Macken.

4. März 2022

Im offenstehenden Kofferraum des Kombis sitzen Frau Lieselotte und ich, der Hund ist glücklich, dass er nicht raussspringen muß, sondern drinbleiben darf, ein bißchen versteckt hinter mir. Wir sitzen schließlich auf dem Parkplatz des Tierarztes, an einem Ort also, den Hund Lieselotte nicht übermäßig schätzt. Dabei will ich nur Medikamente abholen, es droht also keine Gefahr, aber das weiß ja Frau Lieselotte nicht.

Eine ältere Dame parkt ihren Wagen neben uns, sie steigt aus und geht Richtung Tierarztpraxis, bleibt dann an unserem Kofferraum stehen und fragt nach dem werten Befinden des Hundes, was man halt so redet auf Tierarztparkplätzen. Ihr Hund habe ja schreckliche Angst vorm Autofahren, sagt sie; meiner nicht, entgegne ich, dafür hat Lieselotte etliche andere Macken.

Ja, die haben wir Menschen ja auch alle, aber die größte Macke hat doch dieser Putin!, sagt die elegante Dame mit dem weißen Kurzhaarschnitt etwas unvermittelt, und dann berichtet sie, dass sie ihre Kindheit und Jugend unter Tito verbracht habe (wenn ich das richtig verstehe), der hatte auch eine Macke, aber der war ja nichts gegen diesen Putin. Der ist doch nicht bei Trost. Naja, Ihnen einen guten Tag noch, und alles Gute für den Hund!

Was man halt so redet auf Tierarztparkplätzen im Odenwald, an einem sonnigen Freitag im März.

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Weil der Freitag ein Frei-Tag und noch dazu so sonnig ist, gehe ich raus in die Natur, Lichtflecken tanzen auf grünem Moos, der Wald nimmt mich in seine Arme. Kein Mensch ist unterwegs, und ich gehe auf Umwegen eine Stunde lang in Richtung Mülbener See, ich habe da in meinem Lieblings-Online-Fotomagazin (Klick!) ein paar tolle Fotos gesehen, eine Mischung aus Minimalismus und slow-photography, das reizt mich sehr, das muß ich doch mal nachmachen. Es zumindest versuchen, vom Prinzip her.

Ich gehe also mutterseelenallein durch den riesigen Wald, und irgendwo ganz am anderen Ende des riesigen Waldes geht noch jemand, eine ganze Familie, mutterseelenallein. Sie müssen sich das mal in der Draufsicht vorstellen: der elendig große Wald und alles leer, nur hier vorne und gaaaaanz da hinten sieht man winzigklein jemanden laufen. Der liebe Gott aber lenkt unsere Schritte mit leiser Hand und seinem unergründlichen Humor natürlich genau so, dass wir – Peng! – ausgerechnet am verwunschenen, stillen See aufeinanderprallen.

Die Kinder springen kreischend auf gefrorenen, dumpf krachenden Pfützen herum und haben einen Heidenspaß, sie werfen Steine ins eben noch glasklare Wasser, rennen am Ufer hin und her, die Erwachsenen unterhalten sich und rufen aus sicherer Entfernung den Kinder etwas zu, die Stimmen hallen im Wald wider. Hund Lieselotte zerrt panisch an der Leine bei all dem gefühlten Tohuwabohu, es ist alles in allem etwas unentspannt, ganz plötzlich. Zwei Versuchsfotos mache ich, ganz schnell, und dann: bloß weg von hier.

Irgendwas ist doch immer. Oder meine Menschenscheu wird täglich schlimmer, das könnte natürlich auch sein, das ist ja auch so eine Macke.

Der Künstler-Gatte (Klick!) trotzt weiterhin der Pandemie.

  • 3 Kommentare
  • Gabriela 4. März 2022
    Antworten

    Wunderbare Bilder! und in einem Stil, den ich bislang nicht kannte – Danke, auch für den Bildungsaspekt des Blogs.
    Schöne Grüße, Gabriela

  • Jutta Kupke 5. März 2022
    Antworten

    Na bitte, die beiden Bilder sind doch schon mal ein gelungener Anfang für:
    Minimalismus und slow-photography !
    Danke wieder für den spannenden Beitrag, ich lese sehr gern hier.
    Liebe Grüße
    Jutta

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