Auf die Bäume, fertig, los.

Wir haben Ihnen für die Zeit bis zum 6. Januar, zwischen Gänsebraten und Plätzchenteller, zwischen Oma Eins und Oma Zwei-besuchen mal ein paar Ausflugstipps zusammengestellt. Falls Ihnen und Ihren Lieben zwischendurch mal nach Bewegung oder Fortbildung oder gar beidem zumute ist. Oder nach einem Ausflug in den Odenwald. So, wies aussieht, können Sie die Schneeketten getrost zuhause lassen und einfach leicht bekleidet durch die Gegend wandern. Und wenn Sie also noch kein rechtes Ziel vor Augen haben, bekommen Sie hier auf dem Blog in den kommenden Tagen ein paar Anregungen aus dem Archiv. Sagen Sie also hinterher nicht, Sie hätten nicht gewußt, wohin. Wir starten heute mit dem Watterbacher Haus bei Preunschen.

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Also, bitte:

Böse Zungen behaupten ja, daß zu Zeiten, als im nahegelegenen Heidelberg schon die feinen Damen in der Kutsche herumfuhren und die jungen Herren entweder studierten oder sich in Verbindungen herumschlugen –, daß also zu diesen Zeiten die Menschen im Odenwald noch auf den Bäumen saßen.

Das ist natürlich völliger Blödsinn. Die Odenwälder  – oder zumindest einige von ihnen – saßen nicht noch auf den Bäumen, sondern allenfalls schon wieder. Weil sie eben ziemlich clever waren, und weil sich da oben, in den Bäumen, eine Menge Geld verdienen ließ.

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Und die Geschichte dazu geht ungefähr so:  Irgendwann um das Jahr 800 besiedelten Mönche das Kloster Amorbach, und weil sie Orte und Weiler drumherum gründen sollten, mußten sie erstmal den Odenwald-Urwald roden. Der bestand seinerzeit nur aus Laubbäumen.

Und die Mönche rodeten und rodeten und gründeten und gründeten. Irgendwann war kaum noch Ur-Odenwald da, dafür aber eine Menge kleiner Besiedelungen, deren Bewohner aber alles andere als reich waren. Die Menschen nagten am Hungertuch, versuchten, auf dem gerodeten Waldboden allerlei Essbares anzupflanzen und fragten sich ansonsten, wie um alles in der Welt sie überleben sollten.

Irgendwann, Mitte des 19. Jahrhunderts, erreichte die Not ihren Höhepunkt und viele Odenwälder wanderten aus, die meisten Richtung Amerika. Ein paar Handwerker waren geblieben, aber auch sie mühten sich mehr schlecht als recht, denn in den Wintermonaten gab es für sie nichts zu tun. Und Wintermonate hatte es im Odenwald auch damals schon mehr als genug.

Nun gab es seit vielen Jahren die amtliche Anweisung, den Odenwald wieder aufzuforsten, mit Nadelholz. Gutes Holz bringt guten Ertrag, das war der staatliche Gedanke. Aufforsten ging aber nur mit teuer eingekauftem Samen. Da entwickelten die armen Odenwälder Handwerker ihre Geschäftsidee: Kiefern-, Lärchen-, Tannenzapfen in der arbeits-losen Zeit im Winter selber ernten, den Samen gut verkaufen. Der Beruf des Odenwälder Zapfenpflückers war geboren.

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Des Zapfenpflückers Ausrüstung: ein Jutesack, zwei starke Arme und gesunde Beine. Sein Erkennungszeichen: aufgeschrammte Ellenbogen, wunde Knie. Wer jung und stark genug war, robbte die Stämme hinauf auf die Bäume; wie die Affen tummelten sich Männer in den Wipfeln, 20, 30 Meter hoch. Irgendwann erfand ein schlauer Odenwälder Zeitgenosse Steigeisen für Zapfenpflücker, das machte die Sache etwas einfacher. Die Männer kletterten und holten säckeweise Zapfen von den Bäumen.

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Zu Hoch-Zeiten lebten allein im kleinen Kirchzell bei Amorbach im Odenwald rund 50 Zapfenpflücker. Die waren so erfolgreich und so unerschrocken, daß sie im Auftrag einer Samenhandlung bald in halb Europa hauptberuflich auf die Bäume stiegen.

Auch wenn heute der Bedarf an Kiefern- oder Lärchen-Samen lang nicht mehr so groß ist: Ein paar Zapfensteiger gibt es immernoch. Die sehen inzwischen aus wie High-Tech-Gebirgskletterer, ausgerüstet mit Helm, mit Haken und mit Seilen. Ihre Berufskollegen von anno dazumal würden das vermutlich nur müde belächeln. Schließlich gehörte seinerzeit noch ein Haufen Mut und eine Portion Leichtsinn mit zum Job.

Immer dann zum Beispiel, wenn dem Zapfensteiger das Gesteige auf den Nerv ging und er beschloß, mal rasch von einem Baumwipfel zum nächsten zu springen.

War beliebt und ging ganz einfach: Baumwipfel zum Schwingen bringen und dann – im entscheidenden Moment – mit Hurraa und Sack und Pack in 30 Meter Höhe rüberhopsen, in den nächsten Gipfel.

Meistens ging das gut.

Meistens. 

 

Wers ein bißchen genauer wissen will, oder sich auch sonstwie dafür interessiert, wie Wald und Lebensunterhalt zusammenhingen, Anno Tobak, dem sei das Odenwälder Waldmuseum Watterbacher Haus empfohlen. Winzig klein, aber sehr spannend. Kann man dann mit einem Ausflug auf die wilde Wildenburg verbinden. Über die berichten wir dieser Tage auch noch mal.

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10 Kommentare

  1. Da bekommt man ja beim Lesen schon weiche Knie. Ich bleibe rein Jobmäßig doch erstmal lieber bei meinem Schreibtisch mit PC und Maus und Kaffee – und was das Schwingen angeht, langt mir dir Schaukel auf dem Spielplatz in der Nachbarschaft. 😉

  2. Ja, das mutet heute schon abenteuerlich an – aber was doch immer wieder erstaunlich ist, dass es unter den damaligen Umständen wohl gar nicht so viel mehr Unfälle gab.
    Vielleichthaben die Menschen sich (und das ist ja nun heute in jedem Bereich so) viel mehr auf ihren gesunden Menschenverstand verlassen und mehr nachgedacht – und ein paar wagemutige gab es bestimmt damals auch schon 🙂
    HG
    Birgit

    • Naja, … im Museum heißt es, es habe in jeder Familie mindestens einen gegeben, der abgestürzt ist, da war eben manchmal auch viel jugendlicher Leichtsinn dabei.

  3. In den 80ern war auf der Alb „Buchele“, also Buchensamen sammeln eine äußerst lukrative Freizeitbeschäftigung. Da sind einige im Herbst in den Wald und haben mit unterschiedlichsten Gerätschaften, Folien, Rechen u.s.w. Buchensamen gesammelt. Für einen Sack gab es weit über 100 Mark.
    Ich weiß es nicht mehr genau, aber es gab echtes Geld dafür !
    Und mein Freund, Biobauer und Baumkletterer seines Zeichens, geht heute noch Zapfen pflücken. Wie beschrieben mit der amtlichen Ausrüstung.

  4. Damals gab es ja noch keine Berufsgenossenschaft oder andere Vereinigung, die mit Sicherheitsbestimmungen, Warnhinweisen und europäischen Richtlinien den Weg auf den Baum erschwert haben. Dabei lässt sich der Papierstapel solcher Bestimmungen bestimmt so hoch stapeln, dass die Baumkrone völlig unfallfrei erreicht werden kann. 😉

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