Neues aus Stockhausen.

Ich habe vom kiezneurotiker ein sogenanntes BlogStöckchen zugeworfen bekommen, und als alte Basketballerin (DTV Charlottenburg, gefühlt 1923 bis 1929 , aber immerhin Center) habe ich das Ding mit einem Haken zu versenken versucht. Mein erstes Blog-event dieser Art, muß ich nicht dauernd haben, aber diese Fragen gefielen mir, weil sie auch irgendwas mit meiner Berlin-Odenwald-Geschichte zu tun haben. Deswegen habe ich sie gerne beantwortet.

 

 

Ländliche Innenansichten. Dank Blogstöckchen.

Ländliche Innenansichten. Dank Blogstock.

 

1. Warum bloggst du? Könntest du deine Zeit nicht sinnvoller nutzen?

Welche Zeit?? (haha). Nein, im Ernst. Der Kiezneurotiker will wissen, warum ich blogge. Ich glaube, die Odenwälder wollen das nicht wirklich wissen, warum ich blogge, aber ich sags trotzdem. Seelenstriptease, sozusagen.

 

Mich hat es ja beruflich in die Provinz verschlagen, selbstgewählt, aber völlig nichtsahnend. Ein Ortswechsel innerhalb Deutschlands: kann ja nicht so schwer sein. Gleicher Kulturkreis und so. Denkste Puppe. Die ersten zehn Jahre waren – privat gesehen – eine ziemliche Katastrophe. Gelinde gesagt.

 

Ich glaube, viele haben hier ein bißchen Angst vor mir. Die Frau vom Radio. Hochdeutsch. Aus Berlin. Vorlaut. Vermutlich arrogant. Auf jeden Fall ganz fremd. Irgendwie so. Null Kontakt zu Eingeborenen. Die machen alle einen Bogen um mich, schien mir. Fühlte sich so an. Machte mir ja aber alles nichts.  Oooooooommmmm. Ich habe bloß irgendwann angefangen, den Odenwald und die Provinz zu hassen. Heimlich.

Und kam dann vor ziemlich genau sechs Monaten auf die Idee mit dem Bloggen. Statt Tagebuch, als Eigentherapie. Wie eine Eigen-Urin-Behandlung. Oder so. Sich am Ende eines Tages zwingen, den ganzen vermeintlichen Müll nochmal zu inhalieren und zu reflektieren. Mal wieder genauer hinzuschauen. Wieder die guten Seiten sehen. Die lustigen Geschichten erzählen. Die Menschen hier auf ihre Weise wertschätzen. Mein Provinzdasein wieder wertschätzen.

 

Ein reiner Ego-Trip also. Hat aber funktioniert: Ich sehe plötzlich wieder überall Bloggeschichten hier, gute Bilder, gute Initiativen, spannende Leute, spannende Eindrücke und Momentaufnahmen.

 

Und nachdem sich unverhofft auch ein paar Leser eingefunden haben, erzähle ich denen jetzt, wie spannend es hier mitunter dann eben doch so zugeht, in der Provinz. Ich entwickle da inzwischen geradezu missionarischen Eifer. Aber es hat sich noch keiner beschwert. Und es lesen wohl sogar Odenwälder mit, das freut mich besonders.

 

(Unter uns: Der wahre Grund fürs Bloggen: ich lebe am Ende der Welt – und  besitze keinen Fernseher. Was soll ich abends denn nun andres tun, als Bauern-Weisheiten ins Netz zu setzen? Ich kann ja nicht jede Nacht vor Langeweile mit meinen Hühnern in die Federn gehen.)

 

 

 

2. Welcher Artikel aus anderen Blogs ist dir spontan im Kopf geblieben? (nicht zu lange nachdenken)

Der da vom Kiezneurotiker, weil er mich direkt an den S-Bahnhof Bellevue katapultiert hat und in all das, was einem so durch den Kopf geht, wenn vieles (alles) sich manchmal (dauernd) verändert und man darüber nachgrübelt, ob die Veränderungen nun eigentlich gut sind. Oder schlecht. Kleines Lebensthema.

 

Und der da hat sich nach dem Überfliegen dann doch plötzlich dauerhaft in meinem Hinterkopf festgehakt. Provinzkollegin. Ganz schlicht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Macht mich neidisch. Nochmal ganz neu anfangen, irgendwo. Noch ländlicher, noch einfacher. Allen Lebensschrott und allen Konsumschrott auf die Deponie bringen, in ein altes Schulhaus einziehen und jeden Morgen mit dem Bullerofen kämpfen.

 

 

 

3. Dein absoluter Lieblings-Artikel in deinem Blog? (bitte mit Linkangabe)

Heimat – ein Geruch. Noch so ein kleines Lebensthema: Heimat. Gar nicht so einfach für die Berlinerin im Odenwald. Und, logo, wie immer: die wichtigsten Artikel kommentiert keine Sau. Typisch.

 

 

 

4. Welchem Blog wird aus deiner Sicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?

http://www.leidmedien.de

Nicht wirklich ein Blog. Aber mehr als eine Homepage. Irgendwas dazwischen. Und wenn ich Zeitung lese oder Radio höre oder Radio mache, merke ich: da liegt noch viel im Argen, wenn Journalisten über Menschen mit „Behinderung“ berichten.  Muss sich ändern. Leidmedien.de sollte zur Pflichtlektüre für alle Journalistinnen und Journalisten werden. Ich selber bin durch Zufall da gelandet. Kann eigentlich nicht sein.

 

 

 

5. Stelle dir vor, du müsstest über ein tiefgründiges Thema schreiben. Worüber schreibst du?

Über das Sich-fremd-fühlen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich immer fremd gefühlt. Immer anders als andere. Ich habe es leichter, mich an Orten geborgen zu fühlen als in Gesellschaft. Am Savignyplatz, beim S-Bahn-Bogen-Griechen, den es wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. Auf dem Teufelsberg. Auf dem Odenwälder Katzenbuckel, mutterseelenallein, mit Blick ins Land.

Ich werde mal darüber nachdenken. Aber ob das jemand lesen will?

 

 

 

6. Freundschaft. Hast du mehr Freunde im Internet, oder in deinem Zimmer neben dir?

In meinem Zimmer bin ich am liebsten allein. Darauf bestehe ich. Mit den Freunden so ganz allgemein vor Ort ist das so eine Sache, siehe oben, aber es gibt sie, und es werden immer mehr. Und wir haben richtig gute Abende miteinander, irgendeiner bringt ein halbes Reh mit oder ein frischgeschlachtetes Huhn, und der Kamin knastert und unterm Tisch schmatzt der Hund, und wir diskutieren uns die Birnen heiß, und am Ende begleiten wir die Freunde mit der Taschenlampe zum Auto, und dann werden sie von der Finsternis verschluckt, bis zum nächsten Mal. Kann das Internet nicht ersetzen. Aber ich habe im Netz viele spannende Leute entdeckt, die ich hier in der Provinz vielleicht nie entdecken würde. Von Freunden würde ich da nicht reden. Bin ja noch ganz neu hier.

 

 

 

7. Ganz ehrlich und unter uns: wie oft checkst du die Statistik deines Blogs? (falls du eine hast)

Dauernd. Echt. Morgens und abends. Und mittags. Peinlich. Anfänger halt.

 

 

 

8. Aktion Lästern: Welcher Blog ist richtig schlimm? (geklaut aus Floyds beantworteten Fragen)

Gibt es richtig schlimme Blogs?? Ich kenne mich offenbar in der Szene noch nicht aus. Gib mir mal einer nen link.

 

 

9. Verhältst du dich manchmal noch wie ein Kind? Wenn ja, in welcher Situation?

So oft wie möglich. Ich bete jeden Abend zu meinem Herrn im Himmel (jawoll), daß ich nicht erwachsen werden muß. So erwachsen wie all die Scheintoten, die überall auf der Welt herumschleichen. Die Betonung liegt dabei auf überall.

 

 

 

10. Was würdest du anders machen, wenn du mit den Erfahrungen von heute noch einmal neu im Alter von 14 Jahren beginnen dürftest?

Dürftest? Oder müsstest? Egal, wie: Ich würde nicht zur Neu-Westender Tanzstunde gehen. Ich würde überhaupt versuchen, mal aus Berlin-Neu-Westend herauszukommen. Und vielleicht sogar mit der U-Bahn mal wenigstens (wie mein mutiger großer Bruder) bis zum Nollendorfplatz fahren, nicht immer schon am Wittenbergplatz aussteigen. Andererseits wurde damals wahrscheinlich der fruchtbare Grund für ein erfolgreiches Leben in der hintersten Provinz gelegt – insofern…..

 

 

Ja, wo isses denn jetzt hin, das Stöckchen?

Ja, wo isses denn jetzt hin, das Stöckchen?

 

 

Ich würde das Stöckchen jetzt gerne in den Bodensee werfen. Nee, an den Bodensee. Frau montez, übernehmen Sie? (es brächte Ihnen vielleicht etwas Zerstreuung.). Fast die selben Fragen (weil das doch mein erstes Mal ist und ich ein bißchen ahnungslos), nur mit kleiner Variation.

 

 

1. Warum bloggst du? Könntest du deine Zeit nicht sinnvoller nutzen?
2. Wieviel Zeit geht täglich drauf fürs Bloggen? Und wann schreibst Du?
4. Welchem Blog wird aus deiner Sicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?
5. Stelle dir vor, du müsstest über ein tiefgründiges Thema schreiben. Worüber schreibst du?
6. Freundschaft. Hast du mehr Freunde im Internet, oder in deinem Zimmer neben dir?
7. Ganz ehrlich und unter uns: wie oft checkst du die Statistik deines Blogs? (falls du eine hast)
8. Kennt Deine Familie (falls Du sowas hast) Dein Blog? Und wie finden die deine Bloggerei?
9. Verhältst du dich manchmal noch wie ein Kind? Wenn ja, in welcher Situation?
10. Was würdest du anders machen, wenn du mit den Erfahrungen von heute noch einmal neu im Alter von 14 Jahren beginnen dürftest?

Also. Bitte.

 

 

16 Kommentare

  1. und ich natürlich 🙂
    Sehr feinsinnig hast Du getextet, ich mag Deine lakonische ? Art zu schreiben. Grundsätzlich mag ich keine Stöckchen, doch sie regen an, sich manches mal bewusster zu machen.
    Ich freue mich, dass meine derzeitige Situation Dich zum Nachdenken angeregt hat. Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass man zu jedem Zeitpunkt neu anfangen kann, überall und es ist auch nicht von Nöten, alles über Bord zu werfen, denn genau das, was Dich jetzt daran hindert glücklich oder zufrieden zu sein, holt Dich an einem anderen Ort wieder ein. Es sind die „Unaufgeräumtheiten“ in uns, die nach Veränderung rufen.
    Statistken zu verfolgen, ist kein Anfängerfehler.Im Gegenteil. Als ich mit bloggen begonnen habe, haben sie mich überhaupt nicht interessiert. Da schrieb ich aus anderen Gründen und nicht, um zu gefallen. Seine eigene Quote zu sein oder zu werden … das macht einen guten Blog aus. Es sei denn Du entscheidest Dich ganz bewusst dafür, Erfolg haben zu wollen. Ist ja auch legitim, wenn Dir klar ist, wofür Du ihn brauchst. Das passt allerdings nicht zum Ausstieg aufs Land.
    Momentan beobachte ich bei mir, dass das www immer mehr an Bedeutung für mich verliert und ich denke mehrmals täglich, ich bekomme keine Zeile mehr in die Tasten. Bin mal gespannt, wie sich das weiterentwickeln wird.
    Herzliche Grüße zu Dir von Joona

    • Bei mir ist das www ja derzeit eher die lange vermisste Gelegenheit, mit Gleichgesinnten, Ähnlichdenkenden ins Gespräch zu kommen. Wie ein kleines Fenster zur Welt. Insofern hat es in meiner derzeitigen Lebenssituation tatsächlich einen gewissen Stellenwert. Und auf die Zahlen schiele ich zum Einen wegen meiner Mission. Will ja möglichst viele (Städter) vom Landleben und seinen Vorzügen überzeugen. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob ich noch alles schreiben kann, was ich so denke, wenn immer mehr Leute mitlesen. Ich bin ja hier in der Provinz eben nicht nur als Prvatperson bekannt, sondern vertrete ja gewissermaßen auch noch meinen Arbeitgeber hier. Ist nun mal so, und ist ja auch gut so. Einerseits, andererseits…

  2. Und ich will das auch lesen!
    Dass du ausgerechnet Heimat als Lieblingsartikel hast- genau darüber habe ich heuet angefangen zu schreiben. Vielleicht kann ich mir bei dir was abgucken.
    Danke für den Link zu den Leidmedien! Ich war da mal vor langer Zeit, und dann ist die Seite unteregangen.Pflichtlektüre, da hast du recht!

    Unb bitte schreieb über Das-sich-fremd-fühlen! Darauf bin ich sehr gespannt!

  3. ich dachte Stöchcken werfen macht man nur, wenn man/Frau mit dem Hund unterwegs ist.:-)
    Danke Friederike für Deinen wieder sehr lesenswerten Seelenstriptease, auch ich würde mich sehr über Deine Gedanken zu Das-sich-fremd-fühlen freuen.

    @Joona… schön zu lesen, dass es Dir gut geht und zu wissen warum es so ruhig um Dich ist. Das Thema „Unaufgeräumtheiten“ gibt den Anstoß bei mir persönlich einiges zu überdenken.

  4. Waltraud mag Seelenstriptease…hat das doch etwas mit Ihrem Beruf(ung) vor gefühlten 1000 Jahren tu tun….und neugierig sind doch alle, warum sich Friederike fremd fühlt……

  5. Ich lese hier sehr gerne, interessiere mich für das Fremdfühlen. Beschäftigt mich auch sehr, auch gerne in Kombination mit Unaufgeräumtheit, zumal ich auch „in der Fremde“ lebe, die Unaufgeräumtheiten wurden natürlich unfreiwillig mitgenommen, aber ich arbeite dran …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.