Hooja, hooja, ho.

 

 

Den idyllischen  Dorfplatz gibt es nicht mehr. Dort, wo sich einst im Mai junge Frauen und Männer zum Tanz trafen und sich so ganz nebenbei die Zukunft vieler Bauernhöfe entschied, dort, wo die Alten im Schatten der Bäume saßen und die Neuigkeiten des Dorfes austauschten, dort stehen jetzt rostige Glascontainer auf zubetoniertem Grund. Zum Tanzen fährt man eine Viertelstunde weit in die nächste Disco, Neuigkeiten bringt die Satellitenschüssel auf dem Dach ins Haus.

 

Ein paar Männer treffen sich noch regelmäßig, im Gasthaus, am Stammtisch. Der Gemeinderat kommt nach getaner Arbeit montags manchmal hierher, die Damen mittwochs nach der Singstund. Dann ist es ein bisschen so wie früher auf dem Dorfplatz.

 

anderswo-längst-ausgestorben-im-odenwald-noch-quicklebendig-toast-hawaii

 

 

Man schwatzt und lacht und isst und trinkt. Grapefruitschorle oder Württemberger Lemberger-mit-Trollinger, dazu Wiener Schnitzel oder Wurstplatte, kalter Krabbencocktail oder heißes Toast Hawaii. Das ist ja wie in den Sechzigern!, sagt Freund Manne aus der Großstadt beim Blick über die Speisekarte staunend. Ich dachte, Toast Hawaii sei ausgestorben. Großstadt-Anna bestellt den Krabbencocktail, löffelt andächtig Krabben und dicke rosa Remouladensoße aus einem Bowle-Glas. Herrlich! Wie früher, sagt sie kauend.

 

 

Wer etwas zu feiern hat auf dem Land und etwas auf sich hält, der geht ins Gasthaus. Dann holen die alten Väter und die Großväter aus dem Schrank die guten Schuhe und den guten Anzug, der seit 1950 seinen Dienst tut. Knarzend und ein bisschen steif bewegen sich die Alten durch die fröhliche Festgesellschaft, duften nach Seife oder Brillantine. Relikte aus einer anderen Zeit. Die Frauen bringen in Plastikbehältern Torten mit und süße Kuchen, die älteren tragen Odenwälder Haute Couture, geraffte Kleider, knisternde Blusen. Die Haare hochgesteckt, die Lippen glänzend,  die Wangen fleckig gerötet in der heißen Gasthausluft.

 

 

Festliche Gesellschaften engagieren manchmal einen Alleinunterhalter im weißen Anzug, oder Onkel Erhard. Der ist Alleinunterhalter von Natur aus,  singen kann er, und ein Keyboard hat er auch. Tief stampfen rhythmisch die Bässe durch das Gasthaus, ein bisschen deutscher Schlager, eine Rumba für die Damen, ein Foxtrott für die Herren. Wenn der Mann am Keyboard dann enthusiastisch Damenwahl!! ins Mikro ruft und durch die überdimensionierte tragbare Lautsprecheranlage einen elektronischen Tusch hinterherschickt, geht ein Gekicher und Gegacker durch den Raum.

 

 

Foto. Rainer Sturm/pixelio

Foto. Rainer Sturm/pixelio

 

 

Neulich sitzen Geo und ich bei Toast Hawaii und Käsespätzle in einem Gasthaus, während nebenan gefeiert wird. Schöööne Maid, hast Du heut für mich Zeit? tönt der 70er Jahre-Schlager dumpf durch die hellbraunen Kunstleder-Falttüren, die den Festsaal vom Speiseraum trennen. Alle haben einen Heidenspaß da drüben, und alle singen mit, Junge, Alte. Beim Refrain dröhnt das ganze alte Gasthaus. Hooja, Hooja, Hooooo.

 

Geo will auch mitsingen. Hooja, Hooja, Hoooo! brummt er einen Halbton zu tief, aber begeistert, zwischen einer Scheibe Kochschinken und einem Stück Ananas durch den Raum.  Die zwei einsamen Touristen am Nachbartisch (Kölner; das fremde Autokennzeichen ist uns doch gleich aufgefallen vorhin) schauen amüsiert zu uns herüber. Schsch! zische ich Geo an. Bist Du verrückt? Die halten uns noch für Einheimische!

 

Geo starrt mich kauend an. 

Na und? Sind wir doch auch. Irgendwie gefühlt zumindest. 

Oder nicht?

 

 

Wo er recht hat, hat er recht.

 

Hooja, Hooja, Hooo.

 

 

 

 

 

 

 

 

8 Kommentare

  1. Als Zugezogener und gebürtiger Odenwälder, der nun seit über sieben Jahren im schönen Schwabenländle lebt, gucke ich mittlerweile auch auf Autokennzeichen „von außerhalb“. Manchmal sage ich meiner Frau dann, „Schau mal, ‚die‘ sind nicht von hier.“

    Vielleicht sagt aber auch der eine oder andere hier im Schwabenland Aufgewachsene trotz unseres „heimischen“ Autokennzeichens über uns Reingeschmeckte, „Schau mal, ‚die‘ sind nicht von hier.“

    Und schwupp-die–wupp sind wir hier in einem Diskurs über die jeweils sehr individuelle, persönliche und emotionale Definition von „Heimat“. Darin finden sich dann schnell vielfältige Reflektionen zu solchen Begriffen wie „Teilnahme“, „Teilhabe“ und „Distanz“. Wenn ich von oder an etwas (einen) „Teil nehme“ und dann (einen) „Teil habe“, gebe ich dann auch (m)einen Teil dazu oder zurück? Oder bleibe ich distanziert und beobachte nur? Was kann ich „geben“, wenn ich „nehme“? Ab wann bin ich „von hier“? Was ist meine ganz persönliche Definition von „Heimat“? Gibt es Schnittmengen mit Teilen der „Heimat“-Definitionen der anderen unmittelbar in der gleichen dörflichen Gemeinschaft lebenden Menschen? Ist die gemeinsame Schnittmenge dieser Definitionen die gemeinsame Basis unseres Zusammenlebens in einem kleinteiligen geografischen Raum bzw. Dorf?

    Ab wann bin ich „von hier“? Ab wann will ich „von hier“ sein? Ab wann bin ich von anderen Menschen in der dörflichen Gemeinschaft als „von hier“ akzeptiert?

    Danke Friederike, für diesen und andere Blogartikel, die zum Nachdenken über die eigenen Perspektiven und Lebensentwürfe anstiften. Und, frei nach Edith Piaf, „Je ne regrette rien!“

  2. ach wie herrlich, ich hab mich
    „schlapp gelacht“ bei deiner schilderung, du bist schuld wenn ich hier nicht mehr wegkomme….und Hmmm…wenn schon denn schon…auch ich hab mir oft Gedanken gemacht (mache sie mir heute noch ) – ab wann man wo – neu zugezogen und (angeblich integriert) als nicht mehr Zuagreiste gilt und zu Ansässigen wird!????????????Schweres nicht lösbares Thema weil mir KEINER, aber auch gar keiner eine zufriedenstellende – ja überhaupt Antwort darauf geben konnte sondern ich nur! ungläubig-staunende Blicke ob meiner Frage bekam…“ hä, sprech ich spanisch? fragte ich dann!!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.