So ein Dreck.

Ich stehe kurz vor dem regelmäßigen dreckbedingten Nervenzusammenbruch. Deswegen suchte ich Trost in diesem Text vom Dezember 2013.

Falls es jemandem ähnlich geht: hier nocheinmal blogologische Seelsorge aus dem Drecksarchiv. 

 

Seit ich aufs Land gezogen bin und Tiere halte (und damit meine ich nicht Goldfische), habe ich eine etwas, naja, wie soll ich sagen, … eine etwas andere Beziehung zu Dreck.

Ich war ja vorher schon nicht die Super-Meister-Propper- Hausfrau, zugegeben, und ich hielt es stets mit dem Motto meiner seligen Urgroßmutter: Bei Leuten, bei denen man vom Fußboden essen kann, schmeckt es leider meistens dementsprechend.

Nicht, daß wir uns mißverstehen: meine Urgroßmutter war eine äußerst elegante Dame mit großbürgerlichem Berliner Haushalt, mit Chauffeur und allem pipapo. Eine Putzfrau hielt sie allerdings für überflüssig, siehe oben.

Sie wäre stolz auf mich. Daß man bei uns vom Fußboden essen könnte, kann man nun wahrlich nicht behaupten. Daß der Fußboden unseres Land-Hauses allerdings ausgerechnet schwarzes Linoleum ist, dafür könnte ich den beratenden Architekten heute noch mit dem Staubwedel erschlagen. Ist jetzt sehr en vogue, sagte der, und ich sagte, aha, au ja. Ein folgenschwerer Fehler, wie sich seitdem täglich herausstellt.

Täglich? Stündlich.

Aber, was soll ich sagen? Inzwischen ist es mir egal.

Wir leben schließlich auf dem Land.

 

"Ein Morgen auf dem Lande" Schlamm auf Linoleum, 15x20 cm

„Ein Morgen auf dem Lande“
Schlamm auf Linoleum, 15×20 cm

Und der Fußboden hat ja auch sein Gutes: Ich habe stets alles, was im Haus so vor sich geht, gut dokumentiert vor Augen. War mein Geo mal eben (ich geh mal rasch Salat holen) mit Hausschuhen im Gemüsegarten, quarnsch, quarnsch, Matsch, Matsch, und hinterher noch rasch die Hühner füttern – und schreitet danach, quarnsch, quarnsch, Matsch, Matsch, mit seiner Beute durch die Küche, weiß ich gleich: Geo war mal eben im Gemüsegarten. Und die Hühner sind gefüttert. Und mein Geo geht ständig in den Gemüsegarten. Und immer mit Hausschuhen. Die Gummigemüsegartenschlappen stehen ja nur zum Vergnügen da herum. Als Deko.

Auch kein Schritt der Hunde bleibt verborgen. Big Sister is watching you. Die NSA läßt grüßen.

Deine Spuren im Schlamm, lalalalalalaaaa.

Deine Spuren im Schlamm, lalalalalalaaaa.

Komposthaufen umgegraben? Sehe ich sofort. Nicht am Komposthaufen, sondern im Kaminzimmer, hinterher. Der Kamin selber trägts mit Fassung, atmet knisternd vor sich hin und dünstet, Wölkchen für Wölkchen, feinste Asche aus. So brauchen wir auch keine Merkzettel zuhause. Wer etwas mitzuteilen hat (guten Morgen, bin grad schnell einkaufen), schreibt es mit dem Finger in den sandigen Boden. Wie die Urchristen damals.

Inzwischen ist es mir egal.

Wir leben schließlich auf dem Land.

Einbrecher haben bei uns keine Chance. Selbst, wenn sie die Schuhe ausziehen würden – was wohlerzogene Einbrecher angeblich tun – , das Knarzen und das Knirschen ihrer Schritte auf dem sandigen Boden wäre noch bis ins Nachbardorf zu hören. Spart die Alarmanlage.

Eine besondere Freude ist der Odenwälder Winter. Sind ja aber nur die zwei Monate zwischen Oktober und April. Die Hunde verzieren das Haus dann zusätzlich mit kleinen Schnee- und Eisbollen, die zwischen den Sanddünen abgelegt werden. Heimelig. So aber spare ich die Weihnachtsdeko. Winterwonderland ganz kostenlos.

Und wenn es doch mal trocken bleibt im Haus – der derzeitige Rekord liegt bei 12,5 Stunden nonstop – dann werden die Hunde und die Katzen unruhig. Hier kann doch was nicht stimmen. Schütteln sich ununterbrochen, kratzen sich hysterisch. In fluffigen Schwaden wabern dann die Haare und die Wollmäuse übers Linoleum, und wenn Geo einmal hustet, scheint das ganze Haus in Bewegung zu geraten. Die Nebelmaschine in der Münchner Nobeldisco P1 würde blaß werden vor Neid. Avalon ist überall.

 

Auf dem Boden kann ja kein Hund liegen.

Auf dem Boden kann ja kein Hund liegen.

Naja, wir leben schließlich auf dem Land.

Eine Zeitlang hatten wir eine Putzfrau, jeden Donnerstag, ein wahres Wunderweib mit Nerven wie Drahtseilen. Gründlicher ging nicht. Immerhin hielt die Sauberkeit jedes Mal mindestens bis zum Abend desselbigen Tages, manchmal sogar bis Freitag früh. Na, hier siehts ja aus, pflegte die gute Frau diskret anzumerken, wenn sie eine Woche später wieder anrückte. Unter einem Vorwand (ich habe einen netten Mann kennengelernt, zu dem ich ziehen werde) kündigte sie schließlich. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Die Strafarbeit vom guten alten Sisyphos war eine Lachplatte gegen das hier.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich putze natürlich auch immer mal wieder. Kichere dann leicht idiotisch vor mich hin, ob der absoluten Sinn-losigkeit dieses Unterfangens. Meistens, wenn Besuch erwartet wird. Was sollen denn die Leute von uns denken? Circa 18 bis 25 Minuten vor Eintreffen der Gäste schiebe ich mit Staubsauger und Schrubber durch das Haus, in der verzweifelten Hoffnung, der Besuch möge pünktlich sein. Damit er wenigstens noch eine Viertelstunde lang die Sauberkeit genießen kann. Spätestens zum Dessert nämlich siehts wieder aus, als müsste man mal putzen hier.

Naja, wir leben schließlich auf dem Land.

Die Ausrede zieht fast immer.

Und meine Urgroßmutter wäre stolz auf mich.

 

 

 

 

24 Kommentare

  1. wie schön. ich fühle mich total wohl bei dir. und mein boden in der stube ist weiß mit grauen schlieren. wenn nicht zufällig die sonne darauf scheint, sieht man gar keinen schmutz. sonnenlicht(gerade jetzt eben) ist überhaupt in wohnräumen abzulehnen. da kriege ich sofort eine feinstauballergie.
    liebgrüße
    ingrid

  2. Ganz herrlich beschrieben! Da musste ich an eine Freundin denken, die beim Anblick ihres weissen Kachelbodens nach dem Spatzierengehen einmal sagte: „Ich wusste nicht, daß mein Hund so viele Pfoten hat!“ Bei mir ergibt sich das Problem nicht, da ich unterm Dach wohne, und meistens mit dem Auto in den Matsch fahre, und der ganze Schmaddel auf die, vorsorglich auf dem Rücksitz ausgelegten Handtücher geschmiert wird… 😉

  3. Oh,das kommt mir sehr bekannt vor;-) Bei uns kannst du dann die ganze Geschichte noch mit 2 Kleinkindern(die sich ständig mit Heu,Stroh,Hühnermist und Schnee panieren) und 2 Teenagern(deren Jacken und Schuhe NIE an den dafür vorgesehenen Plätzen landen) anreichern…also unser Fussboden könnte viertelstündlich geputzt werden! Da hilft nur, die Blicke der Besucher möglichst mit schöner Deko auf Augenhöhe abzulenken…aber was solls,wir leben halt auch auf dem Lande;-)
    Liebe Grüsse Pia

    • Aha, auf den Trick mit der Ablenkung der Blicke bin ich noch nicht gekommen. Obwohl die Bilder meines Künstler-Geos an den Wänden da vermutlich schon sehr hilfreich sind. Aber in jedem Fall meine Hochachtung: Das mit den Kindern und den Teenagern noch dazwischen ist ja schon Hard-core.

  4. Jaaaaa, genau so !!

    Wir leben auch auf dem Land !!!

    Und es ist fast ein bisschen beruhigend, ich dachte schon, mein Angetrauter sei der einzige, der mit Hauspantoffeln … (zumal sogar unsere „eingeborenen“ Nachbarn Draussen- und Drinnenschuhe haben UND SOGAR BENUTZEN, auch deren männlichen Familienmitglieder. Und die leben auf einem RICHTIGEN Bauernhof, da kommen noch Kühe und Felder und so dazu. Die ziehen tatsächlich die Schuhe aus, wenn sie reingehen. Echt wahr. Aber das sind vielleicht uralte Traditionen, die wir – oder zumindest die männlichen Familienmitglieder – nicht mehr kennen 🙂

  5. Also, das ist wahrhaftig kein Landproblem. Ich lebe in der Stadt, na gut, Vorstadt. Mit Hund und Katze. Und mit regelmäßigem Nichtenbesuch. Und auch mein Fußboden sieht eine Stunde nach dem Putzen wieder aus wie eine Stunde davor. Besonders unangenehm: Direkt nach dem Putzen neige ich zu zwanghaften Handlungen. Weil da isses dann so sauber, dass man jeden Fussel sieht. Und das will ich dann nicht. Den hebe ich dann auf. Und wenn der Hund sich schüttelt, werden die herumfliegenden Haare einzeln aufgesammelt. Insofern finde ich Putzen noch übler als es sowieso schon ist.

  6. Hahahaha…. Friederike, das sind ja mal wahre Worte -kenne ich nur zu gut.
    Auch was sich da immer in den Hosenaufschlägen wiederfindet, an Jacken hängen bleibt -na ja und bei 3 bzw. nun 2 Hunden im Haus….tsss…ich hab das aufgegeben mit dem „sauber“ – und zudem eine wundervoll verständige und zudem stets gutgelaunte Putzfrau!
    Aber das beste ist immer noch meine bessere Hälfte…das durch das Haus auf die Terasse tragen der Holzkisten…sehr löblich und immer gut bröselnd 🙂 🙂 – eine Spur wie bei Hänsel und Gretel hinterlassend !
    Na ja, meine Devise war schon immer: Putzen ist vergeudete Lebenszeit!
    HG verbunden mit frohen Wünschen für das neue Jahr sendet Dir
    Birgit

    • Die Hosenaufschläge!!! Richtig, die hatte ich vergessen. Ehrlich, da bringe ich soviel Waldboden mit heim, da können wir demnächst im Wohnzimmer eine eigene Weihnachtsbaumplanatage anlegen.

  7. *lachmichwech* könnte auch von uns sein….wir putzen auch auf jedenfall immer nochmal, bevor Besuch hier ankommt…so wie jetzt am kommenden Donnerstag…wobei ich eine Putzhilfe habe, die aber das putzen aufgegeben hat, sie bügelt dafür 😉 Weil: weisse Fliesen im Flur und in der Küche sind nicht wirklich lange sauber bei 2 Hunden, Garten und Untergeschoss-Wohnung mit Mutter. Irgendwer vergisst immer, die Schuhe zu wechseln. Ja und dann die Flocken von den Hunden; Du kannst die bürsten, stundenlang, bist fertig, dann spätestens nach ’ner halben Stunde liegen wieder Hundehaare rum. Dann kommen noch die Sittiche im Wintergarten dazu, mehr Sauerei geht nicht und wenn die Beiden dann Baden, kannst wirklich am Tag mindestens 3x putzen da der Winterarten schwimmt.
    Aber auch wir leben, Gott sei Dank, auf dem Land

    Liebe Grüße und guten Rutsch…nein nicht auf dem Boden, ins neue Jahr rein 😉 Waltraud

  8. In unserem Haus sind überall helle Fliesen, die – so scheint es mir manchmal – eine Selbstreinigungsqualität haben 😉 Ehrlich gesagt, bin ich im Haus oft ohne Brille unterwegs (kurzsichtig), so dass ich gegenüber dem Bodenzustand eine gewisse Großzügigkeit an den Tag lege. Meine Faulheit lässt mich aber den Schuhwechsel streng einhalten. Ich kann das empfehlen, besonders in der Regenzeit 😉 Einen guten Rutsch und herzliche Grüße aus Verbania 🙂

    • Ich behelfe mir auch mit meiner Kurzsichtigkeit. Ich setze die Brille inzwischen sogar zum Putzen ab. Alles andere wäre extrem demotivierend.

  9. Grandios – allein um in den Genuss dieser Dauerentschuldigung zu kommen, werde ich endlich aufs Land ziehen!!!

    Nie wieder wird mir Frau Sommer ins Ohr wispern, was für eine schlechte Hausfrau ich bin.

    Friederike, ich danke Dir!

  10. Nanu – Du warst doch nicht immer (Werbe-)Fernsehverweigerin? Oder doch?

    Frau Sommer war DAS deutsche Hausfrauengewissen der Siebziger. Hättest Du nur Lenor genommen. Oder wahlweise die Krönung. Und mit dem General wäre der Boden bestimmt noch viel glänzender geworden… Damit Vati seine Freude hat, wenn er nach Hause kommt.

  11. Schwarzer Boden kann nur Männern einfallen, oder?
    Die Vorbesitzer hier hatten zwar einen sehr seltsamen Farbensinn (Wohnzimmer leuchtendlachsorange, Küche schlimmleuchtgrün), aber zum Glück waren wohl gerade PVC-Bodenbeläge in Braun- und Beigetönen aller Art modern.
    Ich liebe sie 🙂 .
    Nur wenn Herr Sittich leuchtend bunte Beeren darauf zerschreddert, ist die Tarnwirkung beim Teufel, ansonsten mildern sie gnädig wenigstens 40% des Dreck- und Krümelaufkommens.

  12. Pingback: WMDEDGT. – LandLebenBlog

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