Kaffeehauskultur.

Mein Geo hat manchmal die idiotischsten Ideen. Ich meine: so richtig idiotische Ideen. Völlig abseitige Ideen, fern aller Realität. Er guckt mich dann mit diesem merkwürdigen Gesichtsausdruck an, und es kommen Sätze aus seinem Mund wie Sollten wir nicht noch rasch irgendwo schön in ein nettes Café gehen?? Und wenn meinen Geo wirklich der Hafer gestochen hat, dann kommt die Steigerung: Wir kommen auf dem Heimweg doch sicher an einer hübschen kleinen Espressobar vorbei. (Sie hören jetzt im Hintergrund mehrere landerfahrene Leser hysterisch-verzweifelt auflachen.)

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Das ist nur ein Symbolbild, weil nicht direkt aus dem Odenwald. Aber Sie ahnen, was ich meine.

Irgendwo? Schön? Nett? Hübsch? Espressobar? Rasch schon mal gar nicht. Zehn oder zwanzig Kilometer Anfahrt müssen Sie schon rechnen, je nachdem, wie weit in der Pampa Sie so wohnen. Und obs dann nett oder hübsch ist, müssen Sie von Fall zu Fall entscheiden und der Laune der Bedienung überlassen. Manche Cafés im großen Odenwald sind so Fünfziger, inklusive Wirt und Wirtin, daß es allerdings schon wieder schön ist. Es soll ja Leute geben, die soetwas mögen. Morbider Charme, naja, Sie wissen schon, alles eine Frage der Betrachtung.

Testen Sie das mal aus. Aber bitte nicht zu früh am Tag. Vor 9 Uhr 30 haben viele der Cafés ja noch geschlossen, und schlußendlich landen Sie dann wieder am Stehtisch eines Backshops oder kippen Ihren Kaffee an der Tanke.

Aber es gibt sie tatsächlich im Landkreis, die Cafés, die wir meinen. Auf einer Fläche halb so groß wie das Saarland und fast doppelt so groß wie die Republik Malta fallen mir spontan zwei, drei Läden ein, mindestens, wo man in netter Atmosphäre und mit gutem Service einen feinen Kaffee trinken kann, und das sogar schon morgens. Jaja, da staunen Sie. Und falls Sie irgendeinen Tipp haben, bitte, immer her damit. Sie kennen ja jetzt die Kriterien: rasch, nett, hübsch, Espressobar undsoweiter.

Vielleicht sehen wir ja nur den Wald vor lauter Bäumen nicht.

 

 

 

P.S. Das traurige Foto oben ist in Eberbach entstanden, das ist so gesehen nicht Odenwald, sondern Neckartal. Wir täten der Stadt aber sehr unrecht, wenn wir an dieser Stelle nicht das großartige (aber eben leider auch 18 Kilometer von uns entfernte) Café Victoria erwähnen würden. Hier vermischen sich Fünfziger, Siebziger und die schicke Moderne auf das Allerbeste, der Laden ist an Wochenenden immer rappelvoll, der Service immer freundlich, die Torten und Gebäcke eine Sensation. Sollten Sie mal hingehen, ich kann das nur empfehlen, insbesondere allen Freunden der englischen Monarchie, von wegen Queen Viktoria und so. Hier können Sie das alles nochmal nachlesen.

P.P.S. Hach, vermisst Du denn gar nichts, da in Deinem Wald?, fragt die 80jährige Berliner Tante hin und wieder am Telefon. Nein, Tantchen, nichts, wirklich gar nichts, sage ich dann. Und denke Doch. Oh, doch.

 

 

 

Auf die Bäume, fertig, los.

Wir haben Ihnen für die Zeit bis zum 6. Januar, zwischen Gänsebraten und Plätzchenteller, zwischen Oma Eins und Oma Zwei-besuchen mal ein paar Ausflugstipps zusammengestellt. Falls Ihnen und Ihren Lieben zwischendurch mal nach Bewegung oder Fortbildung oder gar beidem zumute ist. Oder nach einem Ausflug in den Odenwald. So, wies aussieht, können Sie die Schneeketten getrost zuhause lassen und einfach leicht bekleidet durch die Gegend wandern. Und wenn Sie also noch kein rechtes Ziel vor Augen haben, bekommen Sie hier auf dem Blog in den kommenden Tagen ein paar Anregungen aus dem Archiv. Sagen Sie also hinterher nicht, Sie hätten nicht gewußt, wohin. Wir starten heute mit dem Watterbacher Haus bei Preunschen.

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Also, bitte:

Böse Zungen behaupten ja, daß zu Zeiten, als im nahegelegenen Heidelberg schon die feinen Damen in der Kutsche herumfuhren und die jungen Herren entweder studierten oder sich in Verbindungen herumschlugen –, daß also zu diesen Zeiten die Menschen im Odenwald noch auf den Bäumen saßen.

Das ist natürlich völliger Blödsinn. Die Odenwälder  – oder zumindest einige von ihnen – saßen nicht noch auf den Bäumen, sondern allenfalls schon wieder. Weil sie eben ziemlich clever waren, und weil sich da oben, in den Bäumen, eine Menge Geld verdienen ließ.

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Und die Geschichte dazu geht ungefähr so:  Irgendwann um das Jahr 800 besiedelten Mönche das Kloster Amorbach, und weil sie Orte und Weiler drumherum gründen sollten, mußten sie erstmal den Odenwald-Urwald roden. Der bestand seinerzeit nur aus Laubbäumen.

Und die Mönche rodeten und rodeten und gründeten und gründeten. Irgendwann war kaum noch Ur-Odenwald da, dafür aber eine Menge kleiner Besiedelungen, deren Bewohner aber alles andere als reich waren. Die Menschen nagten am Hungertuch, versuchten, auf dem gerodeten Waldboden allerlei Essbares anzupflanzen und fragten sich ansonsten, wie um alles in der Welt sie überleben sollten.

Irgendwann, Mitte des 19. Jahrhunderts, erreichte die Not ihren Höhepunkt und viele Odenwälder wanderten aus, die meisten Richtung Amerika. Ein paar Handwerker waren geblieben, aber auch sie mühten sich mehr schlecht als recht, denn in den Wintermonaten gab es für sie nichts zu tun. Und Wintermonate hatte es im Odenwald auch damals schon mehr als genug.

Nun gab es seit vielen Jahren die amtliche Anweisung, den Odenwald wieder aufzuforsten, mit Nadelholz. Gutes Holz bringt guten Ertrag, das war der staatliche Gedanke. Aufforsten ging aber nur mit teuer eingekauftem Samen. Da entwickelten die armen Odenwälder Handwerker ihre Geschäftsidee: Kiefern-, Lärchen-, Tannenzapfen in der arbeits-losen Zeit im Winter selber ernten, den Samen gut verkaufen. Der Beruf des Odenwälder Zapfenpflückers war geboren.

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Des Zapfenpflückers Ausrüstung: ein Jutesack, zwei starke Arme und gesunde Beine. Sein Erkennungszeichen: aufgeschrammte Ellenbogen, wunde Knie. Wer jung und stark genug war, robbte die Stämme hinauf auf die Bäume; wie die Affen tummelten sich Männer in den Wipfeln, 20, 30 Meter hoch. Irgendwann erfand ein schlauer Odenwälder Zeitgenosse Steigeisen für Zapfenpflücker, das machte die Sache etwas einfacher. Die Männer kletterten und holten säckeweise Zapfen von den Bäumen.

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Zu Hoch-Zeiten lebten allein im kleinen Kirchzell bei Amorbach im Odenwald rund 50 Zapfenpflücker. Die waren so erfolgreich und so unerschrocken, daß sie im Auftrag einer Samenhandlung bald in halb Europa hauptberuflich auf die Bäume stiegen.

Auch wenn heute der Bedarf an Kiefern- oder Lärchen-Samen lang nicht mehr so groß ist: Ein paar Zapfensteiger gibt es immernoch. Die sehen inzwischen aus wie High-Tech-Gebirgskletterer, ausgerüstet mit Helm, mit Haken und mit Seilen. Ihre Berufskollegen von anno dazumal würden das vermutlich nur müde belächeln. Schließlich gehörte seinerzeit noch ein Haufen Mut und eine Portion Leichtsinn mit zum Job.

Immer dann zum Beispiel, wenn dem Zapfensteiger das Gesteige auf den Nerv ging und er beschloß, mal rasch von einem Baumwipfel zum nächsten zu springen.

War beliebt und ging ganz einfach: Baumwipfel zum Schwingen bringen und dann – im entscheidenden Moment – mit Hurraa und Sack und Pack in 30 Meter Höhe rüberhopsen, in den nächsten Gipfel.

Meistens ging das gut.

Meistens. 

 

Wers ein bißchen genauer wissen will, oder sich auch sonstwie dafür interessiert, wie Wald und Lebensunterhalt zusammenhingen, Anno Tobak, dem sei das Odenwälder Waldmuseum Watterbacher Haus empfohlen. Winzig klein, aber sehr spannend. Kann man dann mit einem Ausflug auf die wilde Wildenburg verbinden. Über die berichten wir dieser Tage auch noch mal.

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Irene.

Das ist Irene. Fast 80. Aus der Zeit gefallen. Einfach irgendwann irgendwo stehengeblieben.

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Leute wie Irene heißen heute: Marktmanager, Bereich Convenience. Oder so. Tragen Krawatte und fahren einen dunklen Audi.

Ihre Märkte: riesige Shoppingmonster auf der grünen Wiese. 856 betonierte Parkplätze davor.  Kunden, die sich ahnungslos ferngesteuert wie auf Gleisen durch den Markt bewegen. Elektronische Kassensysteme und schicke Einkaufswagen.

Irenes Supermarkt: ein Lädchen, unten im Wohnhaus. Ihre Kunden: die 157 Einwohner ihres Heimatdorfes. Theoretisch. „Und noch welche von weiter her.“ Aus dem Nachbardorf. In der Stoßzeit stehen schon mal drei Frauen in dem kleinen Lädchen. Schwätzen, und kaufen ein. Weil sie im Kaufland was vergessen haben. Und, um das Lädchen am Leben zu erhalten. Und damit irgendwie wohl auch Irene.

Irenes Waage: eine Antiquität. Noch aus der Zeit, als der Vater hier das kleine Lädchen eröffnet hat. Damals hochmodern.  Es gibt schon Interessenten für das Sammlerstück. „Für wenn ich mal nicht mehr da bin.“ Waagen braucht heute aber niemand mehr. „Ist ja alles abgepackt.“

Irenes Kasse: eine alte Schublade, die sie rumpelnd aus der Theke zieht. „Das reicht.“ Wer nicht zahlen kann, läßt anschreiben in eine alte Kladde und bringt das Geld ein andermal. „Irgendwann.“

Irenes Tiefkühltruhe: ein Haushaltskühlschrank. Wer noch eine Idee braucht fürs Mittagessen, geht hinter die alte Holztheke und schaut mal in den Kühlschrank rein.

Zweimal im Jahr fährt Irene mit der Tochter auf die Fachmesse nach Nürnberg. Einkaufen für Sonderaktionen zu Weihnachten, zu Ostern. Ansonsten kommt jeden Donnerstag das Lieferauto und bringt die neue Ware. „In Rollcontainern“. Die muß Irene dann schon selber in das Lädchen rollern, die jungen Fahrer gucken ihr da gerne zu. Allzu Schwergewichtiges bleibt am Straßenrand stehen, bis abends Tochter oder Schwiegersohn zum Schleppen kommen. Irene gibt den Fahrern trotzdem Trinkgeld. „Macht man doch.“

Irenes Lädchen: Hoffnungslos veraltet. Völlig aus der Mode. Einfach irgendwo stehengeblieben.

Sehr sympathisch.

 

 

Dieser Beitrag ist schon im Sommer 2013 hier erschienen. Ich bin jetzt ein paarmal an dem alten Haus vorbeigekommen, immer sah es dunkel aus. Vielleicht Zufall, oder vielleicht gibt es das Lädchen nicht mehr. Vielleicht weiß jemand was.

 

 

Geht doch.

Die wollten wissen, was es mit dem Volkstrauertag auf sich hat. Da hat man denen das erklärt. Und dann sind die plötzlich alle bei der kleinen Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof aufgetaucht. Und hinterher im katholischen Gottesdienst. Alles Syrer und Afghanen, alles Moslems. Der Mann grinst breit, einige Zuhörer grinsen mit. Geht doch, hier im Odenwald, sagt er grinsend und lehnt sich zurück.

Dieser Tage im kleinen Städtchen hier um die Ecke. Die Kreisverwaltung informiert die Bürger. 200 Flüchtlinge sollen in riesigen Leichtbauhallen am Rande der Innenstadt untergebracht werden, woanders ist derzeit kein Platz. Zuwenig geeignete Immobilien, zuviele zugewiesene Menschen selbst hier, am vermeintlichen Ende der Welt. Schon Anfang Dezember sollen die Zelthallen in der 20.000-Seelen-Gemeinde aufgebaut werden, ab Januar werden die Flüchtlinge erwartet, Männer aus Syrien zum Großteil, die Verwaltung will den Bewohnern des Städchens ihre Pläne vorstellen.

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Um es gleich vorweg zu nehmen: es wird ein stinklangweiliger Abend. Erfrischend langweilig, entspannend langweilig. Die Halle ist nur dreiviertel gefüllt, die 80 oder 90 Besucher hören zu und fragen nach, äußern Sorgen und Bedenken, machen Vorschläge, einige tragen sich hinterher in die Listen des Helferkreises ein, der dringend Unterstützung braucht. Der Sportverein, direkt hinter den geplanten Hallen, hat schon angeboten, daß die Männer mittrainieren können auf dem Fußballplatz, heißt es. Und einer will wissen, ob man die Flüchtlinge schon beschäftigen dürfe, arbeitsrechtlich undsoweiter.

Ich hatte mich auf Gemaule, Gepöbel und Geschrei gefasst gemacht und werde wieder einmal wohltuend enttäuscht. Ganz zum Schluß fragt einer aber doch, eine knappe Woche nach dem Terror in Paris, in Richtung Bürgermeister Können Sie uns garantieren, daß da keine Terroristen mit dabei sind? Der Bürgermeister schüttelt den Kopf. Nein, das kann ich nicht, sagt er. Ich kann Ihnen ja auch nicht garantieren, daß nicht heute abend, unter uns, ein Terrorist ist. Beifall brandet auf.

Am Ende erzählt einer noch von den Erfahrungen aus den winzigen Dörfern, rund ums Städtchen. Überall sind hier schon Flüchtlinge untergebracht, überall kümmern sich Nachbarn und Dorfbewohner. Wir machen auf den kleinsten Dörfern die besten Erfahrungen, sagt der Mann von der Kreisverwaltung, der den undankbaren Job hat, die vielen Menschen unterzubringen, irgendwo, irgendwie. Die Anekdote mit dem Volkstrauertag und dem Gottesdienst kannte er noch nicht, passt aber, sagt er und grinst auch.

Ich sitze also dabei und langweile mich wohltuend und denke an den unsäglichen Artikel im Berliner Tagesspiegel, Monate ist das schon her. Schickt die Flüchtlinge nicht auf die Dörfer!, flehte die Autorin gleichsam die Politik an, Dörfer und Provinz, das sei hässlich, abweisend und feindselig, per se, überall in Deutschland. So richtig Fuß fassen könne ein traumatisierter Mensch aus einem Kriegsgebiet eben nur in Berlin-Mitte, zur Not auch noch in Hamburg oder München, sonst eigentlich fast nirgendwo. Ich musste das seinerzeit natürlich hier im Blog zum Thema machen, wenn Sie möchten, können Sie das hier nocheinmal nachlesen.

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Ich denke außerdem über einen Satz nach, den ich neulich aufschnappte: Die Toleranz steigt mit dem Abstand zum Problem. Soll heißen: je weiter die Flüchtlinge weg sind, desto toleranter sind wir, aber wehe, sie ziehen direkt in die Nachbarschaft. Bezogen auf den armen Odenwald ist dieser Satz ganz schlichtweg falsch, so scheint es mir. Je näher die Fremden kommen, desto größer werden Empathie und tatkräftige Unterstützung. Erst wird hier und da gemault über die Asyllande, und irgendwann wird nicht mehr groß gefragt, sondern geholfen, ganz pragmatisch. Und wenn der Abdul Fußball spielen kann: bitte sehr, wir suchen dringend einen Stürmer.

Ob das alles mit bis zu 200 Männern in zwei großen Zelten so gut funktioniert wie mit ein paar Dutzend pro Dorf drumherum, das muß sich zeigen. Wir haben keine andere Wahl, sagt der Mann vom Landratsamt. Es fehlen geeignete Gebäude, die neue große Gemeinschaftsunterkunft im Städtchen wird erst im kommenden Sommer fertig, so lange muß die Lösung mit den Zelthallen her. Niemand weiß, wie die Zahlen sich entwickeln, wieviele noch kommen, wieviele gehen. Wir waren ja als Verwaltung doch bisher immer stolz darauf, alles gut im Griff zu haben, sagt der Bürgermeister, im Moment haben wir in dieser Sache kaum noch was im Griff. Er verweist auf die Homepage der Stadt, auch da kann sich eintragen, wer helfen mag. Wir sind auf Ihre Unterstützung angewiesen. 

Tags drauf treffe ich einen Mann aus dem Dorf mit der Volkstrauer- und Gottesdienst-Anekdote. Eben hat er einen Flüchtling zum Zahnarzt gefahren. Läuft bei uns, ruft er aus dem Autofenster seines schicken Wagens. Die Menschen machen uns doch null Probleme. Wenn uns was Probleme macht, dann nur die große Politik.

 

 

Wenn Sie vom Thema immernoch nicht genug haben, lesen Sie mal das hier. 750 Flüchtlinge auf 102 Einwohner in einem Nest in Norddeutschland. Nicht das Ob steht im Vordergrund, sondern das Wie.

 

 

 

Stadt.Land.Stuss.

Liebe Frau Fetscher, verehrte Kollegin,

 

Sie haben da diesen Artikel geschrieben, neulich im Berliner Tagesspiegel. Das ist schon ein paar Wochen her, aber Ihr Text geht mir nicht aus dem Kopf.

Schickt die Flüchtlinge nicht auf die Dörfer!, war der Titel, und drunter gab es die Zusammenfassung: Nirgendwo ist der einzelne Mensch der örtlichen Bevölkerung so ausgeliefert wie in der Provinz. Wer von Krieg traumatisiert ist, braucht keine feindselige Umgebung. Sondern Stadtluft und Möglichkeiten. Warum Flüchtlinge ins Zentrum der Gesellschaft gehören – Ein Plädoyer.

 

 

Nirgendwo ist der einzelne Mensch der örtlichen Bevölkerung so ausgeliefert wie in der Provinz, da haben Sie schön recht. Ein gräßlicher Zustand, und die syrische Familie im Nachbardorf, die von einem einheimischen Ehepaar an die Hand genommen und in den deutschen Alltag eingeführt wird, die tut mir jetzt schon leid. Wo soll das enden? Oder die vier afrikanischen Frauen im kleinen Städtchen nebenan, um die sich acht Odenwälder Frauen kümmern und die unter Sachspenden schon ächzen, nee, also ehrlich. So geht das hier allerorten, oft gibt es deutlich mehr Helfer als Flüchtlinge, eine bedrohliche Auslieferungsübermacht quasi, ich kann das alles gar nicht aufzählen, man muß sich das mal vorstellen.

 

Und überall die provinzielle Vetternwirtschaft: da kennt einer einen, der einen kennt, und der könnte einen neuen Mitarbeiter gut gebrauchen, und dann bekommt ein Flüchtling einen Job. Um den Friseur aus Damaskus rissen sich gleich mehrere, hin- und hergerissen ist der arme Mann. Und wenn es irgendwo mal hakt, dann kennt einer einen, der den Landrat kennt, und dann wird da schnell mal angerufen, kurzer Dienstweg, alles vermutlich hart an der Grenze zu Unmenschlichkeit und Illegalität. Und ich sage Ihnen, wir erleben das hier täglich. Schlimm ist das.

 

Wer von Krieg traumatisiert ist, braucht keine feindselige Umgebung. Nochmal: bingo. Dann lieber Berlin, nur so als Beispiel. Eine buntschillernde Metropole, mit Stadtluft und jeder Menge Möglichkeiten, deren täglicher Polizeibericht (ja, den lese ich, so zum Vergnügen) voll von fröhlich-freundlichen Begegnungen zwischen einheimischen Schwachmaten und Menschen fremder Herkunft ist. Da wird in der U-Bahn beleidigt, geprügelt und erstochen, auch in der S-Bahn und in Bussen, da fuchteln angeheiterte Berliner Großgeister mit Samuraischwertern/Baseballschlägern/Zaunlatten in Flüchtlingswohnheimen herum, da pissen singende Nazis am hellichten Tag gegen die Stelen der Holocaust-Gedenkstätte,  – aber wenigstens ist da was los! Und sicher meinen die das gar nicht so. Wenn ich da unterwegs wäre, mit einer falschen Hautfarbe, ich nähme soetwas mit einem amüsierten Augenzwinkern zur Kenntnis. Sind doch niedlich, diese pickeligen Typen in den schwarzen Bomberjacken.

 

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Ein Symbolbild. Unwirtliche Gegend meets Bleiwüste.

 

Hier auf dem Land hingegen hört und liest man nichts, und das ist ja schon feindselig genug. Hoch verdächtig außerdem. Hier findet ja immer alles hinter zugezogenen Gardinen und hinter vorgehaltener Hand statt. Und wenn sich in einem 360-Seelen-Dorf 40 potentielle ehrenamtliche Helfer für die Flüchtlingsarbeit treffen, noch bevor die ersten Flüchtlinge überhaupt da sind, dann sollte einen das nun wirklich stutzig machen. Geradezu konspirativ rotten sich die Menschen hier zusammen, im erwähnten Beispiel sind das immerhin zehn Prozent der Bevölkerung, und das ist in anderen Dörfern nicht anders, herrjeh. Man muß sich Sorgen machen.

 

Aber wen wunderts? Ressentiments und Bildungsferne von Randgruppen sowohl in ländlichen Gebieten als auch in der Bevölkerung der Banlieues ähneln einander. Genau.so.ist.es. Besonders hier in Baden-Württemberg. Gehen Sie da mal auf ein Dorf – ich meine, da sind der Wedding und die Gropiusstadt doch ein Dreck dagegen! Ressentimentsbeladene Randgruppen, wo man nur hinschaut, man traut sich selber nicht mehr auf die Straße. Bildungsferne Bauern halt. Dauernd in der Angst, es könnte ihnen einer die Butter vom Brot nehmen. Unglücklich und unzufrieden. Wahrscheinlich verprügeln die ununterbrochen in irgendwelchen finstren Ecken arme andre Menschen, zwecks Frustabbau, nur liest man leider nie davon, siehe oben. Naja, gleichgeschaltete Presse, undsoweiter, Sie wissen schon.

 

Baracken und Kasernen in unwirtlicher Gegend sind dabei keine Hilfe, sondern eine unmenschliche Zumutung. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Und ich meine, mal ehrlich, die gesamte deutsche Provinz besteht ja aus nichts anderem als aus Baracken und Kasernen. In unwirtlicher Gegend. Aber es kommt noch schlimmer: Bei uns im Kreis sind Flüchtlingsfamilien in Einfamilienhäusern untergebracht. Und in Wohnungen. Tür an Tür mit den übergriffigen Nachbarn, denen sie so hilflos ausgeliefert sind, siehe oben.

Man muß sich das mal vorstellen.

 

(Ironie-Modus: AUS.)

 

 

Liebe Frau Fetscher, ich könnte jetzt noch zahllose weitere Zitate aus Ihrem beispiellos bornierten Text herauspicken, oder viele Beispiele hier aus der Provinz mit Links verlinken, aber es ist mir allzu mühsam und zu dumm. Irgendwo las ich, sie seien aus Tübingen und lebten nun in Berlin, in Ihrem Zentrum der Gesellschaft, ich könnte jetzt sagen, aha, das erklärt alles, und das sind mir die Allerliebsten, manchmal bin ich dann eben doch wieder gerne gebürtige und arrogante berliner Großstadt-Zicke, aber ich verkneife mir das nun. Fest steht, daß Sie offenbar ganz gerne in Schwarz-Weiß denken und nur wenig Ahnung von Stadt und Land haben, oder daß Sie – was noch schlimmer wäre – von einem Dorf auf alle Dörfer schließen, ohne je in der deutschen Provinz wirklich unterwegs gewesen zu sein.

 

Ich lade Sie herzlich ein, kommen Sie doch gerne mal bei uns vorbei, hier in den deutschen Süden, und machen sich ein Bild. Ich würde Sie dann auch mit all den vielen Leuten zusammenbringen, die hier sehr aktiv sind in der Flüchtlingsarbeit. Ich kann Ihnen allerdings nicht versprechen, daß die Zeit haben für Sie, die haben nämlich alle Hände voll zu tun. Und vermutlich wenig Bock auf Berliner Journalisten, die Ihnen einmal mehr erklären wollen, wie schlimm das hier so zugeht auf dem Land.

 

 

 

P.S. Ja, auch hier gibt es sicher etliche Schwachmaten, die am Stammtisch diesen oder jenen Blödsinn loslassen. Und auch hier gab es inzwischen vereinzelt hörbare Proteste. Aber nicht auf den Dörfern, sondern ausgerechnet da, wo die Bewohner immer gern betonen, daß sie ja in einer Stadt leben. Honi soit qui mal y pense. Alles Weitere können Sie hier nochmal nachlesen, im Grunde passt der Text bis heute.

 

 

 

 

Preisfrage.

Die hiesige Polizei meldet in ihrem täglichen Bericht heute drei kleinere Unfälle/Parkrempler in der Region, mit und ohne Fahrerflucht.

 

Entstandener Sachschaden: knapp 10.000 Euro.

 

Preisfrage:

Wie alt sind die drei Unfallverursacher zusammen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lösung:

Zweihundertvierundvierzig Jahre.

 

So ist das auf dem (klick!) Land.

 

 

 

 

 

Medienstars.

Die Kollegin stutzte kurz. Ich hatte sie am Telefon nach dem Arbeitstitel der Reportage gefragt, die sie über uns schreiben wollte. Wenn Journalisten stutzen, sollte man hellhörig werden. Arbeitstitel? Ja, also… äh… „Wie kann man denn sooo leben???“, das wäre der Arbeitstitel.

Mit drei Fragezeichen.

 

Aha.

 

 

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Teil einer Serie sollten wir werden, einer Serie über die abgedrehtesten Lebensentwürfe im Ländle. Oder so ähnlich. Vielleicht habe ich da aber auch was falsch verstanden. Soooo abgedreht fand ich uns bis dato gar nicht.

 

Aber bitte.

 

Jedenfalls luden wir sie herzlich ein, zu uns in den tiefen Odenwald.

 

Nein, Sie müssen nicht im Gasthaus übernachten, Sie schaffen die 60 Kilometer hin und 60 Kilometer her in einem Tag. Doch, es gibt schon asphaltierte Straßen hier. Und wenn Sie gar nicht weiterwissen, rufen Sie von unterwegs schnell an. Ja, wir haben Telefon. Sie schaffen das! Ich sprach ihr Mut zu. Mit Städtern muß man manchmal reden wie mit Kindern.

 

 

Und sie schaffte es tatsächlich. Blieb gleich ein paar Stündchen, wollte alles wissen, sie fragte, wir erzählten fast alles, sie staunte, machte sich Notizen. Wollte die Hühner sehen (wieviel Eier legen die denn so?) und den Hasen-Riesen (Wahnsinn! Läßt der sich streicheln?), nahm ein paar getrocknete Steinpilze mit (Wissen Sie, was die in Heidelberg beim Feinkostladen kosten??) und machte sich irgendwann auf den weiten Heimweg, zurück in die Stadt.

 

 

Wenn Sie also nochmal en detail wissen wollen, wie man denn so leben kann, Zahlen, Daten, Fakten, dann können Sie das jetzt also auch in der (klick!) Stuttgarter Zeitung lesen. Wens interessiert. Sie machen unser Dorf ja noch berühmt, hat der Bäcker heute früh gesagt. Der Freund des Schwagers seiner Cousine-der-ihrer-Tochter, der hatte den Artikel gesehen und ihm die ganze Zeitung gleich geschickt. Wenn ich das richtig verstanden habe.

 

 

Und wenn es jetzt der Bäcker weiß, weiß es morgen der halbe Landkreis. Und hoffentlich bald auch der Landrat und die Bürgermeister. Ich finde nämlich langsam, es wären jetzt mal Tantiemen fällig. Oder so.

 

 

 

 

 

P.S. Liebe Johanna Eberhardt, wenn Ihnen mal wieder der Sinn nach einer aufregenden Landpartie steht: Immer gerne! Herzliche Einladung. Sie wissen ja jetzt, wo es den besten Cappuccino nördlich der Alpen gibt, die schönsten Hühner, die besten Eier, die leckersten Steinpilze und überhaupt. Ich sage nur: Odenwald! Das Glück liegt direkt vor der Haustür. 

 

 

 

 

 

Informationsgesellschaft.

Auf der morgendlichen Hunderunde vorbei an einer windschiefen durchhängenden Telefonleitung. Dann weiter Richtung Wald. Endloser Himmel. Nichts verstellt den Blick, keine Hochspannungsmasten, keine Häuser.

 

 

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Nur hinter den Bäumen ahnt man den schlanken Turm, der uns mit dem Wichtigsten versorgt. Mit Internet. Mit Mobilfunk. Er sorgt dafür, daß wir auch hier alles wissen, alles sofort weitersagen können, immerzu und überall. Informationen aus aller Welt, rund um die Uhr. Das vermeintliche Ende der Welt ist schon lange nicht mehr das Ende der Welt.

 

 

 

Der Mast und die 50.000er-Leitung im Boden sorgen dafür, daß wir im Minutentakt Nachrichten aus aller Herren Länder abrufen können, lesen, bewerten, weiterschicken, verlinken. Soll niemand sagen, er hätte nichts gewußt, hier hinten, tief im Wald. Soll niemand sagen, wir wären abgehängt in der Provinz.

 

 

Ob im Unterholz oder am Schreibtisch mit Blick auf das schläfrige Dorf: aus den Geräten quellen die Kriege und die Toten, die Erschossenen und die Zerbombten, fanatisches Geschrei und aufgeregte Diskussionen, zack!, bumm!, bäng!, landen sie auf dem Display, zwischen die Platinen hindurch sickern Angst und Hass auf den Bildschirm und wabern durchs Haus, durch den Wald. Erschüttern noch den friedlichsten Platz. Sorgen dafür, daß Du unten am wild rauschenden Bach stehst, an der kleinen Brücke, wo nie jemand unterwegs ist und die Idylle stört, den Hunden beim übermütigen Spiel zuschaust und denkst: Was für eine Scheißwelt.

 

 

Und während Du dann zu den Hühnern gehst, um auf andere Gedanken zu kommen, um nach dem Rechten zu schauen, ob sie alles haben und ob sie froh und glücklich sind, denkst Du darüber nach, was die Lösung wäre. Abschalten, alles?

 

 

 

In diesem Zusammenhang fällt mir die Schreckensnacht von Balsbach ein, im April 1944.

 

Fast fünf Jahre tobte der Zweite Weltkrieg da schon in Europa, aber Balsbach war weit weg, von allem. Heimatpost von Soldaten kam, wenn überhaupt, nur selten, das Radio vermeldete, wenn überhaupt, nur angebliche Siege, die Sonne ging morgens auf und abends unter, die Kühe gaben Milch, das Korn wuchs, Kartoffeln wurden gesetzt und geerntet. Der Krieg tobte, Menschen starben, meine Berliner Mutter verbrachte einen Gutteil ihrer Kindheit im Luftschutzbunker, meine Schwiegermutter flüchtete mit zwei kleinen Kindern auf dem Arm zu Fuß von Köln Richtung Franken, die Welt drehte sich weiter und tief im Odenwald ging alles halbwegs seinen Gang. So stelle ich mir das vor.

 

Manchmal vielleicht stiegen Männer und Frauen auf die Anhöhe zwischen den Dörfern, sahen Flugzeuge ihre Bomben abwerfen, weit weit in der Ferne, sahen vielleicht die Angriffe auf Heilbronn oder Stuttgart. Flammen wie ein Feuerwerk. Das war der Krieg.

 

 

 

Bis zu jener Schreckensnacht, als auch in Balsbach Bomben fielen. Als der dann schon fünfjährige Krieg dröhnend auch in diesem kleinen Dorf ankam. Mit ungeheurem Knall detonierte eine schwere Sprengbombe 150 Meter vor Balsbach im Felde, notiert der damalige Ortspfarrer Andreas Leimbach in seinen Aufzeichnungen, die Fensterscheiben fast aller Häuser gingen größtenteils zu Bruch. Dächer wurden abgedeckt. Eine zweite schwere Bombe detonierte im Walde des Herrn Ernst Müller. Durchmesser des Trichters ca. 20 Meter.  Brandbomben fielen eine Menge in die benachbarten Wälder. In Reisenbach brannten mehrere Gehöfte nieder.

 

 

 

Die Menschen hätten sich ins Freie gerettet und sich auf die Wiesen gelegt oder sonstwo Deckung gesucht, beschreibt der Pfarrer die Schreckensnacht weiter. Tote gab es keine. Fast fünf Jahre nach Kriegsausbruch hat die nackte Angst auch das Dorf am Ende der Welt erreicht, und Pfarrer Leimbach notiert:

Die Leute sind nach diesem nächtlichen Erlebnis etwas bange.

 

 

 

 

 

 

Nachlesen kann man die Geschichte der Balsbacher Schreckensnacht in einem Aufsatz unseres Ortschronisten Norbert Schwing im Unser-Land-Kalender. 

 

 

 

 

Marketing-Offensive.

Marketing-Offensive für mehr Lehrer im ländlichen Raum.

 

 

Damit nehmen wir von der eigentlichen Pfalz Abschied und wandern übers Neckartal hinüber , ins eigentliche Frankenland, in das Revier heiterer, lebensfroher Menschen und kreuzfideler Gemütlichkeit.

 

Zwar sind jene Marken unserer Gauen mitunter etwas sehr verschrauen, aber nur von Leuten, welche die Gegend gar nicht kennen, deshalb ein ganz unbegründetes törichtes Vorurteil hegen und sogar der Meinung sind, dort seis bei hellem Tag Nacht.

 

Und doch, wenn solch Befangene mit offenen Augen um sich schauen würden, müßten sie zugestehen, daß unter 100 Behörden, Beamten und Angestellten aller Kategorien, 90 % von dort hinten jenseits des Neckar, herstammen, die Leute somit doch nicht ganz hinter dem Monde daheim sind.

 

 

Ich habe rund zehn Jahre da unten gewürgt, gesungen und gedatzt, im Walldürner, Mudauer und Schefflenzer Revier und schließlich in der Walldürner Wallfahrtskirche mit einem Walldürner Müllersmädle Hochzig gemacht, was heute noch meine Frau ist und eine außerordentlich gesegnete Stammmutter abgegeben hat: denn mein Bärwele von der Talmühle hat mich so nach und nach mit 12 Kindern beschenkt. Mehr kann man wahrlich von einem verliebten Müllersmädle doch nicht verlangen!

 

 

Kurz und gut. Die dort hinten verlebten Tage und Jahre zählen heute noch zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, und ich wollte, ich wäre noch im Alter wie damals, als 22jähriger Hauptlehrer zu Reisenbach.

 

 

Jakob Josef Hoffmann, Hauptlehrer, um 1900.

 

 

Gefunden im Unser-Land-Kalender 2015, Beitrag von Norbert Schwing: „Lehrerstelle mit Aussicht (…) Verlag Rhein-Neckar-Zeitung

Politik des Gehörtwerdens.

Sehr geehrte Frau Staatsministerin,

liebe Frau Krebs,

 

 

Ja, sowas Dummes aber auch! Da waren Sie nun mal wieder in der Region, und ich hab Sie verpasst. Schade! Trotzdem supi, daß Sie da waren. Ich habe in der Zeitung davon gelesen. Dolle Sache!

 

Ist ja überhaupt gut, sich mal in den strukturschwachen Regionen Baden-Württembergs umzuschauen. Gerade wir Hinterwäldler haben ja manches Mal den Eindruck, in der Politik nicht recht gehört zu werden. Sie wissen schon: Minderwertigkeitsgefühl und so.

 

Aber zum Glück propagiert auch unser Landesvater ja die Politik des Gehörtwerdens. Da freuen gerade wir im finstren Wald uns sehr. Denn wie gesagt: wir haben manchmal das Gefühl, uns nimmt man nicht so ernst.

 

 

Also: Vorbildlich, daß Sie jetzt mal wieder da waren. Weil Sie uns eben doch sehr ernst nehmen.

 

 

Klasse Idee, ein Meinungsforschungsinstitut zu beauftragen, uns hier mal so richtig aufs Maul zu schauen. Im Rahmen einer Fokusgruppenbefragung ein paar ausgewählte Bürger zu einer Versammlung einladen, und dann: Feuer frei!

 

 

Leute, wo drückt Euch der Schuh? Immer raus damit! Keine Scheu, wir wollen alles wissen! Wir begleiten das auch wissenschaftlich, damit die Sache Hand und Fuß hat. Schließlich will die Landesregierung wissen, was das Volk so denkt. So ein Engagement begrüße ich. Der Draht zwischen Volk und Regierung könnte nicht direkter sein.

 

 

Liebe Frau Krebs, das ist ja klar, daß Sie das nicht versäumen wollten, diese Bürgerversammlung tief im Odenwald. Logo. Politik des Gehörtwerdens und so.

 

Mir ist auch völlig klar, warum Sie da inkognito waren, also unerkannt. Ich meine: eine Grüne, tief im CDU-Land, undsoweiter? Bei den Odenwäldern weiß man nie. Mal unter uns: Ich bin ja zugezogen und wähle auch nicht immer CDU, ich weiß also, wovon wir reden, zwinkerzwinker. Im Oudewald is schnell mal druffgeschlage‘. Sagt man ja so. Ist vielleicht ein bißchen übertrieben, aber wer weiß das schon? Sicher ist sicher. Sind Sie also anonym hin.

 

 

Do hinne, wo die schwärzesten Keiler leben, da erkennt Sie ja zwar ohnehin kein Mensch, aber bevor Sie sich eine blutige Nase holen….nein, ich verstehe das. Und wenn es um dem Odenwälder seine Alltagsprobleme geht, lang ersehnte Umgehungsstraßen, drohender Abzug der Bundeswehr, Aussterben der Ortskerne, fehlende Fachkräfte – da kann schon mal eine handfeste Schlägerei entstehen, Also nur gut, daß Sie sich nicht geoutet haben!

 

 

Ich verstehe auch, daß Sie gar nicht wirklich bei der Bürgerversammlung waren, um dem Volk aufs Maul zu schauen und Gehör zu schenken, sondern daß Sie lieber in einem Nebenraum Platz genommen haben. Vor einem TV-Gerät. LiveÜbertragung der Gespräche nebenan. Bei einem guten Grauburgunder.

 

Schon allein das Glas Wein hätte Sie verdächtig gemacht do hinne, wo wahrscheinlich alle nur Bier saufen. Und wahrscheinlich gabs bei der LiveÜbertragung auch hochdeutsche Untertitel der Wortbeiträge, denn der Odenwälder an sich redet ja so breiten Dialekt – Sie hätten gar nichts verstanden! Also nur nachvollziehbar, daß Sie die live-Übertragung OmU vorgezogen haben. War auch zum Notizenmachen sicher besser, da im Nebenraum, in aller Ruhe, is ja klar.

 

Das Gespräch wäre schließlich nicht dasselbe gewesen, wenn die Ministerin am Tisch gesessen hätte, sagt ein Wissenschaftler. Meine Rede. Die Odenwälder hätten vor lauter Schreck das Maul nicht aufgekriegt. Oder gehauen, siehe oben.

 

Schade, daß Sie dann sehr schnell verschwunden sind, offensichtlich immernoch inkognito. Ich hätte Sie – wie gesagt – gerne mal getroffen. Gerne da im Nebenraum, da hätten wir mal ein bißchen plaudern können, über den Odenwälder an sich. Über die strukturschwachen Räume und über die Probleme der Leute hier. Ich als Zugezogene hätte Ihnen da Sachen erzählen können…!

 

Naja, ist müßig, darüber nachzudenken, denn die Presse war ja unerwünscht an diesem Abend, von wegen wissenschaftliche Fokusgruppenbefragung und so. Nachvollziehbar, trotzdem schade.

 

Egal! Vielleicht klappts ja beim nächsten Mal!?

Kommen Sie doch gerne wieder.

 

Herzliche Grüße,

 

undsoweiter undsoweiter.

 

 

 

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