Medienstars.

Die Kollegin stutzte kurz. Ich hatte sie am Telefon nach dem Arbeitstitel der Reportage gefragt, die sie über uns schreiben wollte. Wenn Journalisten stutzen, sollte man hellhörig werden. Arbeitstitel? Ja, also… äh… „Wie kann man denn sooo leben???“, das wäre der Arbeitstitel.

Mit drei Fragezeichen.

 

Aha.

 

 

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Teil einer Serie sollten wir werden, einer Serie über die abgedrehtesten Lebensentwürfe im Ländle. Oder so ähnlich. Vielleicht habe ich da aber auch was falsch verstanden. Soooo abgedreht fand ich uns bis dato gar nicht.

 

Aber bitte.

 

Jedenfalls luden wir sie herzlich ein, zu uns in den tiefen Odenwald.

 

Nein, Sie müssen nicht im Gasthaus übernachten, Sie schaffen die 60 Kilometer hin und 60 Kilometer her in einem Tag. Doch, es gibt schon asphaltierte Straßen hier. Und wenn Sie gar nicht weiterwissen, rufen Sie von unterwegs schnell an. Ja, wir haben Telefon. Sie schaffen das! Ich sprach ihr Mut zu. Mit Städtern muß man manchmal reden wie mit Kindern.

 

 

Und sie schaffte es tatsächlich. Blieb gleich ein paar Stündchen, wollte alles wissen, sie fragte, wir erzählten fast alles, sie staunte, machte sich Notizen. Wollte die Hühner sehen (wieviel Eier legen die denn so?) und den Hasen-Riesen (Wahnsinn! Läßt der sich streicheln?), nahm ein paar getrocknete Steinpilze mit (Wissen Sie, was die in Heidelberg beim Feinkostladen kosten??) und machte sich irgendwann auf den weiten Heimweg, zurück in die Stadt.

 

 

Wenn Sie also nochmal en detail wissen wollen, wie man denn so leben kann, Zahlen, Daten, Fakten, dann können Sie das jetzt also auch in der (klick!) Stuttgarter Zeitung lesen. Wens interessiert. Sie machen unser Dorf ja noch berühmt, hat der Bäcker heute früh gesagt. Der Freund des Schwagers seiner Cousine-der-ihrer-Tochter, der hatte den Artikel gesehen und ihm die ganze Zeitung gleich geschickt. Wenn ich das richtig verstanden habe.

 

 

Und wenn es jetzt der Bäcker weiß, weiß es morgen der halbe Landkreis. Und hoffentlich bald auch der Landrat und die Bürgermeister. Ich finde nämlich langsam, es wären jetzt mal Tantiemen fällig. Oder so.

 

 

 

 

 

P.S. Liebe Johanna Eberhardt, wenn Ihnen mal wieder der Sinn nach einer aufregenden Landpartie steht: Immer gerne! Herzliche Einladung. Sie wissen ja jetzt, wo es den besten Cappuccino nördlich der Alpen gibt, die schönsten Hühner, die besten Eier, die leckersten Steinpilze und überhaupt. Ich sage nur: Odenwald! Das Glück liegt direkt vor der Haustür. 

 

 

 

 

 

12 Kommentare

  1. Ist das echt wahr???
    Das mit dem Capuccino unterstreiche ich voll und ganz. Und das Foto ist spitze! Ich trau mich gar nicht eines zu posten von dem traurigen Winter draußen vor meinen Fenstern, der sich gerade hier abspielt.
    LG
    Astrid

  2. „Zu den großen Arbeitgebern
    gehören die Johannes-Diakonie,
    die Bundeswehr oder
    die Firma Azo in Walldürn“ ist entweder falsch oder missverständlich

  3. Was wohl der Herr Zimmermann von AZO dazu sagt, wenn er jetzt seinen Betrieb von Osterburken nach Walldürn umsiedeln muss…? 😉

    Ansonsten merke ich, dass ich wohl auch mal im Balschbocher Löwe einkehren muss…

  4. Feiner Artikel! Hab ihn sehr gern gelesen und bei vielem gedacht, dass unsere Lebenswelten in manchem sehr ähnlich sind. Nur, dass ich eben in einem Dorf in MV lebe und es noch einen Tick abgelegener und weniger bevölkert ist.

    Liebe Grüße!

    • Noch weniger bevölkert kann man sich kaum vorstellen. MV gilt hier immer als abschreckendes Beispiel, wie es nicht werden darf.

  5. Toller Bericht! Was hättest du in Berlin machen müssen, um in die Zeitung zu kommen? Natürlich muss man in Sibirien mehr Schnee schippen, schon klar. ;o)))

    Und ich beneide euer Dorf, dass noch nicht mal halb so groß wie unser Dorf ist, um Bäcker, Tante-Emma-Laden und Gasthaus. Da bekommt man richtig Lust, mal bei schönem Wetter durch den Odenwald zu rollen …

    Ich wünsche dir und deinem Mann noch einen schönen Sonntag!

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