Jahre rasen dahin.
    Mach et joot, auch wenn du nicht viel machst, für dich, den Hund, den Geo und überhaupt.
    Astrid

  3. Ja, was tun. Wir leben in einer Welt, in der unsere Haustiere manchmal besseres Futter bekommen, als viele Menschen um uns herum. In der es wichtiger ist, effizient zu sein, als menschlich. Was wäre eigentlich wirklich passiert, wenn die Banken einfach pleite gegangen wären, wenn sie ihren privat verursachten Schaden selbst hätten ausbaden müssen, statt ihn dem Steuerzahler aufzubürden?
    Viele Grüße
    Jaelle Katz

  4. Wunderbar, was Du aus einem Tag „Nichtstun“ machst. Wobei ich sagen würde, auch Denken ist eine Art von „Tun“.

    Das mit dem geteilten Herz hab ich genauso heute auch gedacht, aber nicht aufgeschrieben, weil es mir so banal vorkam. Aber wahrscheinlich ist es doch wirklich so.

    Gute Besserung für den Schwager und hoffentlich schnell den nötigen Untersuchungstermin und gute Besserung für den Hund.

    • Das finde ich aber auch eine sehr gute Idee, nachahmenswert. Werde ich auch mal versuchen, wenn grad kein Wald greifbar ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

   Beim Absenden eines Kommentars werden Name, eMail-Adresse, Datum, Uhrzeit und Kommentartext gespeichert. Mehr Informationen dazu stehen in der Datenschutzerklärung. Mit dem Abschicken eines Kommentars erkläre ich mich mit der Speicherung meiner Daten durch diese Website einverstanden.