Lost place.

Ich habe ja ein Faible für sogenannte Lost places. Aber es gibt dabei immer wieder Lost places, die sind überhaupt nicht lost, nicht verloren, die sind nur noch nicht wiederentdeckt worden. Die warten auf jemanden, der sie wachküsst, so dornröschenmäßig, naja, Sie wissen schon. Dabei warten sie aber gar nicht auf irgendeinen albernen Prinzen in Glänze-Leggings und Schnabelschuhen, oder auf irgendeine blöde Prinzessin, es müsste nur jemand aufmerksam werden, und ein paar richtig gute Ideen haben und ein paar Euro. Mehr braucht es nicht, und ich frage mich immer mal wieder, insbesondere hier im Odenwald, ob es von diesen Leuten nicht eigentlich genug geben sollte.

Langer Rede kurzer Sinn: Es gibt da diesen Bahnhof in Seckach. Der gehörte einst zur Großherzoglich Badischen Staatseisenbahn, und die Herren dieser Staatseisenbahn legten großen Wert darauf, dass entlang der Strecke die schönsten Bahnhöfe gebaut wurden. Egal, wie groß oder klitzeklein nun die dazugehörige Gemeinde sein mochte.

Mehr noch: je kleiner die Gemeinde, je tiefer drin in der vermeintlichen Provinz, desto wichtiger war den Herren der repräsentative Bahnhofsbau. Geschmacksbildend sollte das Bauwerk sein; für alle jene insbesondere, die eben nie aus Badisch-Kleinkleckersdorf  und Badisch-Hinterposemuckel hinauskommen würden, sollte das Bahnhofsgebäude zeigen, wie gute Architektur und weltstädtischer Geschmack aussehen. Eine Badische Bahnhofspädagogik, sozusagen. Bei den sparsamen Schwaben und ihrer schwäbischen Eisenbahn sah das angeblich schon ganz anders aus, ich kann das hier nur weitergeben, ich habe das nicht überprüft.

Im Seckacher Bahnhof gab es alles, was ein Bahnhof halt so braucht, einen Wartesaal und eine Gepäckaufgabe, Fahrkartenschalter und ein paar Toiletten und eine Gaststätte, dazu die große Wohnung des Bahnhofsvorstehers und die Wohnung für den Postamtsvorsteher, das alles auf mehreren hundert Quadratmetern über drei Geschosse. Und obendrin noch ein riesiger Dachboden. Hochherrschaftliche Treppenaufgänge und knarzende Dielen, gedrechselte Geländer und verzierte Türen.

Ich stelle mir vor, wie es hier drin zugegangen sein muss, als hier noch das pralle Bahnhofsleben herrschte. Wie unten im Wartesaal Menschen auf Züge warten, oder auf den Mann, die Mutter, die Kinder. Da wird vermutlich gelacht und geweint und gejohlt und geküsst, wie das halt auf Bahnhöfen so zugeht. Da wird gegessen und getrunken, da wird geraucht, dass es grad so qualmt, da holen sich die Kinder des Ortes im Sommer ihr Eis oder warten an der Hand der Eltern ungeduldig zappelnd auf die nächste große Lok, den nächsten langen Güterzug, und manchmal winken sie den Vorbeifahrenden.

Da werden zwischen den Holztüren Pläne geschmiedet, da gehen Sehnsucht und Hoffnung auf Reisen und Beziehungen zuende, mit geschwenktem Taschentuch am Gleis. Und manch einer wird im Koffer jede Menge Aufregung mit sich schleppen, und Mut, oder Verzweiflung. Der Bahnhof als Mikrokosmos: Ankommen, Wegfahren, und dazwischen stempelt einer mit dem lauten Rumms des Metall- Stempels ein neues Ziel auf einen Fahrschein.

Aber es kam, wie es beim Stichwort Bahn so kommen musste: Irgendwann übernahm, gänzlich unsentimental, die Deutsche Bahn AG die Strecken und die Bahnhöfe, und sie kümmerte sich – so hört man allenthalben – einen feuchten Kehricht um die historischen Gebäude. Alles lästig, alles viel zu teuer, die Toiletten wurden weggespart, die Wartesäle zugesperrt, und Tickets gibts am Automaten. Der einst pulsierende Mikrokosmos verfiel in den Dornröschenschlaf, stolz und still und leer steht der Bahnhof Baujahr 1887 seitdem am Gleis und schaut auf all die Züge, die da fahren.

Viel mehr Züge sind das als noch vor ein paar Jahren, die Strecke ist vielgenutzt, und die Züge halten und fahren an in Seckach, und dabei machen sie immer dieses zischende Geräusch, das ein bisschen klingt wie ein Seufzen, so, als wollten sie dem Bahnhof zurufen, tja, altes Haus, das ist ja mal ein blöder Zustand, einfach nutzlos hier herumzustehen, wo Du doch so wunderschön bist, aber vielleicht kommt ja irgendwann mal einer. Die Bahnfahrer schimpfen derweil wie die Rohrspatzen, sie stehen bei Wind und Wetter im Freien und frieren neben dem verwaisten Bauwerk.

So sah das mal aus, noch 1992. Foto: Gerd Wilhelm, Bammental.

Weil das Gebäude aber wunderschön und die Lage ziemlich super ist, kaufte die Gemeinde Seckach der Bahn den Bahnhof ab, bevor er eines Tages unter die Räder kommen würde. Derzeit nimmt die Kommune nochmal Geld in die Hand, das Dach wird gemacht , und die Fassade, und auch ein paar denkmalschutzrelevante Dinge, jedenfalls sieht der Bahnhof danach vermutlich noch ein bißchen schicker aus, zumindest von außen.

Innen ist noch ein bißchen was zu tun, zugegeben. Die letzten Bewohner haben ihre Spuren hier hinterlassen, an einer Stelle ist ein Loch in einer Decke, ein paar Tapeten sollten auch ausgewechselt werden und vielleicht braucht es eine neue Heizung. Nichts, was man nicht stemmen könnte.

Jetzt werden Menschen mit guten Ideen gesucht. Und mit der Bereitschaft, den alten Bahnhof nicht nur wachzuküssen und selber wieder zu beleben, sondern unten, im Erdgeschoß, irgendwie auch eine Wartemöglichkeit für Reisende zu schaffen. Wäre ich Architekt oder Rechtsanwalt oder Arzt oder Physiotherapeut oder wasweißich, irgendjemand, der ein bißchen Platz braucht, ich würde mir die Finger nach einer solchen Immobilie lecken.

Vermutlich gibt es die sogar zum Superdupersonderschleuderpreis, Genaues weiß ich nicht, aber man kann davon ausgehen, dass der Preis Ihnen, wenn Sie aus Mannheim, Frankfurt oder Heidelberg kommen, schlagartig die Tränen der Rührung in die Augen treiben wird. Und wenn einer ein gutes Konzept hat, dann finden wir auch Geldgeber dafür, sagt der Seckacher Bürgermeister Thomas Ludwig etwas geheimnisvoll, ich habe das nicht weiter vertieft, außerdem hat er noch was von Pachten gemurmelt, aber Sie können ihn ja direkt fragen, (klick:) hier gehts zur Gemeindewebsite und dem Bahnhofsangebot und seiner Telefonnummer und Mailadresse.

Noch ein Archivbild von Gerd Wilhelm. 1986.

Jetzt ist das so eine Art Werbebeitrag geworden, kaufen Sie!, pachten Sie!, schreit es zwischen den Zeilen, und ich kriege nicht mal was bezahlt dafür. Aber eines sage ich Ihnen: wenn Sie den Bahnhof kaufen oder pachten sollten, aufgrund dieses Blogbeitrags, weswegen denn auch sonst, wenn Sie also ihre Liebe zu diesem historischen Gebäude entdecken und zuschlagen, dann werde ich gefälligst zur Einweihungsparty eingeladen. Aber sowas von.

 

 

 

9 Kommentare

  1. Die Bahnhöfe entlang der S4 sind wirklich fast alle Protzbauten, auch der in Osterburken oder weiter gen Würzburg in Lauda. Ich versuch immer zu verstehen, was da alles früher drinnen war.
    Aber nichts gegen den Bahnhof Rolandseck, der jetzt das Arp-Museum ist. Ich war gerade dort und leicht enttäuscht von den Exponaten, aber die Architektur! Alleine der Speisesaal…. Aber dort erwartete man ja auch dauernd den Kaiser und seine Prinzen… Ich weiß ja nicht, ob man hier Links setzen kann, einfach mal goggeln.
    Vielleicht könnte man in Seckach auch was mit Museum/Galerie machen? So was soll ja selbst im tiefsten Odenwald gehen…

  2. oh jaa.. die alten Bahnhöfe..
    wenn ich das Geld hätte wüßte ich auch was ich damit machen würde 😉

    hier sind Bahnhöfe schon zu Mietshäusern umgebaut worden..
    und ein ganz winziger dient als Ausstellungs – und Vereinsraum..
    (meine Mutter hatte da schon Bilder ausgestellt)

    drücken wir mal die Daumen dass sich ein Investor findet..
    liebe Grüße
    Rosi

    • Und so gesehen ist seckach zwar auf dem Land, liegt aber dennoch echt zentral dank der Bahn…warten wir mal ab, vielleicht kommt ja jemand.

  3. Vielen Dank für den Text! Da werden Erinnerungen wach. Bestimmt weit über 1000 Stunden habe ich in Seckach am Bahnhof verbracht. Ganz am Anfang Mitte der1980er noch mit Wartesaal, stinkendem WC und einem richtigen Menschen, der immer die Holzabsperrung zu den Gleisen nach Buchen zu und aufgemacht hat.
    Später musste man dann außen rum über den Bahnübergang zum anderen Gleis laufen. Und während ziwschen Seckach und Schefflenz richtige Züge mit hydraulischen Türen gefahren sind, fuhr nach Buchen und weiter nach Walldürn der Schienenkratzer, mit seinen stahlgrauen Kunstleder-Sitzbänken, die man umstellen konnte, so dass man je nach Gusto in Fahrtrichtung oder in der Gruppe saß. Und die Falttüren konnte man (verbotenerweise) während der Fahrt aufmachen und sich den Fahrtwind ins Gesicht wehen lassen.
    Der Bahnhof stand immer still daneben und hat aus seinen kahlen Scheiben rüber geschaut auf die Wartenden. Aber erst seit die Brücke den Blick dominiert, wirkt er nicht mehr so feudal und riesieg.

  4. Tagelang hab ich jetzt gegrübelt, und heute ist es mir endlich eingefallen: Schanzenbächer hieß das Sortiments- und Lebensmittelgrosshandelsunternehemn, dass im offenbar nicht mehr existenten Güterbahnhofsgebäude südlich des Bahnhofs seinen Sitz hatte. Ich glaube, die Schule, an der mein Vater tätig war, hatte einen Einkaufsausweis für das Unternehmen, so eine Art frühe Metro. Ab und zu führen wir dorthin und kauften größere Mengen an Alltagsbedarf. Discounter gab es ja noch nicht. Das, wenn ich mich richtig erinnere, hölzerne Gebäude war innen vollgestopft mit Ware, mehr Lager als Laden. Als Kind war es immer grandios, dort mit hinfahren zu dürfen: Spektakulär, mit lauter Produkten, die es in meinem Elternhaus nie gab, aber auch etwas düster-unheimlich und irgendwie verwunschen, mit alten Holzbalken und knarzenden Dielen. So ein Shoppingerlebnis wie beim Schanzenbächer hätte ich später nie mehr. Wenn man den Internetquellen glauben darf, wurde das Unternehmen im Seckacher Bahnhof 1977 aufgelöst.

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