Strukturwandel.

 

Bauer Edwin: wenn ich morgens um Sechs an seinem Kuh-Stall vorbeikomme, ist er mit dem Melken schon fertig. Und auf dem Weg zur Arbeit. Zu seiner richtigen Arbeit, zu der, die ihm halbwegs anständiges Geld einbringt.

 

Edwins Söhne winken schon ab, wenn sie das Wort „Landwirtschaft“ nur hören. Der eine ist Mechatroniker in einer großen Firma, der andere leitet eine Versicherungsagentur in der nächsten Kreisstadt. Was ihr Vater mit den Kühen hat, darüber können sie nur den Kopf schütteln.

Kühe gruppe

„Übernehmen Sie denn mal den Hof?“, hat Geo den Älteren gefragt, als wir ihn neulich im Gasthaus am Stammtisch getroffen haben. „Oh, liiiebe Zeit!“, hat der bloß lachend gesagt, und das ‚iii’ dabei so lang gezogen, als habe Geo nun wirklich die allerdämlichste aller dämlichen Fragen dieser Welt gestellt. Die Männer  am Stammtisch haben bloß gegrinst, die jüngeren wegen der dämlichen Frage, die älteren – ein bisschen bedauernd – wegen der Antwort.

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Hier im Landkreis, einst eine der Hochburgen der regionalen Landwirtschaft, halten gerade noch 800 Bauern wacker ihre Fahne hoch. 550 im Nebenerwerb wie Bauer Edwin, 260 im Haupterwerb, als Vollzeit-Job. 1979 gab es im Kreis noch dreitausend landwirtschaftliche Betriebe.

Traktor Reifen

Immer größer wird der Preisdruck, immer mehr diktiert der Weltmarkt das Handeln, immer mehr Landwirte geben auf, immer weniger Söhne und Töchter wollen das Erbe der Alten antreten.

Der  Strukturwandel in der Landwirtschaft verändert auch das Landschaftsbild: Immer weniger Kühe, immer weniger sattgrüne Weiden, immer weniger blühende Wiesen. „…und deswegen auch immer weniger Touristen, immer weniger Geld“, folgern Kommunalpolitiker mit finstrer Miene. Eine Strukturwandel-Rolle-rückwärts könne nur herbeiführen, wer mit „Messer und Gabel“ abstimmt – also mit seinen täglichen Einkäufen die Erzeuger vor Ort unterstützt: Brot vom Bäcker nebenan, Fleisch direkt ab Hof, Äpfel und Birnen vom Obstbauern hinter den Hügeln. Manchmal Bio, immer regional. (fordern die Kommunalpolitiker, deren Frauen beim Discounter kaufen. Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.)

 

Foto. Klaus Hilger

Foto. Klaus Hilger

 

Das entsprechende Bauernhof-Adressverzeichnis hat Geo bei Fahrten übers Land immer griffbereit im Handschuhfach liegen. Leider ist es ziemlich dünn und übersichtlich, aber immerhin.

„Schau mal, was ich mitgebracht habe!“ brüllt er schon ins Haus, bevor er überhaupt die Tür hinter sich zugezogen hat. In solchen Momenten fühlt Geo sich wie ein verwegener  Neandertaler, der seiner Neandertalerin einen besonders fetten Fang in die Höhle bringt. „Ein Kaninchen!“ Und tatsächlich: auf dem Arm trägt Geo ein komplettes, nacktes Kaninchen.  „Gibt’s gar nicht weit von hier! Sogar glücklich!“ Ich bestaune mit einer Mischung aus Bewunderung und großstädtischem Ekel das tote Tier. Sieht nicht wirklich glücklich aus. Aber bitte. „Um die Füße und den Kopf kümmere ich mich“, sagt Geo. Mein Neandertaler-Gentleman.

 

7 Kommentare

  1. Ja, so ist es im Hinterland. Die Landwirte sterben aus, aber wenn es immer schwieriger wird, den Lebensunterhalt davon zu bestreiten, wer will es Ihnen verdenken…?
    Wenn Du willst, kann ich Dir zwei ambitionierte Jungbauern vorstellen und zwei, die gerne Landwirt werden würden.

  2. Ich finde diesen Rückgang sehr erschreckend. Ich bin in der Nähe von drei großen Bauernhöfen aufgewachsen und habe dort viel Zeit verbracht…

    Aber wahrscheinlich bin ich auch mit dran Schuld, dass es so zurückgeht. Denn wenn ich abends von der Arbeit heimfahre, haben alle Hofläden schon geschlossen und ich kaufe im Supermarkt ein… wie die meisten anderen auch.
    Dabei müsste man sich doch nur ein wenig besser organisieren und dann eben am Samstag die Einkäufer der Woche erledigen, dann könnte man Obst und Gemüse auch beim Bauer daheim kaufen….

    • Oder der Bauer müsste mal einen Lieferservice anbieten, wie wäre das? Die öko-Bauern kriegen das ja schon hin, mit Bio-Kisten und so.

  3. Bei den Verhältnissen die hier herrschen, kann ich jeden Bauern irgendwie verstehen, der das Handtuch schmeist und gegen Hase im Topf hab ich was, ich esse alles nur keine Hasen….
    LG Manu, die auch einen zukünftigen Landwirt groß zieht.
    Schön, dass du bei mir vorgeschaut hast.

  4. ich finde es sehr schade das in Deutschland die Landwirte immer mehr aussterben, man sollte sie viel mehr unterstuetzen, die Menschen sollten aufwachen! Hier in den USA gibt es einen guten aufkleber
    http://hunt4freebies.com/wp-content/uploads/2011/10/No-Farms-No-Food-bumper-sticker.png
    Wir leben jetzt in den USA und besitzen 1ha Land das wir etwas bewirtschaften, ich moechte versuchen so viel wie moeglich aus unserem Hof heraus zu holen. Ein Bulle steht auf der Koppel, 20 Huehner im Stall, geplant sind noch Hasen und 2 Schweine. In Deutschland haette ich mir das Land schon gar nicht leisten koennen! Sehr traurig!

    • Oha – willkommen hier! Das klingt spannend! Wieso ist es denn in USA so viel billiger? (Ich dachte immer, billiger als im Odenwald geht fast gar nicht?)

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