Blaumanns Erzählungen

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Am Anfang habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, mir eine Kittelschürze anzuschaffen. Eine knisternde Poly-Kittelschürze, Modell „Odenwald“, hellrosa oder himmelblau, mit undefinierbarem Muster und ohne Ärmel. Eine, in der ich ordentlich schwitzen könnte, selbst wenn ich drunter nur einen Lycra-Büstenhalter tragen würde.

Die Frau von nebenan trägt auch so eine, wenn sie auf allen Vieren das Unkraut aus dem Gehweg vor dem Haus kratzt, und unsere ausladende Nachbarin Else Bungenstab sowieso, wenn sie bei 32 Grad Raumtemperatur an ihrem alten Feuerherd steht und riesige Mengen Kohl für die riesige Familie dämpft. Kittelschürze und Kopftuch als Insignien der tüchtigen Landfrau im Odenwald.

Als vor einiger Zeit Jahrmarkt war, in der kleinen Stadt ganz in der Nähe, und zwischen Achterbahn und Autoscooter auch die Fliegenden Händler ihre wackligen Buden für den Bedarf der Landfrau aufgebaut hatten, bin ich an einem der Stände um die neusten Kittelschürzen-Modelle herumgeschlichen.

Als die Verkäuferin unvermittelt hinter mir stand und bellte „Wollen Sie mal eine anprobieren?“, habe ich vor Schreck eine Vorzugspackung Wollsocken erstanden.

Irgendwann habe ich mir dann also im Raiffeisen- Markt für 19 Euro den Blaumann gekauft, mit Latz und Gummiträgern. Der Raiffeisen Markt ist das KaDeWe für Landwirte: vom Dünger bis zum Güllefass, vom Futterautomaten bis zur Ferkelzange gibt es hier alles, was des Bauern Herz begehrt. Blaumänner führt unser Raiffeisen nur für Herren, in den Größen 52 bis 72. Nicht eben das figurbetonte Modell für eine 38 wie mich, aber praktisch.

„Arbeiten und Leben in einem Kleidungsstück“ ist mein Motto, wenn ich nach Feierabend die Büro- und Interview-Termine des Tages hinter mir lasse, Bundestagsabgeordnete Bundestagsabgeordnete – und Minister Minister sein lasse, wenn ich smartphone und Laptop ausschalte, Rock und Schühchen ausziehe und zur After-Work-Party in den Blaumann steige.

„Blue hour“ auf dem Lande, Existenzsicherung und Daseinsvorsorge in Blau. Im Blaumann verschieben sich plötzlich die Prioritäten, die Wichtigkeiten dieser Welt.

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Ob ich durch den Garten krieche und die Kartoffeln für den Spätsommer setze, ob ich den Zaun winterfest anstreiche, ob ich Holz säge für den Ofen, Marmelade für den Winter einkoche oder Geos Komposthaufen umhebe, damit er sich eines Tages in schwarz-glänzende, duftende Erde verwandelt – mein Blaumann macht alles mit. Und ist inzwischen auch schon gar nicht mehr blau, sondern farblich undefinierbar. „Der starrt ja schon vor Dreck!“ sagt Geo anerkennend. „Kannste bald ne Suppe von kochen!“

Samstags laufen mein Blaumann und ich zu Hochform auf: Gemeinsam misten wir den Hühnerstall aus, schrubben Futterkästen und spritzen Kotbretter ab, harken Bodenstreu und richten neue Nester, kämpfen uns mit der Schubkarre zum Komposthaufen und zurück, schleppen schwitzend Futtertonnen.

 

„Sie sehen ja süß aus!“, sagt der Bürgermeister aus dem Nachbarort mit einem Blick auf meinen Blaumann und die Gummistiefel grinsend. Wir kennen uns von dienstlichen Terminen hier im Odenwald, – Blazer, Nagellack, Hochsteckfrisur -, aber in diesem Aufzug hat er mich noch nie gesehen. Kann ich ahnen, dass er samstags plötzlich hier vor unserem Haus vorbeifährt? „Wie – ‚süß’? Was soll denn das heißen?“, frage ich zurück, „ich schrubbe gerade den Hühnerstall! Sehe ich nicht aus wie eine echte Landfrau?“. Er taxiert mich von oben bis unten. „Nö.“, sagt er. „Aber süß.“

Ich sollte ihm mit den lackierten Fingernägeln die Augen auskratzen. Oder vielleicht doch auf die Kittelschürze umsteigen?

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