Blaumanns Erzählungen.

29. August 2020

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Sang unsereiner ja früher, wenn man zum Pokalfinale fuhr. Gut, ich hatte da nicht so irre weit zu fahren, ich war ja schon in Berlin und musste nur ein paar Minuten mit dem Rad Richtung Olympiastadion.

Wie dem auch sei, da sind jetzt wieder jede Menge Leute nach Berlin gefahren, denen gehts eher weniger um ein Pokalfinale, sondern um das Ende der schlimmen Maskenpflicht und der noch viel schlimmeren Merkeldiktatur und wasweißichnichtalles. Naja, Sie wissen schon. (Achtung! Um erneuten Empörungen vorzubeugen, das mit der Merkeldiktatur sind deren Worte, nicht meine. Ich finde Frau Merkel ziemlich supi.)

Aber so gesehen – Stand heute nachmittag, alles zwar bekloppt, aber halbwegs friedlich – so gesehen also hat das ja auch sein Gutes: Denn wenn man sich den gesamten Tag zwingt, mit aller Macht und Selbstdisziplin, nicht ständig ins Internet zu schauen, nicht dauernd Nachrichten zu hören und den drohenden Sturz der Regierung auf alle möglichen Wege also komplett ignoriert – dann kommt man mal richtig zu was. Ich sags Ihnen. Samstags auf dem Lande, naja, Sie wissen schon.

Ton ab, bitteschön. Da schimpft der Siebi, aber sowas von.

Heute früh erst mal mit Klopfgeräuschen Siebi Siebenschläfer geweckt, ihn mitsamt des Nistkastens und mit Hilfe einer gigantischen Zange von der Wand abmontiert und ihm ein neues Zuhause in den weiten Wäldern geschenkt. Soll er da die Kabel und die Kunststoffteile anknabbern, die seinen Weg kreuzen, aber bitte nicht in der Hütte am See.

Kleiner Siebi auf großer Fahrt.

Dann den von ihm und den Seinen okkupierten Kasten so umgebaut, dass er mitsamt Siebenschläfern abnehmbar und transportabel ist. Ein Siebenschläfer-Reiseabteil, quasi. Holzklasse zwar, aber immerhin.

Dass der Siebenschläfer-Nistkasten samt Nestmaterial pestillenzartig nach Siebenschläfer-Pipi stinkt, verschweigen wir an dieser Stelle ebenso wie die Tatsache, dass wir selber nach der Aktion genauso stinken. Und das Auto auch. LandLeben halt. Aber ich werde mich wohl mal wieder waschen müssen, es hilft ja alles nix.

*****

Einen riesigen Arm voll Maggikraut geerntet, das ganze urwald-artige Bündel in die Küche gezerrt, gezupft und gehäckselt, dann mit Salz vermischt, zwecks Haltbarkeit. Nach einer Stunde Fummelei passt der ganze große Maggikrautdschungel in ein klitzekleines Schraubglas. Ja, man muß lernen, mit Frustrationen umzugehen, wenn man strammer Selbstversorger ist.

Gefühlte sechs Kilo Basilikum gebündelt und zum Trocknen in den dunklen Keller gehängt. Tonnenweise Zitronenmelisse geputzt und gezupft und eingefroren. Auch hier nach langer Zupferei ein überragendes Ergebnis: eine kleine Gefriertüte ist fast zur Hälfte voll, was will man mehr.

*****

Nach den Küken schauen. Auch da komme ich wieder hart an meine Frustrationsgrenze. Die süßen Kleinen sehen aus wie eine Mischung aus gerupftem Geierbaby und Vogel-Strauß, viel zu langer Hals, viel zu lange Beine, dazwischen ein undefinierbarer Klumpen, der wirkt, als hätten ihn die Motten zerfressen. Wie das halt so ist bei Teenagern. Gelungene Proportionen waren gestern, heute ist unkontrolliertes Wachstum in alle vier Himmelsrichtungen.

Und sonst so? Hühnerfutter gekauft. Aufgeräumt. Bad geputzt, das demente und inkontinente alte Hündchen lässt grüßen. Zu dem Siebenschläfer-Pipi-Geruch kommt also jetzt noch – naja, lassen wir das. Dem unerwarteten Besuch irgendwie die eigenwillige Duftnote des Hauses erklärt, ähem. Wir leben auf dem Lande!, das zieht eigentlich immer. Fotozeug gerichtet und Wanderkarten zurechtgelegt. Wander-Pläne für heute dann aber doch ad acta gelegt.

Man muß es ja nicht übertreiben.

  • 7 Kommentare
  • Dirk Ingo Franke 29. August 2020
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    Deutschland isch stabil. Wie dieser Popsong sagt. Und die Küken sind etwas disproportional aber ganz hinreißend.

    • Hauptschulblues 29. August 2020
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      Ja, findet H. auch. Teenager sind auch hinreißend, wie wir als solche ebenso waren.
      Prima, das Umquartieren des Siebi.
      Am Montag w erden Hornissen (wahrscheinlich) zu H. umquartiert.

  • Juliane 29. August 2020
    Antworten

    Herrlich, diese Siebenschläferstory. Und danke für die Tonaufnahme. Wir haben staunend zum ersten Mal im Leben solche Geräusche gehört.
    Die Kücken sind sooo entzückend!

  • Astridka 29. August 2020
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    Das Video muss ich auf morgen vertagen. Ich will dem neben mir schlafenden Herrn K. Nicht die dritte Alptraum acht in Folge verschaffen. Habe auch enorm viel geschafft, da Nachrichtenabstinenz. Post geschrieben über eine Journalstenkollegin, Berlinern wie du, die in den düsteren Zeiten auf der richtigen Seite weiter half. Spannend!
    Gud Naaachd!
    Astrid

  • nina. aka wippsteerts. 30. August 2020
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    Ach, die Lücken sind auch als Pubertierende zu künftig! Ich stellmir das gerade „in motion“ vor.
    Siebenschläfer Rettung samt Kasten ist sicher einfacher als mit Falle.
    Gute Erholung und liebe Grüße
    Nina

  • nina. aka wippsteerts. 30. August 2020
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    Lücken ≠ Küken und künftig = knuffig
    Wenn man das immer morgens oder abends ohne vernünftige Brille macht und die Autokorrektur korrigiert, kommt eben Mist raus
    LG
    Nina

  • Steffi 30. August 2020
    Antworten

    Ach, herrlich, da ist also unser Siebenschläfer. Von Mittelfranken in den Odenwald umgezogen. Ja, und Küken haben wir auch, sehen genauso aus, die Erklärung von wegen Teenager erklärt manches. Unsere sind Isländische Landnahmehühner, von uns liebevoll „Die Damen von Flake“ genannt. Vielleicht reibe ich auch mal an meiner Nase, vielleicht bekomme ich bezüglich des ersten Themas ja auch noch eine gute Idee.
    Herzlich
    Steffi

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