Zum Heulen.

20. Februar 2021

Im Dorf heulen die Sirenen, ein ganz gräßliches Geräusch, dreimal schwillt der Ton an und wieder ab, dann versinkt das Dorf für einen kurzen Moment wieder in abendlicher Stille. Dann Türenklappen, Schritte, Automotoren starten, all die freiwilligen Feuerwehrmänner und Frauen machen sich auf den Weg zum Einsatz. Is hier so, auf dem Land, alles freiwillig und ehrenamtlich, das ist ja eines meiner Lieblingsthemen. Irgendwann hört man das Tatütata der Feuerwehrautos, blaues Licht wird von den Backsteinhauswänden reflektiert, spiegelt sich in Fenstern, und schließlich verschwinden Autos und Lärm Richtung Wald, Richtung Ortsausgang.

Ich stehe am Fenster, ich bilde mir ein, eine echte Landfrau macht das so, man will ja schließlich wissen, wo da was passiert ist. Sensationslüsterne Neugierde? Ich würde es eher bange Anteilnahme nennen. Man weiß umeinander und voneinander auf dem Land und im Dorf, und immer ist da die Sorge, es könnte einen getroffen haben, den man vielleicht kennt.

Ich war erst dieser Tage wieder mal bei einem Brand vor Ort, rein dienstlich, irgendwo im Landkreis. Die Zahl der Schaulustigen dort war klein; viel größer war gefühlt die Zahl derer, die rannten, halfen, schleppten, trösteten. Manchmal stehen bei Bränden auch Leute da und heulen mit, während das Haus vom Nachbarn von den Flammen aufgefressen wird.

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Alles überhaupt ein bißchen zum Heulen grade, finde ich. Zwischendurch schlägt der Corona-Blues zu, aber sowas von, da kann die Odenwälder Landschaft noch so schön, das Dorfleben noch so idyllisch sein, das Virus lauert vermeintlich hinter jeder Ecke, daneben sitzen Angst und Sorge, und die Einschläge kommen näher. Manche Leute schreiben seit Monaten schon ins Internet, wie müde sie seien, wie abgrundtief innerlich müde, ich habe mich darüber immer mal wieder gewundert, aber inzwischen ahne ich, wie sich das anfühlt.

Abgrundtief müde gehe ich abends in Bett, aber an Schlaf ist nicht zu denken. Zum Glück gibt es da diese Entspannungsübungen, die habe ich vor Jahren mal gelernt, man liegt da also im Bett, die Gedanken rumpeln wie Güterzüge durch den Kopf, und nun soll man sich aufs Hören konzentrieren. Was höre ich da alles? Man soll das also einfach registrieren, ich höre Schritte auf dem Asphalt, oommmm, ich höre ein Auto in der Ferne, ooommmm, undsoweiter, und wie man sich also so sehr aufs Hören konzentriert, schläft man auch gleich ein. Sehr praktisch ist das.

Der Haken an der Sache ist ja nur: Es ist nichts zu hören auf dem Dorf, ich horche also angestrengt jeden Abend in die tiefe Stille hinein, keine Schritte, keine Autos, keine Musikfetzen aus Nachbarhäusern, keine Stimmen, keine Flugzeuge, keine Züge. Nichts. Ich höre: Nichts. Nullkommanull. Das ist aber auch durchaus anstrengend, und vor lauter Erschöpfung schlafe ich doch irgendwann ein. Dann knirsche ich mit den Zähnen, neuerdings, das könnte ich nun in der Tat hören, aber ich schlafe ja schon, also höre ich wieder nichts. Es ist kompliziert.

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Um noch mal die Kurve zu kriegen: es gibt sie noch, die schönen Dinge. Ich habe hier auf dem Blog neulich ein Foto aus dem Städtchen gezeigt, auf dem irgendwo im Hintergrund ein Kaugummiautomat zu sehen war. Der vermutlich wahnsinnig wichtige Text wurde so lala aufgenommen, aber der versehentlich mitgeknipste Kaugummiautomat schlug auf mehreren social-media-Kanälen ein wie die sprichwörtliche Bombe.

Kaugummiautomaten gelten offenbar gemeinhin als ausgestorben. Sie sind es mitnichten. Ähnlich wie das Toast Hawaii (das ja auch als ausgestorben gilt), kann man Kaugummiautomaten hier noch vielerorts finden. Vielleicht gibt es hier noch die Kundschaft für Kaugummiautomaten, was weiß denn ich, oder aber irgendwer hat einfach vergessen, sie abzumontieren, niemand vermisst sie in irgendeinem Kaugummiautomatenwerk, und so bleiben sie einfach hängen. Sie überstehen Wind und Wetter, Kohl und Schröder, und jetzt sogar eine Pandemie, vielleicht ist das ja auch ein bißchen tröstlich.

Mudau, neben der Poststelle.
Ich fotografiere die jetzt mal alle, zu dokumentarischen Zwecken.

P.S. Die ersten Leserzuschriften zum Thema Kaugummiautomaten trudeln ein, ich habe damit offenbar einen echten Nerv getroffen. Bin aber natürlich nicht die erste, die sich der Sache investigativ annimmt. (Klick!) Hier hat sich ein Kollege der Stuttgarter Zeitung sogar zu einem Selbstest der Kaugummis hinreißen lassen, und hier haben die Kaugummiautomaten einen eigenen Instagram-Account, und dazu gibt es auch einen Bildband.

  • 10 Kommentare
  • Matthias 20. Februar 2021
    Antworten

    Vielen Dank für Deinen Blick von außen auf einen Feuerwehreinsatz. Als (freiwilligem) Feuerwehrmann bleibt einem während des Einsatzes keine Zeit für diesen Blick.
    Viele Grüße aus der Nachbarschaft

  • Gabriela 20. Februar 2021
    Antworten

    Liebe Friederike,
    wie immer, der Blog – ein Lesegenuß! Danke dafür und einen erholsamen, ruhigen Sonntag auf dem Land.
    Schönen Gruß,
    Gabriela

  • Roswitha 20. Februar 2021
    Antworten

    danke für die vielen streiflichter von hier. unsere enkelin wollte schon vor 20 jahren keinen kaugummi aus den automaten mehr, weil da oft ameisen drin seien. aber im tv gab es mal einen bericht des mannes, der sie regelmäßig füllt. er reparierte sogar farbabplatzer außen. leider weiß ich nicht mehr welcher sender, aber wahrscheinlich swr 3. gruß aus dem städtchen.

  • Christine 20. Februar 2021
    Antworten

    Bange Anteilnahme – das kenne ich gut mit zwei Söhnen bei der Feuerwehr und auch eine der Schwiegertöchter ist Feuerwehrfrau. Gut, dass ich in einem anderen Dorf wohne und nicht mitbekomme, wenn die Kinder ausrücken. Auch bei Müdigkeit und schlaflosen Nächten kann ich mithalten. Und ich habe Kaugummis aus dem Automaten überlebt :-)). Liebe Grüße aus einem Dorf in den bayerischen Bergen, Christine

  • nina. aka wippsteerts. 21. Februar 2021
    Antworten

    Ich hab die Kaugummis und kleinen Überraschungen im Automaten geliebt, ich wollt unbedingt so ein kleines Kügelchen mit Kinderschmuck. Und sowieso war der Kaugummi besonders. Jeden Tag dran vorbei gekommen und das bisschen an Pfennige was ich an Taschengeld hatte, drin versenkt. Schlimm, wenn Mal wieder wer versucht hatte, sie zB mit Feuer zu knacken.
    Ich hasse Sirenen, das Probebeulen besonders, liegt an meinem Papa, der die aus Kriegsgründen nicht mochte (untertrieben) aber wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft der freiwilligen Feuerwehr und dann finde ich die Sirene auch immer ganz gut, denn dann wird geholfen und ich drücke immer feste die Daumen. (Sirenen heißen immer Großeinsatz, Martinshörner gehen fast täglich, Unfälle, Rettungen…)
    Vor Corona hörte man hier nachts ab und zu die großen Flieger, wenn sie niedrig kommen. Insgesamt höre ich weniger Geräusche, alles ist weniger geworden und wir wohnen nicht gerade ländlich.
    In diesem Sinne wünsche ich guten Schlaf (denn liebe auch gerade wach)
    Liebe Grüße
    Nina

  • Ev 21. Februar 2021
    Antworten

    Liebe Friederike,
    ja, die Stille, die ist mittlerweile manchmal lauter als alles andere. Aus Gründen mussten wir gestern nach KA und so ruhig, so still am helllichten Tag erlebte ich die Stadt das erste Mal. Das war beklemmend.
    Aber jetzt zu den Kaugummitautomaten:
    Es war 2004/2005, das selber Bloggen noch ganz frisch für mich und die Blogs noch nichts unübersichtliches. So traf D. auf meinen Blog und ich auf ihren. Getroffen im realen Leben haben wir uns nie, aber wir schrieben uns oft und sehr viel. Einmal sagte sie damals, dass es einer ihrer Träume wäre, alle Kaugummiautomaten zu fotografieren, denen sie begegne und sie dann in einem Buch zu veröffentlichen.
    Jedes Mal, wenn ich an einem vorbei komme, muss ich daran denken. Mittlerweile nicht mehr so oft wie damals, denn es gibt immer weniger, aber immer wieder mal einen.
    Aus dem Buch wurde nichts. D. starb vor Jahren einfach so und völlig unerwartet unterwegs auf ihren Inline-Skatern und ich weiß nicht, ob das einfach nur einer ihrer Träume war, über die sie so gerne sprach oder ob sie sie wirklich knipste.
    Einen schönen Sonntag Dir.
    Herzlichst, Ev

  • Tine 21. Februar 2021
    Antworten

    Vielen Dank für diesen und vorherige Lesegenüsse. Sie lassen mich oft Schmunzeln .
    Feuerwehr im Einsatz, da lausche ich auch immer in welche Richtung es geht. Ein seltsames Gefühl schwingt da mit. Gut, dass es die Freiwillig Feuerwehr gibt.
    Ja , diese Pandemie Müdigkeit ….. stimmt, diese Isolation macht was mit uns 😑
    Und die Automaten, herrlich, sie hängen auch so wunderbar auf Kinderhöhe . Ich werde mich bewusst umschauen ob und wo bei mir im Ort der nächste hängt . Das Interesse ist geweckt .
    Wünsche ihnen eine angenehme Nacht .
    Liebe Grüße Tine

  • Südlurker 22. Februar 2021
    Antworten

    Am Rande der Großstadt wohnend, habe ich erfreut entdeckt, dass es selbst hier am Stuttgarter Stadtrand noch Kaugummiautomaten gibt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass die alle der Euro-Umstellung zum Opfer gefallen seien, aber dem ist nicht so.
    Als Kind hatte ich nie das Taschengeld dafür, was besonders gemein war, weil das Objekt der Begierde direkt neben dem Kindergarten hing. Ich meine, er sei mal im Rahmen eines Neubaus weggekommen.
    Meine Kinder ignorieren den Kaugummiautomaten hier völlig, er interessiert sie gar nicht. Es ist also im Grunde nur pure Nostalgie, wenn ich mich darüber freue.
    Wollen Sie ein Bild haben?

    • LandLebenBlog 22. Februar 2021
      Antworten

      Rein interessehalber gerne!

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