Hinter den sieben Bergen.

Ich ahne, Sie haben inzwischen den Eindruck, dass es im Odenwald nur Wald und Wiesen gibt. Und glückliche Kühe und Hühner und so. Dieser Eindruck wäre gänzlich falsch, und ich werde mich schnellstens bemühen, ihn gradezurücken. Wir gelten hier zwar als strukturschwache Region, ja ja, das ist schon richtig, wir sind hier eine Art Strukturentwicklungshilfegebiet, aber trotzdem gibt es tief in den Wäldern und Tälern jede Menge Industrie, klein bis mittelgroß.

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Die Neckar-Odenwälder Industrieunternehmen hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen erwirtschaften immerhin so um die zwei Milliarden Euro Umsätze pro Jahr, das klingt doch gar nicht schlecht. Eine Milliarde davon kommt aus den Auslandsgeschäften, dem Export, auch darin sind die Odenwälder groß. Nicht zuletzt die Armut vergangener Jahrhunderte hat ja viele Odenwälder in die Neue Welt und sonstwohin getrieben, kaum eine Familie gibt es, die nicht irgendwo auf diesem Planeten irgendeinen Urgroßonkel zweiten Grades hat, und man munkelt, genau dieses zeige sich auch in der besondern Exportfreudigkeit der kleinen Odenwälder Firmen.

Dabei mögen die Firmen vergleichsweise klein sein, trotzdem spielen viele von ihnen ganz oben mit, global player, naja, Sie wissen schon, hidden champions im Unterholz undsoweiter, Marktführer und Weltmarktführer, haben wir alles hier, bittesehr.

Nur Gewerkschaften haben wir hier eher selten, das liegt an den besonderen Strukturen alteingesessener Familienbetriebe. Da kannte der Chef seine Mitarbeiter schon, als die noch soooo klein waren, und da hat der Vorarbeiter seinem heutigen Chef schon mal den Hintern versohlt, als der in Kindertagen Unfug in der Werkshalle machte und die Männer von der Arbeit abhielt. Das hat ja alles seine Vor- und Nachteile.

Jedenfalls erinnere ich mich an einen Winter, als der Schnee vom Himmel schier herabstürzte, tonnenweise und stundenlang, und an einem weihnachtlichen Sonntagnachmittag das riesige Flachdach eines Betriebes in der Nachbarschaft in die Knie zu gehen drohte. Es knarzte und krachte schon bedenklich im Gebälk, die Feuerwehr rückte aus, im Radio liefen erste Meldungen.

Es dauerte keine 10 Minuten, da kamen die ersten Arbeiter angestürmt, mit fliegenden Jackettschössen und Krawatten, allesamt herausgeputzt für ein adventliches Kaffeetrinken im Kreise der Familie. Sie kamen mit Schaufeln und Schippen und Leitern und LKWs, sie schippten und schaufelten auf dem Dach, den ganzen Abend und die halbe Nacht, das Werksgelände war voller Helfer, irgendwer brachte in die stürmische Eiseskälte Tee und die Reste von der Kaffeetafel, und mittendrin stand der Werksleiter und kämpfte mit den Tränen der Rührung, und ich musste natürlich direkt mitflennen. Das ist ein paar Jahre her, und es war für mich damals ein Sinnbild für die Unternehmen hier im Odenwald. Aber vielleicht hat sich da auch so manches schon verändert, früher war ja bekanntlich alles besser. Naja, Sie wissen schon.

Die Fluktuation der Mitarbeiter hier ist immernoch sehr niedrig, der Krankenstand auch, die Arbeitslosenzahlen sowieso. Baulandpreise und Kaufpreise für Immobilien treiben einem die Tränen des Entzückens in die Augen, und ich wundere mich schon lange, warum sich hier nicht viel mehr Unternehmer ansiedeln. Wir sind zwar etwas ab vom Schuss, wie man so sagt, aber bei den Verkehrsverhältnissen auf den Autobahnen heutzutage kommt es auf eine halbe Stunde mehr oder weniger Anfahrt zum nächsten Zubringer ja eigentlich dann doch nicht an.

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Ich war dieser Tage bei einer Firma, die sich auf den Bau von Silofahrzeugen spezialisiert hat, in der sechsten Generation, alles quasi Handarbeit, der Marktanteil liegt immerhin bei um die 60 Prozent. Büros und Niederlassungen in Frankreich, Polen, Ungarn, Moskau, wenn ich das richtig verstanden habe, Kunden in aller Welt. Auf dem Werksgelände warteten eben zwei Fahrzeuge mit hebräischer Aufschrift darauf, von ihrem neuen Besitzer abgeholt und nach Israel verschifft zu werden.

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Ein unscheinbares Firmengelände, ein bisschen versteckt, ein bisschen in die Jahre gekommen, drinnen alles von der Schweißerei per Hand bis zur High-Tech-Abteilung. Neue, hochqualifizierte Mitarbeiter zu finden, hier, für den Odenwald, ist nicht ganz leicht, berichtet der junge Firmenchef, wir bilden die am besten alle selber aus, sagt er.

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Falls Sie also selber eine Firma haben und derzeit einen neuen Standort suchen, kommen Sie doch mal im Odenwald vorbei. Was weiß denn ich, wer hier so mitliest, vielleicht der Oliver Blume von der Firma Porsche. Oder der Rupert Stadler, der Audi-Rupi, dem wäre es vielleicht ja nicht ganz unrecht, mal in die Provinz zu ziehen, wo ihn keiner kennt. Da hätte er mal seine Ruhe. Und könnte sich im Odenwald auf grundanständige Mitarbeiter verlassen.

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Und wenn Sie zufällig ein anständiges Silofahrzeug brauchen, in die Verlegenheit kommt man ja manchmal, dann bitte sehr, hier entlang. Nein, das ist keine bezahlte Werbung, die Herren würden mir was husten, ich mache das nur zum Dank, dass ich da so rumknipsen durfte.

 

 

 

 

 

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