Informationsgesellschaft.

Auf der morgendlichen Hunderunde vorbei an einer windschiefen durchhängenden Telefonleitung. Dann weiter Richtung Wald. Endloser Himmel. Nichts verstellt den Blick, keine Hochspannungsmasten, keine Häuser.

 

 

morgenrunde

 

 

 

Nur hinter den Bäumen ahnt man den schlanken Turm, der uns mit dem Wichtigsten versorgt. Mit Internet. Mit Mobilfunk. Er sorgt dafür, daß wir auch hier alles wissen, alles sofort weitersagen können, immerzu und überall. Informationen aus aller Welt, rund um die Uhr. Das vermeintliche Ende der Welt ist schon lange nicht mehr das Ende der Welt.

 

 

 

Der Mast und die 50.000er-Leitung im Boden sorgen dafür, daß wir im Minutentakt Nachrichten aus aller Herren Länder abrufen können, lesen, bewerten, weiterschicken, verlinken. Soll niemand sagen, er hätte nichts gewußt, hier hinten, tief im Wald. Soll niemand sagen, wir wären abgehängt in der Provinz.

 

 

Ob im Unterholz oder am Schreibtisch mit Blick auf das schläfrige Dorf: aus den Geräten quellen die Kriege und die Toten, die Erschossenen und die Zerbombten, fanatisches Geschrei und aufgeregte Diskussionen, zack!, bumm!, bäng!, landen sie auf dem Display, zwischen die Platinen hindurch sickern Angst und Hass auf den Bildschirm und wabern durchs Haus, durch den Wald. Erschüttern noch den friedlichsten Platz. Sorgen dafür, daß Du unten am wild rauschenden Bach stehst, an der kleinen Brücke, wo nie jemand unterwegs ist und die Idylle stört, den Hunden beim übermütigen Spiel zuschaust und denkst: Was für eine Scheißwelt.

 

 

Und während Du dann zu den Hühnern gehst, um auf andere Gedanken zu kommen, um nach dem Rechten zu schauen, ob sie alles haben und ob sie froh und glücklich sind, denkst Du darüber nach, was die Lösung wäre. Abschalten, alles?

 

 

 

In diesem Zusammenhang fällt mir die Schreckensnacht von Balsbach ein, im April 1944.

 

Fast fünf Jahre tobte der Zweite Weltkrieg da schon in Europa, aber Balsbach war weit weg, von allem. Heimatpost von Soldaten kam, wenn überhaupt, nur selten, das Radio vermeldete, wenn überhaupt, nur angebliche Siege, die Sonne ging morgens auf und abends unter, die Kühe gaben Milch, das Korn wuchs, Kartoffeln wurden gesetzt und geerntet. Der Krieg tobte, Menschen starben, meine Berliner Mutter verbrachte einen Gutteil ihrer Kindheit im Luftschutzbunker, meine Schwiegermutter flüchtete mit zwei kleinen Kindern auf dem Arm zu Fuß von Köln Richtung Franken, die Welt drehte sich weiter und tief im Odenwald ging alles halbwegs seinen Gang. So stelle ich mir das vor.

 

Manchmal vielleicht stiegen Männer und Frauen auf die Anhöhe zwischen den Dörfern, sahen Flugzeuge ihre Bomben abwerfen, weit weit in der Ferne, sahen vielleicht die Angriffe auf Heilbronn oder Stuttgart. Flammen wie ein Feuerwerk. Das war der Krieg.

 

 

 

Bis zu jener Schreckensnacht, als auch in Balsbach Bomben fielen. Als der dann schon fünfjährige Krieg dröhnend auch in diesem kleinen Dorf ankam. Mit ungeheurem Knall detonierte eine schwere Sprengbombe 150 Meter vor Balsbach im Felde, notiert der damalige Ortspfarrer Andreas Leimbach in seinen Aufzeichnungen, die Fensterscheiben fast aller Häuser gingen größtenteils zu Bruch. Dächer wurden abgedeckt. Eine zweite schwere Bombe detonierte im Walde des Herrn Ernst Müller. Durchmesser des Trichters ca. 20 Meter.  Brandbomben fielen eine Menge in die benachbarten Wälder. In Reisenbach brannten mehrere Gehöfte nieder.

 

 

 

Die Menschen hätten sich ins Freie gerettet und sich auf die Wiesen gelegt oder sonstwo Deckung gesucht, beschreibt der Pfarrer die Schreckensnacht weiter. Tote gab es keine. Fast fünf Jahre nach Kriegsausbruch hat die nackte Angst auch das Dorf am Ende der Welt erreicht, und Pfarrer Leimbach notiert:

Die Leute sind nach diesem nächtlichen Erlebnis etwas bange.

 

 

 

 

 

 

Nachlesen kann man die Geschichte der Balsbacher Schreckensnacht in einem Aufsatz unseres Ortschronisten Norbert Schwing im Unser-Land-Kalender. 

 

 

 

 

6 Kommentare

  1. Hm, ich weiß nicht ob das Leben im Odenwald ganz so romantisch zu Kriegszeiten war, wie Du das beschreibst….. meine Großeltern haben mir das oft anders erzählt. Selbst ohne die Großen Bombenanschläge wie es in den Großstädten war, herrschte der Krieg. Die Männer wurden eingezogen, mussten an die Front. Die Frauen blieben zu Hause, hatten Sorge um Ihre Männer, mussten sich um die Kinder kümmern, hatten kaum zu essen. Juden wurden verfolgt, Synagogen brannten auch hier. Und wie Du schreibst, die Bombe kam, wenn auch irgendwann… aber ich denke, die Angst davor war sicher schon vorher ständig präsent.

    Mein Großvater war beispielsweise in russischer Gefangenschaft und ist als sogenannter „Spätheimkehrer“ erst 1950 von dort zurückgekommen. Obs meine Oma bis dahin so einfach hatte??? Ich wage es zu bezweifeln.

    Schöne Aufnahme übrigens, die absolut wiederspiegelt, wie es hier morgens bei uns aussieht 🙂

    Liebe Grüße,
    Pamy

    • Nein, romantisch war es ganz bestimmt nicht, das wollte ich auch nicht sagen. Aber es gab eben nicht diese dauerüberflutung durch ständig neue Meldungen und Nachrichten. In balsbach fühlte man sich sicher, schreibt der pfarrer und balsbach war dann eben wirklich weit weg von allem und vermutlich nicht mal mit Buchen oder Mosbach vergleichbar, obwohl das nach heutigen Maßstäben vor der Tür liegt. Heute kannst du so weit weg sein, wie du willst, du bist ständig ùber alles informiert, wirst zugeballert mit Informationen, Falschmeldungen, Spekulationen, bist besorgt, musst Stellung beziehen. Eigentlich im Minutentakt.

  2. Ich kann nur ergänzen, was Pamela geschrieben hat: Die Männer meiner Tanten waren alle eingezogen, mein Vater musste seine Lehrstelle zum Bankkaufmann aufgeben, um mit seiner Schwester den Hof zu bewirtschaften, später mit polnischen Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter. Die gab es auf allen Höfen ringsum.
    Ausgebombte ( aus Bremen z.B. ) wurden zugewiesen, schließlich musste mein Vater als 18jähriger selbst in den Krieg ziehen. Die Familien der Ärmsten im Dorf verloren fast alle Söhne, auch die Onkel starben erbärmlich.
    An die Bombentrichter im Wald kann ich mich noch sehr gut erinnern, wie aufgebrochene Geschwüre im Wald kamen sie mir vor, vom Bewuchs her gut zu unterscheiden vom Boden drumherum. Meine Oma, eine „Flüchtlingsfrau“ verdiente sich ein bisschen zu ihrem Lebensunterhalt, indem sie Bäumchen zur Wiederaufforstung pflanzte.
    Das ist nichts gegen das, was ich von ehemaligen Kriegskindern aus Köln weiß, aber es hat die Existenzen der betroffenen Menschen wesentlich verändert.
    GLG
    Astrid

    • Alles richtig. Was mich nur…geradezu gerührt…hat, ist dieser Satz des Pfarrers: den Menschen hier ist jetzt ein wenig bange. Weil die echte Bedrohung plötzlich vor der Tür steht, und in Gestalt von Bomben einschlägt. Wir haben die angst und die Bedrohung doch fast ununterbrochen im Wohnzimmer, dank moderner Informationstechnik, und das kommt mir in diesen Tagen so ätzend vor, auch, wenn ich nicht weiß, wie die Lösung aussähe.

  3. Liebe Friederike,

    der Schrecken im Büro, am Schreibtisch, zu Hause vermittelt via Internet als Wesenszug unserer Informationsgesellschaft lässt uns abstumpfen, da er auf uns einprasselt und doch so weit weg ist, und nicht wie die Bombe, die unmittelbar „neben“ uns einschlägt, einen Krater im Wald hinterlässt, oder die Dörfer, die ihre Söhne und Väter im 2. Weltkrieg verloren und sich damit unmittelbar auf uns auswirkten – gelebter, gefühlter, erlittener Schrecken.

    Deinen Punkt habe ich und stimme ihm zu. Gleichzeitig finde ich die unmittelbare Erinnerung von Pamela und Astrid prima, dadurch wird die vergangene Zeit griffiger. Und was den Schrecken angeht, er kommt im Netz gefiltert ungefiltert daher. Paris ist weit weg, doch mobilisiert es die Menschen auch anderswo!

    Schöne Lektüre!

    Herzlich,
    Tanja

    • Ja, das ist eben die andere Seite der Dauerinformation und der Digitalisierung, die gute Seite. Deswegen geht Abschalten ja nicht, so gerne ich es manchmal täte.

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