Oh, Tannebaum.

Ihr Kinderlein kommet? Die Weihnachtsliedermacher haben gut reden. Gibt ja kaum zeugungsfähige Männer auf dem Land, wo sollen da die Kinderlein herkommen? Genauer gesagt, gibt es derzeit kaum Männer im zeugungsfähigen Alter hier in der Region.

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Die Herren sind momentan alle unterwegs. Das Christbaumgeschäft brummt hier schon seit Wochen, genau so laut, wie die LKW und die Traktoren, die im Viertelstundentakt schwankende Tannenbaum-RiesenGebirge vor unserer Haustür vorbeifahren. Weihnachtliche Schwertransporte, wenig besinnlich, aber lukrativ.

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Ein Gutteil der deutschen Christbäume kommt hier aus der Region. Bis zu eine Million Tannebäumchen. Rund 1000 Hektar Anbaufläche hier im Landkreis. Regionale Wertschöpfung nennt man das. In der Saison – also ab Anfang November – verdienen sich viele Männer beim Ernten, Verpacken, Verladen und deutschlandweit-Verkaufen ein bisschen was dazu. Die Christbaum-Anbauer sowieso. Von denen gibts hier jede Menge, und manchmal hat man das Gefühl, dass noch jeder Quadratzentimeter Vorgarten für den weihnachtlichen Tannen-Anbau genutzt wird.

Diese etwas andere Weihnachtsgeschichte ist dabei zweischneidig. Da sind auf der einen Seite die Landwirte, die die Nase voll haben von ständig sinkenden Milch- und Fleischpreisen, die keine Lust mehr auf die Plackerei haben, wenn sie am Jahresende grade mal null auf null rauskommen. Mancher von ihnen sattelt um auf Nordmanntannen. Nachvollziehbar.

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Da sind auf der anderen Seite Pestizide, Herbizide, Fungizide. Vollgepumpte Böden. Die chemische Industrie sagt den Bäumchen schon, wie sie zu wachsen haben. Schließlich hängt Lametta nur an graden Tannenzweigen. Oh, Tannebaum, oh Tannebaum. Großanbauer, die für ein Vielfaches des landwirtschaftlichen Pachtpreises Flächen zusammenraffen, die den traditionellen Landwirten und damit der Nahrungsmittelerzeugung verlorengehen. Der Boden brauche Jahre, bis er sich erholt hat, sagen Kritiker.

Die riesigen Plantagen verändern das Landschaftsbild – nachhaltiger, als der vielgescholtene Mais und andere Bioenergieträger es je schaffen würden. Vermaisung der Landschaft? Pipifax. Die viel-hektar-großen Weihnachtsbaumplantagen stehen nicht nur einfach in der Gegend rum, sie sind zudem noch eingezäunt, aufwändigst. Drahtgeflecht, kilometerlang. Schließlich sollen sich nicht hungrige Rehe und Hasen, sondern am Ende Vater, Mutter und die Kinder am Weihnachtsbaum erfreuen können.

Jahrhundertealte Wild-Wander-Wege werden so durchschnitten, und manch ein Reh auf der Flucht ist schon in einem Weihnachtsbaumzaun hängengeblieben und elendiglich verreckt. Umso mehr, wenn inzwischen auch tief im Wald (illegal) Plantagen entstehen. Touristen, die sich in das Herz der Weihnachtsbaumproduktion verirren, wähnen sich in einem Industriegebiet, nicht im schönen WanderOdenwald. Oh, Du Fröh-li-che-e.

Schwieriges Thema. Strukturschwache Region? Endlich mal ein Wirtschaftszweig, der etwas Geld bringt! Weihnachtliche Umweltkatastrophe? Arbeitsplätze! Ein Thema, mit dem sich Verwaltungsgerichte und Regierungspräsidien befassen, ein Thema, das in Dörfern und Familien für Streit und Zwietracht sorgt. Und für jede Menge Haupt- und Neben-Einkünfte. Ach, es ist kompliziert.

Ich selber brauche keinen Weihnachtsbaum. Aber ich habe seit Wochen versucht, ein paar Gesprächspartner fürs Radio zu dem Thema zu finden, Pro und Contra, das kann ja nicht so schwer sein. Hey, es ist Advent, da kann man doch mal über Weihnachtsbäume sprechen! Überall das gleiche: Abwinken, Kopfschütteln, nein, vielen dank, aber dazu äußern wir uns nicht. Von einem Wespennest murmelt einer, und ein anderer davon, dass er sich in laufende Gerichtsverfahren nicht einmischen möchte, und ein Dritter sagt, er will in Frieden leben undsoweiterundsoweiter. Ich möge doch im Frühjahr nochmal fragen. Gut, dann werde ich das Thema Weihnachtsbaum zu Ostern nochmal aufgreifen. Die Plantagen sind ja zeitlos.

Und die Moral von der Geschichte? Die weihnachtliche Botschaft? Vielleicht die: Tannen aus regionaler Erzeugung? Gerne. Aber dann aus umweltverträglicher Erzeugung, mit Brief und Siegel. Gibts auch, hin und wieder. Darf durchaus mehr werden. Und nicht aus rechtwidrig angelegten Plantagen. Der weihnachtliche Verbraucher stimmt letzten Endes mit der Axt ab. Oder so.

 

 

 

Dieser Beitrag ist hier vor drei Jahren schon mal erschienen, er fiel mir während meiner komplett erfolglosen Baum-Recherche wieder ein und nun habe ich ihn ein bisschen aktualisiert. 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Immer irgendwann im Spätherbst beugte sich mein Vater über den Gartenzaun und tuschelte mit dem Nachbarn, der das bedeutende Amt des Stadtförsters innehatte. Galt es doch, herauszufinden, wo man im kommenden Winter einschlagen würde. Vater war nämlich der festen Überzeugung, dass ein junger Baum als Weihnachtsbaum völlig ungeeignet sei. Tauglich sei allein der Wipfel eines groß gewachsenen Baums, der nämlich kräftigere und daher tragfähigere Äste habe. Und so hatte ich dann die Adventssamstage meiner Kindheit weitgehend in den Forstflächen wie die der Bulau oder des Großen Rot zuzubringen, um – gemeinsam mit meinem Vater und mit Einverständnis des Försters – nach passenden Wipfeln von frisch gefällten Fichten, Tannen oder Kiefern zu suchen. Und passend, das ist für einen Schreiner, wie mein Vater einer war, keine leicht zu erfüllende Anforderung. Ich erinnere mich durchaus, dass ein einmal nachhause geschleppter Baumwipfel dann doch als unpassend betrachtet und wieder in den Wald zurückgebracht wurde. Oder er wurde zumindest umgebaut: Hier ein Ästchen abgesägt und an einer anderen Stelle des Stamms kunstvoll wieder eingedübelt, dort etwas mit der Gartenschere modifiziert. Ein gekaufter Weihnachtsbaum, aus einer Baumplantage gar – nein, das hätte es in meinem Elternhaus nie gegeben. An die Dezembertage im Wald und an den Geruch der noch tagelang harzigen Hände erinnere ich mich auch einige Jahrzehnte später noch sehr lebhaft und vor allem gern.

  2. Solange wirtschaftliche Interessen mehr zählen als z.B. Naturschutz, stehen die Kulturen mit ihren unzumutbaren Zäunen. Ich kann nicht verstehen, dass einem Berufsstand auch zugebilligt wird, Boden und Wasser zu schädigen durch Spritzmittel, auch wenn die Grenzwerte nicht überschritten werden.
    Ich wünsche mir, dass die Verbraucher den Bauern(nicht der Agrarindustrie!) richtig Geld für ihre Erzeugnisse zahlen, damit sich auch für sie die Arbeit lohnt. Und je umweltverträglicher, desto mehr Förderung und Geld.
    Kritik an der Landwirtschaft ist hier ein heisses Eisen.

  3. Wir bekommen dieses, wie jedes Jahr unseren Baum vom Bauern im Ort. Der hat vorm Haus eine kleine Wiese auf der er seine Tannen züchtet. Die sind zwar alles andere als perfekt oder gerade, aber das ist ja auch langweilig. Und nachdem ich diesen Artikel hier gelesen habe, kann ich auch mit ruhigem gewissen sagen. das für unseren Baum kein Reh in einem Zaum verenden musste. Das wär ja auch noch schöner!

    LG Katrin

  4. Glücklich ist, wer einen eingepflanzten Tannenbaum sein Eigen nennt. Vor Jahren im Münstertal bei Staufen in einer Grösse von 25 cm mitgenommen – auf der Terrasse gehegt und gepflegt. Vor zwei Jahren in die Gascogne mitgenommen – eingepflanzt in Nachbarschaft einer 100 Jahre alten Zeder – Zeder passt auf kleinen Baum auf – jetzige Grösse ca. 75 cm – mit Schmuck für Weihnachten wie letztes Jahr versehen.
    Fazit: Verwendet Tannen/Kieferbaum im Topf (Terrasse/Balkon) und habt Freude für viele Jahre

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