Da will ich doch neulich abend vor dem Einschlafen noch ein bißchen lesen, die Nacht liegt bleischwer über dem Dorf, der Mond blinzelt stumm ins Fenster, die Bürgersteige sind hochgeklappt und hinten auf den Wiesen ruft ein Käuzchen. Ein lauer Wind streicht um das wacklige Wartehäuschen gegenüber vom Gasthaus Engel, der letzte Bus ist hier vor Stunden abgefahren, der nächste kommt erst morgen wieder. Alles still, alles schläft.

Es ist also die pure Land-Idylle, ich schüttele das Kissen auf und widme mich meiner digitalen Lektüre. Berliner Tagesspiegel, ein Artikel über einen neuen U-Bahnhof, sowas interessiert mich ja durchaus, es geht da schließlich um meine Heimatstadt, ich war schon immer begeisterte U-Bahn-Fahrerin und hoffe also vor der Nachtruhe auf eine Mischung aus Weiterbildung, Information und Nostalgie.

Jedenfalls ist die neue U-Bahn-Station Museumsinsel jetzt endlich fertig, am kommenden Freitag wird sie für den Verkehr freigegeben, ein Wunderwerk von einem U-Bahnhof und eine Hommage an den berühmten Architekten Schinkel, wie ich staunend lese. Schinkel hatte irgendeinen Sinn für Sternenhimmel, und das hat der U-Bahnhof-Erbauer auch, deswegen sind in der U-Bahnhof-Decke 6662 Lichtpunkte eingelassen, es handelt sich hierbei vermutlich um 6662 kleine Lampen, wie ich annehme.

Ich wäre ja schon froh, wenn an der Bushaltestelle im Dorf wenigstens eine einzige Lampe leuchten würde, denke ich etwas unromantisch bei mir, es müssten gar nicht 6662 Lämpchen sein, aber naja. Und immerhin: Gegenüber vom Wartehäuschen steht bestimmt eine Laterne, die in der Dunkelheit ein Licht spendet. Zumindest bis 23 Uhr 35, dann gehen die Laternen aus. Aber da fahren ja um diese Uhrzeit ohnehin schon seit rund sechs Stunden keine Busse mehr.

Also, jedenfalls gehört der Bahnhof Museumsinsel zur U5, die ist quasi verlängert worden, neu ist ein 1,6 Kilometer-langes Teilstück der Linie, irgendwie so, ganz verstanden habe ich es nicht. Verstanden habe ich aber wohl, dass dieses 1,6 Kilometer-lange Teilstück vom Alexanderplatz zum Bundestag 525 Millionen Euro gekostet hat. So zumindest war der offizielle Kostenrahmen, und der sei lediglich um wenige Prozent überschritten worden, heißt es in dem Artikel, na, da sind wir ja beruhigt.

Ich war nie gut in Mathe, es ist schon später Abend und meine Augen brennen plötzlich, aber so weit komme ich noch: Bei 525 Millionen ist ein Prozent 5,25 Millionen, wenn mich nicht alles täuscht, und wenn wenige Prozent vielleicht sechs oder sieben oder neun Prozent sind, dann reden wir hier über eine Verteuerung von lediglich 30, 40 oder knapp 50 Millionen Euro. Also nicht der Rede wert, wa. Berliner Algebra, naja, Sie wissen schon. Angeblich arm, aber sexy und so.

S.Perkiewicz/pixelio.de

Ich lese noch ein paar Zeilen weiter, dann weine ich leise in mein Kissen, der Schönheitsschlaf ist ruiniert, dabei bräuchte ich ihn doch äußerst dringend. Weisst Du eigentlich, wieviele Odenwälder Buslinien man betreiben könnte mit 30 oder 50 Millionen? frage ich mit brechender Stimme durch die Dunkelheit Frau Lieselotte, die neben dem Bett liegt und schon selig schnarcht. Für 525 Millionen könnte man den ganzen Landkreis aufkaufen, und noch zwei, drei Landkreise dazu!, oder 80 Flugtaxis bestellen, man wird ja wohl noch träumen dürfen!, wimmere ich in die nächtliche Finsternis, aber wieder kommt keine Antwort, Frau Lieselotte interessiert sich nicht für derlei Themen.

Umso mehr interessiert sich die alte Berliner Tante dafür, die ich tags drauf umgehend und mit verheulten Äuglein anrufe. Sachma, 525 Millionen, gehts eigentlich noch?, rufe ich empört und ohne jede Vorrede ins Telefon, als sie sich am anderen Ende der Leitung meldet, ist denn das zu fassen, woher kommt das ganze Geld? Länderfinanzausgleich oder was? Vom Länderfinanzausgleich habe sie keinen Schimmer, sagt die alte Tante, und selbst wenn, das wäre ihr von Herzen schnurz.

Ich habe keine Ahnung, wo das viele Geld hier herkommt, was Du immer für Fragen stellst! Der neue Abschnitt der U5 sei wohl hauptsächlich für die Touristen, zwischen Alexanderplatz und Bundestag, da wohnt doch keener. Aber wirklich schick sei er geworden, der neue Bahnhof. Und der Schinkel-Sternenhimmel!, der gefälllt mir ganz besonders! Unbedingt müsse ich da mal mit ihr langfahren, die neue Strecke und durch diesen Bahnhof mit den 6662 Lichtlein an der Decke, wenn ich das nächste Mal in Berlin bin.

Werd ich machen, aber sowas von. Vielleicht muß ich dann in der U-Bahn kurz ein bißchen schluchzen, wenn ich die Beherrschung verliere. Wat heulste denn schon wieda?, wird das Tantchen dann in seiner unnachahmlich-liebevollen Berliner Art fragen, und ich werde antworten Ach nichts, Tantchen, nichts, – alles gut, ich bin nur grad ein wenig überwältigt.

Naja, Sie wissen schon.

5 Kommentare zu “Sternenhimmel”

  1. So läuft das doch immer oder zumindest viel zu oft. Scheinbar fragen sich viel zu wenige, was man an anderer Stelle mit dem Geld hätte erreichen können.

    Danke für Hubert Kah… ;-)

  2. eigentlich müssten wir andauert heulen, oder in riesengelächter ausbrechen, angesichts des wahnsinns, der uns umgibt. da wir alle brav sind und höchstens in die kissen heulen passiert keine veränderung.

  3. Vom Alexanderplat gehen fünf Buslinien ab, die eine/n in nicht einmal fünf Minuten zur Museumsinsel bringen. Die Zeittakte sind so dicht, daß innerhalb weniger Minuten ein Bus kommt. Aber Verhältnismäßigkeit war noch nie eine Stärke der in Berlin politisch Verantwortlichen.

  4. Ich muß ein wenig schmunzeln.
    Vom Alexandaplatz zua Museumsinsel, das sind ca. 600 Meter.
    Als ich noch gut war bin ich die 400 Meter in ca. 60 Sek. gelaufen.
    Mit knapp 50 dann 80 Sek.
    Alles in allem also eine Distanz, die im Bereich des Machbaren ist.
    Zumal der Gang an vielen touristischen Punkten vorbei führt.
    In den 90ern ist man Nachts um 4 noch vom Prenzelberg nach Wedding gelaufen.
    ( Scheiß Landbevölkerung, Provinzler, Naturburschen, laufen ?? )

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