Privileg.

15. November 2020

Nee, nee, Landleben ist ja nicht immer nur super. Nahversorgung Fehlanzeige, zum nächsten Supermarkt muß ich ein paar Kilometer fahren, zur nächsten Tanke und zur Apotheke noch viel weiter. Ärztliche Versorgung auf längere Sicht: naja, ÖPNV suboptimal, um es vorsichtig zu formulieren. Klamotten shoppen: puh. Wirklich schöne Cafes: nochmal puh. Eher wenige. Klassische Biergärten: musste mit der Lupe suchen. Und erst die Kultur!, werden Sie jetzt rufen. Ja, das mit der Kultur ist auch so ne Sache, also zumindest mit dem, was man landläufig so als Kultur bezeichnet, Konzerthäuser, Opernhäuser, große Bühnen, tolle Kinos, alles Fehlanzeige.

Dieses LandLebenBlog wäre nicht das LandLebenBlog, wenn jetzt nicht das große Aber käme. Können Sie drauf wetten. Also: Ist alles nicht immer supi hier auf dem Dorf am vermeintlichen Ende der Welt, aber ich fühle mich derzeit absolut privilegiert. Aber sowas von. Corona und so, naja, Sie wissen schon.

Wie ich da gestern pilzesuchend so durchs Unterholz stolpere, denke ich bei mir: Ich habe alles, was ich an meinem Leben auf dem Lande schätze, auch weiterhin. Ohne jede Einschränkung. Natur, Luft, Viechzeug, Wanderungen, Stille, Weite, das ganze Programm. Was mir besonders wichtig ist, kann mir Corona bislang nicht vermiesen. Ja, ich habe auch Einschränkungen, ich kann nicht mehrere Freunde auf einmal zum Essen einladen, ich gehe auf keine Party, keinen Geburtstag – aber: geschenkt. Ich treffe Menschen draußen, wir laufen im Wald, oder sitzen in Decken gehüllt in Gärten und auf Terrassen. Irgendeinen Garten, irgendeine Terrasse hat hier schließlich jeder.

Und ansonsten tue ich, was ich am liebsten tue. Ohne einen einzigen Unterschied zu früher. Was für ein Privileg.

So gesehen hast Du es ja wirklich gut, sagt das uralte Tantchen in Berlin gestern abend am Telefon. Ein Tag, den ich mir im Kalender rot anstreichen muß, schließlich lässt sie sonst kein gutes Haar am selbstgewählten Landleben. Sie hofft noch immer, dass ich eines Tages mal was Anständiges mache, Feuilleton-Redaktion beim Tagesspiegel oder so, und dass ich vorallem endlich wieder nach Berlin ziehe.

Die Tante ist seit ihrer Geburt anno 1935 überzeugte Berlinerin, quasi die fleischgewordene Großstadt-Liebe. Sie nimmt in der Stadt mit, was sie mitnehmen kann, täglich ist sie unterwegs, Ausstellungseröffnungen, Museen, Galeriebesuche, Ausflüge, Führungen, Besichtigungen, zwischendurch ein Espresso bei Karstadt in der Raucheretage, dann weiter: Kino, Nachmittagsvorstellung, Konzert, und abends um die Ecke beim Russen einen Happen essen. Sie plaudert mit wildfremden Leuten, saugt alle Informationen auf wie ein Schwamm, ihr Geist so quirlig wie die ganze große Stadt, die es jeden Tag aufs Neue zu entdecken gilt.

Und jetzt sitzt sie daheim. Gefangen in der eigenen Wohnung. Sie macht sich Notizen, was sie unternehmen will, sie schneidet am Küchentisch Zeitungsartikel aus, damit sie weiß, welche Ausstellungen sie anschauen muß, wenn sie denn endlich wieder geöffnet haben. Falls sie endlich irgendwann wieder öffnen. Mit wem sie dann wieder essen gehen will. Sie denkt darüber nach, wie lange das noch alles dauert, und wie alt sie sein wird, bis sie sich endlich wieder frei bewegen kann, mit einem Ziel in der riesigen Stadt.

Sie putzt die Wohnung, einmal, zweimal, dreimal, aber irgendwann isses doch nun wirklich sauber, und sie richtet ihre Steuerunterlagen. Was sie wirklich gerne tut, das ist zur Zeit nicht möglich und verboten. Mit 85 Jahren schlägt sie die Zeit tot, bis man endlich wieder alles darf. Bis sie endlich wieder all die Vorzüge des Großstadtlebens genießen kann. In der Hoffnung, dass ihr die Zeit nicht davonrennt.

So stolpere ich also durchs Unterholz, stopfe Steinpilze in einen Beutel, höre den Vögeln beim Piepsen zu, scheuche Rehe auf und beobachte den Biber am See. Ich laufe stundenlang mit dem Hund über die Felder und lasse mich durchpusten vom lauen Herbstwind. Ich trinke danach einen Cappucchino zuhause, wie ich es eigentlich immer getan habe. Ich genieße den Job, das Alleinsein im Büro. Ich fotografiere und schreibe und lese und denke nach. Und bin so zufrieden wie eh und je.

Was für ein Privileg in diesen durchgeknallten Zeiten.

  • 4 Kommentare
  • Christel Richarz 15. November 2020
    Antworten

    So isses. In der Stadt mit Schrebergarten nicht so sehr anders.Grüße in den schönen Odenwald.

  • Rosi 16. November 2020
    Antworten

    perfekt ;)
    liebe Grüße in den Odenwald
    Rosi

  • Richard 19. November 2020
    Antworten

    Sehr schön. Trifft den Steinpilz auf den Kopf ;-

    Bin nach Jahrzehnten immer übler und überflüssiger aufstoßendem Großstadtleben auch endlich auf’s (Wend)Land gezogen und zutiefst dankbar für diese freigewählte, wunderbar weite „Freiheit“ hier.

    Kurzfahrten nach und durch meine arme, nicht nur baustellenverseuchte Heimatstadt Hamburg (so man mit dem Wagen durch den Elbtunnel oder über die Elbbrücken überhaupt rein und später auch wieder raus kommt) lassen mich nun jedesmal drei Kreuze schlagen, wenn ich wieder die Landstraße nach Süd-Osten unten den Reifen habe.

    Und linker Hand trotzdem immer noch meine geliebte alte Elbe. Nur diesmal in wunderschöner Flussauenlandschaft voll Biber, Fischotter und Seeadler ;-)
    Gute Herbst- und Winterwünsche in das Odenwald-Haus!

  • Lydia 22. November 2020
    Antworten

    Da kann ich voll und ganz zustimmen. Die Vorzüge des Landlebens machen die Nachteile vollkommen wett. Und in diesen komischen Zeiten schon dreimal.Möge die Großstadttante noch genügend Geduld haben.
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden
    Lydia

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