Mein Haus, mein Auto, mein Wald.

21. Juni 2021

Ich hatte da neulich so eine Art wegweisende Erkenntnis, einen Geistesblitz im Unterholz, und weil das bei mir ja nicht soooo oft vorkommt, dachte ich, ich müsste Ihnen davon mal berichten. Die Geschichte trug sich an einem sonnigen Morgen tief im Wald zu, ich ging da so meines Weges, Frau Lieselotte hechelte, die Vöglein piepsten aufreizend fröhlich, und ab und zu knackte und knisterte es rechts und links des Weges, – also eigentlich alles wie immer.

Nicht ganz wie immer, sondern eher neu ist die Tatsache, dass ich seit ein paar Monaten doch etwas aufmerksamer durch den Wald gehe, ich schaue etwas genauer ins Unterholz, scanne den Horizont ab und reagiere mitunter etwas schreckhaft auf das erwähnte Knacken und Knistern rechts und links der Wege. In den Wäldern rund ums Dorf ist ein Wolf zuhause, schon ein paarmal wurde er in der Gegend persönlich angetroffen, furchtlos trottete er in der Nähe eines Vereinsheimes umher, oder am Sportplatz, sein Bewegungsradius ist groß, sein Hunger auch, und ein- oder zweimal hat er sich bereits an Schafen oder Ziegen vergriffen. Für uns in Baden-Württemberg ist das ziemlich neu, nur im Schwarzwald gibt es erwiesenermaßen auch Wölfe.

Darüber denke ich nach, während ich da neulich früh im Wald unterwegs bin, und ich überlege, was ich tun soll, wenn wir den Wolf jetzt treffen und er meine Lieselotte nun besonders lecker findet oder interessant oder einfach blöd. Der Wald bekommt plötzlich soetwas Wildes, Archaisches, ein bißchen mit Aufregung und Abenteuer verbunden, aber mehr noch mit Vorsicht und einer kleinen Angst im Nacken.

Während ich derlei sorgenvolle Gedanken in meinem Hirn hin- und herbewege und dabei zusehends angespannter werde, schießt plötzlich direkt vor meinen Füßen eine Wildsau über den Weg, ein wahrer Koloss in Schwarz, Zack! kommt sie ohne jede akustische Vorwarnung von der einen Seite und Zack! verschwindet sie auf der anderen Seite. Frau Lieselotte bleibt schockstarr stehen, ich selber bekomme fast einen Herzinfarkt und höre mich im selben Augenblick laut und deutlich und sehr empört sagen Ja, sapperlott nochmal!, kann ich nicht mal mehr in meinem eigenen Wald in Ruhe spazierengehen?

Als sei der Wald eine Art öffentliche Erholungseinrichtung für Menschen. Eine Mischung aus Zoologischer Garten und Vergnügungspark, bei kostenlosem Eintritt. Wildschweine gucken, Rehe sehen oder den Wolf erahnen – au ja, gerne, aber bitte nur mit Wohlfühlabstand meinerseits. Wäre ja noch schöner, wenn die Tiere des Waldes direkt vor mir herumliefen, wann und wie sie wollen, also echt jetzt. Auf meinen Strecken? In meinem Wald? Als hätte ich berechtigte Ansprüche, dass der Wald sich gefälligst nach mir richtet, nicht ich mich nach ihm. Mein Haus, mein Auto, mein Wald, Sie kennen den Werbespruch vielleicht.

Wir dürfen allerdings davon ausgehen, dass der Wald schon existierte, da war an Sie und an mich noch nicht einmal zu denken. Ja, da staunen Sie!? Ich jedenfalls hatte das so ausdrücklich noch nie gedacht: dass ich mit meinen Wanderungen und mit jeder morgendlichen Hunderunde eindringe in ein System, das seit Urzeiten besteht. Und in diesem Wald gibt es seit Jahrmillionen Tiere, die Rehe und die Wildschweine, die piepsenden Vöglein, die doofen Zecken und die Spinnen und die Stinkewanzen. Es könnte also durchaus sein, dass die (selbst die doofen Zecken und die Stinkewanzen) da sowas wie ein Hausrecht haben, und ich nur ein Besuchsrecht. Oder irgendwie so in der Art.

Einfach wahrzunehmen, dass da draußen (…) eine Welt existiert, in der das Tier Homo sapiens sapiens eine Spezies unter vielen ist, fällt uns wirklich schwer, lese ich zufällig am selben Vormittag in einer (Klick!) Kolumne in der taz, und ein paar Zeilen weiter heißt es: Ein gutes Verhältnis zu den Lebewesen um uns herum gibt es wohl erst, wenn wir sie weder ausrotten noch knuddeln wollen, sondern sie einfach als Nachbarn betrachten, mal nett, mal nervig, aber man muss mit ihnen auskommen.

Wenn ich neu in ein Haus einziehe, stelle ich mich ja auch erstmal freundlich der Nachbarschaft vor, den Menschen, die vielleicht seit Jahren und Jahrzehnten da schon wohnen, und dann versuche ich, die ungeschriebenen Regeln und Gesetze der Hausgemeinschaft zu erahnen und halbwegs zu befolgen. Ich drehe nicht gleich am ersten Abend die Stereoanlage auf dem Balkon bis morgens früh um Zwei laut auf, schnippe die Zigarettenkippe von oben auf den Balkon eins drunter oder gestalte ungefragt den gemeinschaftlichen Vorgarten ganz neu. Wann immer ich mit Nachbarn auskommen wollte oder musste, bin ich so ganz gut gefahren jedenfalls.

Respekt solle ich haben, Respekt zeigen, vor dem Wald, vor den Tieren, sagte mir vor Wochen (also noch vor meinem Geistesblitz) ein Förster und Wildtierbeauftragter in mein dienstliches Mikrofon, und in meinem privaten Hirn regte sich ein Ich lasse die Hunde doch schon an der Leine und werfe keinen Müll weg, Hergottszeiten, was soll ich denn noch alles machen?, und Respekt, das hieße zum Beispiel auch, nicht quer durchs Unterholz zu kraxeln und so allerlei Getier vor sich her zu treiben, sondern auf den Wegen zu bleiben. Und wieder dachte ich so bei mir Na, super, man darf aber echt auch gar nix mehr im Wald. Ich sagte das natürlich nicht laut, sondern nickte nur, ja, ja, klar, Respekt, hmhm, und musste innerlich zugeben, dass ich zwar selten, aber eben doch manchmal durchs Unterholz kraxle, und mich dann noch an den in der Ferne davonspringenden Rehen erfreue, oh, ich habe Tiere gesehen, toll, ein richtiges Naturerlebnis.

Also: Ich merke mir: Die Natur war zuerst da. Und dann kam der Mensch. Der Wald ist angeblich auch ohne meine Anwesenheit ziemlich glücklich und zufrieden, um es mal vorsichtig zu formulieren. Und es ist definitiv nicht die erste Aufgabe dieses Waldes und seiner Bewohner, mein Erholungsbedürfnis zu stillen, oder meinen Wunsch nach Naturerlebnissen. Nee, nee. Ich bin da bloß Besucher und habe mich gefälligst dementsprechend zu benehmen. Ist besser so, für alle Beteiligten. Und wenn ich mich entsprechend benehme, respektvoll und leise, vorsichtig und umsichtig, und mit ein bißchen Ehrfurcht, wenn ich so für mich schaue und höre und rieche und staune, das weiß ich doch insgeheim schon lange: dann kann es passieren, dass der Wald mich still und warm in seine Arme nimmt und mich dann doch willkommen heißt wie einen alten Freund.

So sei es und so bleibe es, bis in Ewigkeit, Amen.

P.S. Auch eine Bloggerkollegin hat (klick!) das Thema aufgegriffen, auch am allergleichen Tag – Zufälle gibts!

  • 7 Kommentare
  • nina aka.Wippsteerts 21. Juni 2021
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    DANKE!
    Ein wunderbarer Artikel. Ich fürchte nur, es lesen genau die Leute hier, die sowieso schon Respekt vor der Natur haben und nicht die, welche wie die Jecken durch die Natur wüten, wenn wir das in ihrem Garten machen würden… oO.
    Hier ein wenig weiter (aber was heißt bei einem Wolf schon „weiter“) gibt es auch eine nachgewiesene Wölfin und wir sind hier wirklich viele Menschen, weswegen ich nie damit gerechnet hätte, dass ausgerechnet hier sich einer niederlässt. Durchgezogen sind auch welche.
    Ich kann nur sagen, dass ich vor einer Rotte Sauen, mit ihren Frischlingen mehr Angst habe. Und die Wahrscheinlichkeit grösser ist, einem Schwarzkittel zu begegne ist viel höher. Die sind sehr wehrhaft!
    Aber damit will ich keine Angst machen. Nur den Begriff „Respekt“ noch mal unterstreichen.
    Und noch mal Danke sagen, für die vielen schönen Beiträge. (auch wenn ich nicht immer zum kommentieren komme)
    Liebe Grüsse
    Nina

  • Siewurdengelesen 21. Juni 2021
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    +1

    Wir sollten immer daran denken, dass in erster Linie wir als Menschen die Lebensräume anderer Wesen beeinflussen durch unsere Art zu leben und nicht umgekehrt.

    Aus dieser Sicht sind selbst Renaturisierungen oder Umsiedeln, Wildbrücken, Krötentunnel und solche Dinge als „Ausgleichsmassnahmen“ für das Schänden der Natur an anderer Stelle mehr trauriger Witz als wirklicher Ausgleich.

  • Alexandra 21. Juni 2021
    Antworten

    Ich denke oft, dass in jedem banalen Baumwipfel am Straßenrand, in jeder harmlosen Wiese, mitten im Wirtschaftswald, Lebewesen (sechsbeinige, achtbeinige, hundertbeinige, winzige pelzige, geschuppte oder schleimige) ihr ganzes Leben verbringen können, ohne je einem Menschen zu begegnen oder auch nur einen Hauch von dessen Existenz wahr zu nehmen. Das verschiebt mir den Maßstab von „Wildnis“ auf der Stelle ungemein.

  • Hannah 21. Juni 2021
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    Sehr bewegend – Danke für diesen schönen Beitrag!
    Ich lebe im hohen Norden am Meer und meine Großmutter hat früher immer zu mir gesagt: „Du wirst die Demut vor der Natur noch lernen.“ Hat sie recht gehabt, denn wenn ich jetzt die große Weite der See, die Stürme und die Tiere im Meer betrachte, komme ich mir sehr, sehr klein und unbedeutend vor – eben nur ein winzig kleiner Besucher in einer wunderschönen Welt.

  • Erika Schroth 22. Juni 2021
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    Liebe Friederike, danke für diesen schönen Beitrag.mit Corona haben doch viele den Wald als Rückzug aus den Städten genutzt – benutzt. Dass er Respekt will müssen Menschen erst wieder lernen.

  • marion 22. Juni 2021
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    Margaret Atwood sagte in einem Interview mit dem New Yorker 2020:
    Nature does not need us, we need nature.

  • Marita Krämer 22. Juni 2021
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    Damit wir bald wieder ohne Wolf leben können, wird schon unsere Landwirtschaftsministerin oder der Kollege aus Stuttgart dafür sorgen, : Abschießen, besonders damit die Hobbylandwirte nicht verhungern müssen.

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