Hüffenhardt.

Ja, da kommen einige von Ihnen jetzt vermutlich arg ins Grübeln. What the hell ist Hüffenhardt? Ich nehme Ihnen das nicht übel, gleichwohl sollten Sie sich den Ortsnamen merken. Oder mal googeln unter der Rubrik news. Dann merken Sie gleich: Das winzigkleine Hüffenhardt am Rande des Odenwaldes liegt nicht nur ganz in meiner Nähe, sondern derzeit auch mitten im Zentrum eines bundesweiten Orkans.

Zumindest in Pharmazeutischen Kreisen. Interessiert Sie nicht? Naja, wann immer Sie in eine Apotheke gehen, haben Sie mit Pharmazie zu tun. Und wenn Sie das nächste Mal in eine Apotheke gehen, dann lassen Sie mal das Wörtchen Hüffenhardt fallen, der Apotheker bekommt dann vermutlich sooo eine Krawatte.

Foto: Claudia-Hautumm/pixelio

So oder so können Sie in diesem geheimnisvollen Hüffenhardt derzeit ein Lehrstück in Sachen Infrastruktur im ländlichen Raum verfolgen.

Die Geschichte, das Drama in mehreren Akten, geht in groben Zügen so:  Es war einmal eine Apotheke in der kleinen Gemeinde Hüffenhardt. Die machte aber eines Tages zu, und es fand sich beim besten Willen kein Nachfolger, niemand wollte eine Apotheke in der 2000-Seelen-Gemeinde übernehmen, nein, danke, der Hüffenhardter Bürgermeister war betrübt, und manch ein Hüffenhardter Bürger war es auch.

Nun aber bekam eine führende Versandapotheke mit Sitz in Holland Wind von der Apothekenflaute in Hüffenhardt und sah seine Stunde gekommen. Vielleicht ein bisschen Geld verdienen, kostenlose Publicity und außerdem die juristischen Grenzen in Sachen Deutsches Apothekenrecht ausloten und ausreizen – wo ginge das besser als hier? Die Versender bauten in den leerstehenden Räumen der Apotheke eine Art Internetterminal auf, der Kunde schiebt sein Rezept in einen Schlitz, unterhält sich vielleicht per Videochat mit einem freundlichen Mitarbeiter in Holland, und schwupps, kommt das gewünschte Medikament aus dem Automaten gepurzelt.

Foto: Mario Heinemann/pixelio

Schon im Vorfeld schrieen die deutschen Apothekerverbände Zeter und Mordio. Nein, mit Nächstenliebe und mit Begeisterung für die Pharmazie habe so eine Internet-Versandapotheke generell schon mal gar nichts zu tun, orakelte mit schicksalsschwerer Stimme und gesenktem Haupt ein Verbandsvorsitzender in die laufenden Kameras, die Zuschauer schwankten zwischen Erstaunen (ach so? keine Nächstenliebe?) und Empörung (die wollen Geld verdienen, gibts denn sowas?). Und überhaupt müsse man alles tun, um derlei Geschäfte zu verhindern. Schließlich sei ein solcher Automat ja auch gefährlich, wenn er die falschen Präparate ausspuckt. Hüffenhardt war schon in aller Munde, bevor das erste Medikamentenpäckchen überhaupt aus dem Automaten fiel.

Irgendwann wurde der hochmoderne Apothek-o-mat mit deutsch-holländischer Chatfunktion schließlich eröffnet und keine 48 Stunden später schon wieder geschlossen, das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe wollte es so. Es gibt da ein paar rechtliche Fallen und etliche Gesetze, die Lage ist für Laien reichlich unübersichtlich, jedenfalls machte der Laden wieder dicht. Um zwei Tage später wieder zu eröffnen, derzeit gibt es dort aber nur rezeptfreie Medikamente, wenn ich das richtig verstanden habe. Der Versandhändler hat Klage gegen die Schließung eingereicht, so lange das Verfahren in der Mache ist, soll es wenigstens auf Schmalspur weitergehen.

Die Pharmaziebranche fährt währenddessen weiterhin alle Geschütze gegen den kleinen Automaten im klitzekleinen Hüffenhardt auf. Meiner aktuellen Lieblingszeitschrift, der Deutschen Apotheker-Zeitung (nicht zu verwechseln mit der Apotheken-Umschau, wann greifen die das Thema endlich auf?), meiner aktuellen Lieblingszeitschrift also entnehme ich, dass bayerische Verbandsvertreter sich nun fragen Wer beliefert eigentlich den bösen Automaten, da in Hüffenhardt in Baden-Württemberg?

Foto. I. Vista/pixelio

Aha, aha, nun also kommen wir der Sache langsam näher. Irgendwo sitzt da ein mieser Kerl, der das auch noch unterstützt, das Hüffenhardter Automatentreiben. Im Schutze der Dunkelheit müsse der wohl heimlich vorfahren, und husch, husch, den Automaten hektisch befüllen, um dann wieder in die rabenschwarze Nacht zu verschwinden. Vielleicht tut auch er es nicht einmal aus Nächstenliebe, sondern nur aus reiner Geldgier? Dem will man doch nun auf die Schliche kommen, der Präsident des Bayerischen Apothekerverbandes fordert jetzt alle deutschen Großhändler auf, an Eides statt zu erklären, dass sie damit nichts zu tun haben und ihre Hände in Unschuld waschen. Und wehe, einer weigert sich.

Das also ist das Hüffenhardter Drama in mehreren Akten, Ende völlig offen. Ich sitze davor und bin hin- und hergerissen von der Handlung, den Akteuren. Ich sehe da wie auf einer kleinen Bühne einen knallharten Geschäftsmann, der in Hüffenhardt und anderswo in Deutschland richtig Geld verdienen will. Ich sehe ein kleines Dorf, in dem es keine Apotheke mehr gibt, umgeben von kleinen Dörfern, in denen es in zehn Jahren vielleicht auch keine Apotheke mehr gibt. Ich sehe Herren in Anzügen, die sich die Haare raufen und laut schreien, auf Paragrafen verweisen, mit dem ausgestreckten Finger auf diese und auf jene zeigen und mit dem öffentlichen Pranger drohen.

Ich warte derweil noch auf den Auftritt eines weiteren Protagonisten, der mit kühlem Kopf ein bisschen Ruhe in die wirre Handlung und in das Geschrei bringt. Der wird dem Publikum dann erklären, warum so viele Apotheken auf dem Land denn überhaupt dichtmachen, und was denn da die Lösung wäre. Ob alternative Geschäftsmodelle denkbar sind. Und was sich an der Politik vielleicht auch ändern muss, damit es wieder reizvoll wird, Apotheker auf dem Land zu sein. Von wegen Nächstenliebe und so. Und vielleicht auch finanziell. Auf diesen Protagonisten in dem Drama warte ich jetzt also sehnsüchtig. Vielleicht tritt er ja im fünften Akt auf, nach der Pause.

 

 

 

7 Kommentare

  1. Ich weiß keine Lösung, aber ich weiß, der Apotheken- Notdienst und der Nachtdienst werden nicht von Automaten geleistet. Und die Menschen in Hüffenhardt können ihre Rezepte im Dorf einwerfen und bekommen als Service die Medikamente oder frei Verkäufliches ins Haus geliefert.
    Mit jeder Bestellung im Internet graben wir das Grab, in dem Buchläden, Wäschegeschäfte, Schuhgeschäfte und auch Apotheken und andere Läden verschwinden. Schön ist es nicht, überall die leeren Ladengeschäfte. Und die Kommunikation der Menschen wird damit auch eingeschränkt, Geschäfte haben über den Einkauf hinaus eine soziale Funktion, find ich.

    • Ich bin da ganz bei Dir, aber die Frage ist hier ja nicht „Automat oder Apotheke“, sondern „Automat oder gar nichts“. Statt immer nur etwas verhindern zu wollen, wünschte ich mir von den Verbänden konkrete Ideen, wie man zukünftig die Apotheke im Dorf halten kann. Diese Entwicklung haben wir ja in ganz vielen Bereichen in tausenden von Dörfern. Und ich fürchte, wir werden das kaum aufhalten können. Ich wünsche mir weniger Geschrei und mehr kreative Ansätze. Vielleicht gibts die ja, aber ich lese nichts darüber. Hüffenhardt ist ja quasi nur ein Stellvertreter für ländliche strukturschwache Räume überall in Deutschland.

    • Umgekehrt wird ein Schuh draus. In einigen Jahren betreibt Docmo vielleicht 20, 50,oder mehr Automaten- Apotheken in Deutschland und alle haben an 7 Tagen 24 Stunden offen, weil kein Personal mehr in jedem Ort Nachtschichten schieben muss, sondern ein Apotheker alle gleichzeitig von der Zentrale aus betreut. Das nenne ich Service durch technischen Fortschritt.

  2. Es ist schon ein Unterschied ob eine richtige Apotheke oder so ein Internetunternehmen euch Medikamente liefert, ich lese neuerdings bei https://apothekentheater.wordpress.com und muss sagen, da liegt einiges im Argen und daran hat auch unsere Geiz ist geil Mentalität schuld. Service und gute Beratung durch gut geschultes Personal vor Ort finde ich persönlich viel besser und außerdem sind das auch Arbeitsplätze vor Ort und nicht irgendwo anders. Man sollte sich die Medaille auch von hinten ansehen sagte schon meine Oma eine kluge Frau.

  3. Es ist vielleicht nur ein kleines Detail am Rande, aber den Apotheken in Deutschland wäre sicher schon geholfen, wenn sie wie in der Schweiz einen größeren Handlungsspielraum hätten und beispielsweise auch prinzipiell rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept verabreichen dürfen. Dann würde sich ihre Kompetenz und jahrelange Ausbildung auch bezahlt machen – und sie müssten nicht krampfhaft versuchen, einem Ort, den sie selbst als zu unlukrativ sehen, seine einzige Medikamenten-Bezugsquelle zu klauen. Aktuell sehe ich außer der sofortigen Verfügbarkeit leider wirklich gar keinen Sinn mehr in Apotheken als Ladengeschäft gegenüber online-Versendern.

  4. In einem kleinen Kaff im Erzgebirge – es zählt rund 2.500 Einwohner – war der ortsansässige Apotheker so schlau, seiner Apotheke auch einen Online-Shop einzurichten. Wer Fragen hat, kann dort auch anrufen und sich beraten lassen. Meine Kassenrezepte löse ich hier bei der nahegelegenen Apotheke ein, aber alles, was ich nur auf Privatrezept verschrieben bekomme, kaufe ich dort. Vielleicht erhalte ich damit auch jenem Laborantendorf die Apotheke vor Ort.

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