Ausflugstipp.

8. Oktober 2020

Kein Tag ohne Horizonterweiterung!, pflegt die Freundin zu sagen, und ich halte das für einen der besten Sprüche überhaupt. Also habe ich auch heute mal wieder meinen Horizont erweitert, aber sowas von. War aber längst überfällig, und eigentlich ja ein komplettes Unding, dass ich noch nie bei der Stuppacher Madonna vorbeigeschaut habe. Die gilt als eines der schönsten Marienbilder überhaupt, auf der ganzen Welt und so, und ich fand sie – logisch – in einem kleinen Kirchlein im ebenso kleinen Stuppach bei Bad Mergentheim.

Um es gleich vorwegzunehmen: ich war enttäuscht. Das riesige Bild ist großartig und voller eigenwilliger Details, aber nur durch eine spiegelnde Glaswand aus der Ferne zu betrachten, und man muß, je nach Tageszeit und Lichteinfall, gewisse Verrenkungen vollführen, um vor lauter Spiegelung die Madonna mit dem grinsenden Kinde ungestört zu sehen. Fotografieren ist natürlich auch verboten, und so habe ich mir das Bild dann besser auf dem Plakat im Schaukasten vor der Kirche betrachtet.

Aus irgendwelchen Gründen musste ich an Ludwig Erhard denken, als ich mir das Jesus-Kind näher besah, aber es kann nahezu ausgeschlossen werden, dass Matthias Grünewald ausgerechnet den CDU-Kanzler Erhard vor Augen hatte, als er seinerzeit das Marienbild gemalt hat. Das war irgendwann nach 1500, und damals gab es ja noch nicht mal eine Bundesrepublik. Wie dem auch sei, die Geschichte rund um die Stuppacher Madonna ist wirklich ganz spannend, und es kommt dort auch ein Albrecht von Brandenburg vor, der in all seiner Ambivalenz auch sehr spannend ist.

Die Enttäuschung vor der Spiegleglaswand hin, der Ludwig-Erhard-Effekt her: Hinfahren sollten Sie trotzdem mal, wenn Sie ohnehin da irgendwo mal unterwegs sind. Denn das kleine Kirchlein hat noch mehr zu bieten als nur die weltberühmte Madonna.

Hinter der klitzekleinen Kirche liegt ein winziger Soldatenfriedhof. Eine angenehm-unscheinbare Anlage, die in erster Linie an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges aus Stuppach und den umliegenden Gemeinden erinnert, an all die jungen Männer, die in diesen Jahren verheizt wurden.

Erinnert wird hier aber auch an neun Jungs, Kinder fast noch, 14, 15 und 16 Jahre alt. Schüler eines Duisburger Gymnasiums, die wegen der dauernden Bombenangriffe mitsamt ihren Lehrern Duisburg verlassen haben und in Mergentheim untergekommen sind. Hier wohnen sie offenbar bei Pflegefamilien, und am 6. April 1945 machen sich die Jungen auf den Weg, um das kleine Dörfchen Stuppach gegen die vorrückenden Amerikaner zu verteidigen. Aufgestachelt, freiwillig, gezwungenermaßen, wer weiß das schon.

Dabei haben die Dorfbewohner schon am Tag zuvor überall weiße Fahnen und Bettlaken an Fenster und Türen ausgehängt, so kann man es hier nachlesen, um den Alliierten kampflos den Zugang zum Ort zu gewähren. SS-Männer aber entfernen in der Nacht zum 6. April all diese weißen Tücher, sie wollen sich nicht ergeben und bereiten eine Art Häuserschlacht um das winzige Stuppach vor. Auch die Duisburger Schüler werden verpflichtet, mitzukämpfen. Die SS-Einheiten empfangen die amerikanischen Fahrzeuge mit Maschinengewehrsalven, die Amerikaner antworten mit Panzern, bald steht das halbe Dorf in Flammen, heißt es in einem Zeitungsbericht.

Am Ende des Tages sind fast 80 Männer tot, unter ihnen die neun Jungen aus Duisburg.

  • 3 Kommentare
  • Dietger 8. Oktober 2020
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    Ich war dort auch schon oft gewesen. Jährlich – immer mit meiner Oma, die 1984 starb, als ich 14 war. Seither nicht mehr.

    Damals gabs noch keine Glaswand davor.

    Ich habe letztens auch von einem Freund über WhatsApp erfahren, dass er dort war. Auch da kamen mir die Erinnerungen an meine Kindheit.

    Ich werde mich auf den Weg machen…

  • Friederike 8. Oktober 2020
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    Der Ludwig-Erhard-Effekt ist ja tatsächlich unübersehbar!
    Und was für eine furchtbare Geschichte mit den Duisburger Jungen und dem Zwang zu kämpfen, statt sich zu ergeben …!
    Danke für Ihre interessanten Beiträge!

  • Astridka 9. Oktober 2020
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    Klar sind wir vom Vater, Grünewaldverehrer ( obwohl rot-grün-blind ) in den 1960 er Jahren nach Stuppach geschleppt worden. Aber nach deinem Bericht denk ich, hätte mich die Zeitgeschichte mehr interessiert. Aber zum damaligen Zeitpunkt war das sicher nicht aufgearbeitet, sondern eher unter Schweigegebot.
    LG
    Astrid

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