Wir warten schon gestern, was kommt; wir streifen durch den Wald, die Hunde und ich, am letzten Tag des Jahres, und wir warten, ob und was passiert. Tatsächlich rumpelt irgendwann ein einzelner Bölller am Nachmittag, der Wind trägt den dumpfen Knall in den Wald, die Hunde gucken komisch. Flüchten oder standhalten, das fragen sich die Hunde, und ich leine sie lieber an und trete den Rückweg an. Wer weiß, was da noch alles kommt, lieber schnell nach Hause.

Warten, ob und was kommt.

Wir warten und warten, was kommt, aber es passiert nichts mehr, den ganzen Nachmittag, den ganzen Abend bleibt es still im Dorf. In Großstädten wie Köln und Berlin rücken Polizei und Feuerwehr schon seit Stunden im Minutentakt aus, ich verfolge das im Internet mit einem gewissen Voyeurismus, in den Innenstädten kracht und blitzt es, Menschen bewerfen andere Menschen mit Böllern und Raketen, fühlen sich stark und finden es lustig.

Um uns herum nur tiefe Stille. Es ist, als wolle sich das Dorf wegducken vor dem Jahreswechsel, vor dem, was vielleicht kommt im Neuen Jahr, nach all den Unbillen des vergehenden Jahres. Dabei kann es doch eigentlich nur besser werden. Mal abwarten.

Wollen wir nicht einfach schafen gehen?, frage ich den Gatten gegen 22 Uhr in die Stille hinein, empört weist er das von sich, soweit kommt es noch, wir warten ab!, sagt er. Um dann eine halbe Stunde später selig schnarchend auf dem Sofa zu liegen, während ich warte und warte.

Um Mitternacht kommt, worauf wir gewartet haben, das Neue Jahr, mit Feuerwerk, es kracht und knallt und zischt um unser Haus herum, die Hunde zittern und hecheln, im Stall gackern die Hühner, aber nach einer halbe Stunde ist alles wieder vorbei, tiefe Stille. Das Dorf legt sich lange vor 1 Uhr schlafen. Oder geht wieder in Hab-acht-Stellung, wie das Kaninchen vor der Schlange, vor diesem Neuen Jahr 2024, wer weiß.

Heute früh dann wieder warten: wird jemand die übriggebliebenen Böller in die morgendliche Stille böllern? Lieber weit rausfahren mit den Hunden, auf den Feldern gegen den eisigen Wind angehen. Über das Neue Jahr nachdenken, was es bringen wird, und worauf wir gerne verzichten können. Keine guten Vorsätze fassen. Nur soviel: Anständig bleiben. Sich so verhalten, dass man keinen Schaden anrichtet. Das eigene kleine Universum ein klitzekleines bisschen besser machen, oder es zumindest versuchen, immer wieder, trotz allem. Eigentlich alles wie gehabt, wie ich es schon in all den Jahren zuvor geübt habe. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Einfach dranbleiben. Und ansonsten warten, was kommt.

Naja, Sie wissen schon.

10 Kommentare zu “Warten, was kommt.”

  1. Danke für alle “LandLebenBlogs in 2023. Der erst in 2024 lässt hoffen und weiter so, oder “Sie wissen schon. Gesundheit rundum für Mensch, Haus und Vieh mit herzlichen Grüßen aus dem mittlerweil still gewordenem Städtle in der Nachbarschaft.

  2. Liebe Friederike, erstmal die besten Wünsche für 2024!
    Danke für die sooo passenden Sylvesterworte u mega Fotos dazu!
    Hier in Waldkatzenbach haben wir es mit Begeisterung tatsächlich ähnlich erlebt!
    Auch heute….himmlische Ruhe!!
    Könnte doch die Knallerei nachts um 24 Uhr auch entfallen!!!
    Mal schauen…..

  3. Is ja witzig, bei meinem Vater im anderen Teil des Odenwalds auf der Tromm war auch Warten – und Stille, sagt er. Sie hätten die Terrassentür geöffnet und gelauscht, aber ausser Geböller aus dem Nachbardorf sei’s ruhig gewesen weil im Odenwaldinstitut wohl das erste Mal seit Jahren kein Neujahrsworkshop war. So sind sie in aller Stille mit nem Sekt ins nächste Jahr gerutscht. Anders bei uns…die Stadt war laut, schwarzpulververnebelt und müllübersäät. Im Bus eine ganze Schar junger Leute, die uns Ollen fröhlich Prost Neujahr wünschten und Wein anboten, kicher. Ihnen alles Gute und dem Geogatten, Hühnern, Hunden, Garten, Wolken ebenso! Ich freue mich auf ein neues Jahr mit Ihren Nachrichten, Spaziergängen und Bildern aus dem Odenwald. Herzlich, Eva

  4. Ein frohes und gesundes neues Jahr. Vielen Dank für die schönen und unterhaltsamen Texte – ich freu mich auch ein lesereiches 2024.

    Grüße
    Valerie

  5. Diese Bushaltestellen mitten im Nirgendwo, das ist irgendwie surreal. Bei uns hier gibt’s zwar auch welche, die irgendwo in der Pampa stehen, aber da haben sie dann wenigstens noch ein Holzhäuschen hingebaut. Das Häuschen im Nachbardorf hatte bis vor wenigen Jahren sogar noch einen Abfallkorb. Dann hat den jemand geklaut, und seitdem tackern sie da nur noch ‘ne blaue Mülltüte mit zwei Reißzwecken an die Wand. Fotografiere ich mal, wenn ich da wieder hinkomme. Also in einigen Monaten. Für Bus ist es mir derzeit zu kalt, Auto ist wieder angesagt.

  6. Allem Dank der Bloggerin Friederike schließe ich mich uneingeschränkt an und möchte hier auch die Kommentarschreiber*innen gerne mit einbeziehen (Beweis:s.o.!).
    Im übrigen wird meine nächste ‘Amtshandlung’ sein, den Blog bei den “Goldenen Bloggern” unterzubringen – ich meine ja nur mal so.
    Laßt es euch gut gehen, versucht Stille und Leere zu hören und die Bilder zeigen, wie vielfältig ‘warten’ sein kann.
    Alles Gute in 2024 wünscht, Gabriela

  7. Liebe Frau Kroitzsch, wie so oft haben Sie den richtigen Ton getroffen. Grau, verhangen und stürmisch ist das Wetter draußen, genauso wie die Erwartungen fürs kommende Jahr 2024. “Das eigene Universum ein klitzekleines bisschen besser machen”, ja, das ist doch ein guter Vorsatz.
    Ich freue mich auf Ihre Beiträge, die in diesem Jahr kommen werden.
    Alles Gute Ihnen und (in diesem Blog darf ich das ja) Gottes Segen für dieses Jahr!

    Grüße aus der Landeshauptstadt (voll mit Überresten der Böllerei)

  8. “Nur soviel: Anständig bleiben. Sich so verhalten, dass man keinen Schaden anrichtet. Das eigene kleine Universum ein klitzekleines bisschen besser machen, oder es zumindest versuchen, immer wieder, trotz allem.” Dem schließe ich mich gern an. Wenn es möglichst viele genauso sehen und tun, dann wird das Jahr vielleicht doch nicht so schlimm, wie viele es befürchten und besser als 2023. Bleiben Sie gesund und zuversichtlich, 2024 schafft das mit unserer Hilfe!

  9. Ich stelle für mich immer wieder fest, dass Silvester völlig überbewertet ist. Die Knallerei nervt nicht nur die Tiere, sie macht auch mich nervös. Selbst die Mitarbeiter*innen auf Unfallstationen spüren in dieser Nacht – manche erzählen das ganz offen – einen gewissen Stress, in Erwartung von arg zugerichteten Bölleropfern.
    Ich bin froh, dass heuer weniger los war, und dies höre ich aus mehreren Gegenden. Vielleicht dringt ja doch noch mal sowas wie Vernunft durch?
    Heuer habe ich auch bald auf der Couch geschlafen, versäumt habe ich genau nichts.

    Auch von mir Herzensdank für immerzu äußerst Lesenswertes – stets steht mir dabei auch ein Schmunzeln ins Gesicht geschrieben.
    Alles Liebe für das noch recht junge Jahr!
    Herzliche Grüße aus dem Nachbarlande!

  10. Liebe Friederike – Alles Gute für das neue Jahr ! Sylvester in Limbach bedeutet für mich immer jede Menge Stress da meine drei Miezekatzen immer wieder durch die Knallerei traumatisiert werden und sich verängstigt in die letzten Ecken des Hauses verstecken. Ich muss meine Tiger schon frühzeitig im Haus einsperren und da sie die Freiheit gewohnt sind und ansonsten immer durch die Katzenklappen raus und rein marschieren können wie sie wollen drehen sie an diesen Tagen immer durch. Das mit dem Verbot der Knallerei war auch das einzig Gute an Corona !!! Danke für diesen wohltuenden Blog. Hoffentlich bleibt unser “kleines Universum ” im Odenwald erhalten. Oft sehne ich mich zurück in meine “alte” Heimat den Hunsrück und den schönen Soonwald, dort ist das das Universum noch viele Lichtjahre weiter von den Metropolen entfernt. Es gab und es gibt immer noch Zeiten in meinem alten Heimatort in denen man “eine Stecknadel” fallen hört. Limbach im Odenwald ist im Vergleich dazu schon eine kleine laute Stadt, nicht immer aber manchmal schon. Viele Grüße aus Limbach Stefan Winter

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