Drama, Baby, Drama.

15. August 2020

Ach, wenn es doch auf dem Lande, in der vermeintlichen Provinz, nur einmal so langweilig wäre, wie manche immer meinen, dass es sei. Nur ein einziges Mal. Nee, is nich. Irgendwas ist immer.

Wir hatten heute, erstens, Drama beim Wetter, aber sowas von. Sah immerzu wild aus, kam aber natürlich nix. Wie im echten Leben, Drama-Queens und -Kings machen immer eine große Welle, und am Ende kommt nur heiße Luft.

Dann traf ich, zweitens, bei einer kleinen Wanderung, die ursprünglich der Entspannung dienen sollte, Rotkäppchen. Es deutete sich auch da ein Drama an.

Denn genau gesagt, traf ich natürlich nur die Überreste, – das, was von Rotkäppchen übriggeblieben ist. Ein Korb und eine Flasche Wein.

Wir erinnern uns: Vor gar nicht langer Zeit – vielleicht ein paar Wochen – war der Wolf im Dorf unterwegs, es gibt da sogar ein Beweisfoto. Nun also heute dieser grausige Fund im Unterholz. Ich meine, Sie müssen da doch nur Eins und Eins zusammenzählen! Und die blöden Märchen von den Gebrüdern Grimm können wir dann wohl auch um-schreiben. Dass die da am Ende leibhaftig und frohgemut aus dem Bauch des Wolfes wieder herausspringen, die olle Großmutter und das kleine Rotkäppchen: Fake-news!! (Rotkäppchen hätte doch sofort den verlorenen Korb und das Leergut wieder eingesammelt, Haltet den Wald sauber!, naja, Sie wissen schon). Tragische Geschichte, echt jetzt.

Und als ob das alles nicht genug gewesen wäre, bahnte sich in der Hütte am See Drama Nummer Drei an. Ein Siebenschläfer machte mit lautstarkem Gemecker darauf aufmerksam, dass er jetzt bitte sofort aus dem Kinderpapradies aus der Lebend-Falle abgeholt werden möge, er unterstrich seinen Unmut mit heftigem Gehampel und Getobe. Nun weiß die Siebenschläfer-geplagte Fachfrau, dass einfach-so-freilassen wenig zielführend ist, der Siebenschläfer kommt alsbald zurück, um sein zerstörerisches Tag- und Nagwerk zu vollenden, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Es gilt der Leitspruch: 15 Kilometer weit und über einen großen Fluß.

Fragen Sie nicht. Ich fuhr also 15 Kilometer und über einen großen Fluß mit dem randalierenden Vieh, man hat ja sonst nichts zu tun an einem Samstagmittag auf dem Lande. Als ich endlich am Ziel die Falle in die Wiese gestellt und an gleich mehreren Seiten geöffnet hatte, tat sich: nix. Ich versuchte es erst mit gutem Zureden, Ach, süßer Siebi, lauf, Du bist frei!!, wurde dann etwas energischer, Ja, was ist denn nun, willste nicht endlich mal abhauen?, und nach etwa einer halben Stunde ausfallend, Wenn Du jetzt nicht endlich verschwindest, Du Drecksviech, dann gibts was auf die Pfoten!

Erst, als ich gerade bäuchlings auf der Erde lag, um den deftigen Worten Nachdruck zu verleihen und überhaupt mal zu schauen, wo der Siebenschläfer sich innerhalb der Falle versteckt hatte, – erst da erblickte ich den Herrn mit Hund, der mein etwas eigenwilliges Tun offenbar schon einige Zeit mit Interesse verfolgt hatte. Sowas sieht man ja selbst hier auf dem Lande nicht alle Tage, eine Frau, die platt wie eine Flunder auf dem Boden liegt und in einen schwarzen Kasten hineinflucht. Jedenfalls hatte der Herr seiner Frau daheim heute sicher eine lustige Geschichte zu erzählen, wo doch sonst die Gassirunden vermutlich eher ereignislos verlaufen. Vielleicht geht er morgen früh nochmal den selben Weg, um zu schauen, ob ich immernoch da liege und fluche.

Nein, tue ich natürlich nicht, irgendwann hatte Siebi Siebenschläfer es begriffen und taumelte ins Freie, ich nehme an, ihm war nach der Autofahrt schlichtweg kotzübel, oder es war die Aufregung, jedenfalls nahm er endlich, wennauch widerwillig, die Freiheit an, die ich ihm schon seit einer Stunde schenken wollte. Auf, auf und davon, und gleich an einem Baum hoch. Von dort aus überblickt er jetzt die Landschaft und plant vermutlich bereits seinen Heimweg, zurück zu uns, zurück zur Hütte, zu all den schönen Sachen, die man da so anknabbern kann. Vielleicht steht das Mistviech der süße Kleine morgen schon wieder vor der Tür. Aber irgendwann, beim nächsten oder übernächsten Mal, wird er sich dann auch ans Autofahren gewöhnt haben.

Und wenn jetzt noch irgendjemand behauptet, das Landleben wäre langweilig, dann haue ich.

  • 7 Kommentare
  • Barbara Jentzsch 15. August 2020
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    Wunderbar!

  • derbaum 16. August 2020
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    na ja, viel ist wirklich nicht los! (duck und weg…)

  • ingrid 16. August 2020
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    siebenschläfer sind doch nachtaktiv. der wollte einfach am tag nicht. das nächste mal im dunkeln fahren! ;-)

  • Antje Hartwig 16. August 2020
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    Genau so ist es in der Provinz. (lach!) Da ist immer was los. Und es gestaltet sich schon ein einfaches „Lass uns irgendwo einen Kaffee trinken gehen…“ als Abenteuer. Unvorstellbar auch für „Besucher aus der Stadt“, wieviel Handyfreie Zonen es in unserer schönen Region noch gibt… weil die schlichtweg keine Netzabdeckung haben. Da stehen sie mit ihrem superneuesten iPhone 12 da und können nicht „nach Hause telefonieren“. Tja, und was ein Provinzler mit der nötigen Gelassenheit nimmt, bringt den Städter hierbei schon gehörig aus dem Takt. Um nicht zu sagen: Es regt ihn auf.

    Fazit: Das Leben in der Provinz kann auch für Externe ganz schön aufregend werden.

    Vielen Dank für die tollen LandLebenBlogbeiträge, denen man stets Kopfnickend zustimmen kann.

  • Ulrike 16. August 2020
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    Es ist einfach immer wieder was ganz Wunderbares die Erlebnisse im landlebenblog wünsche aus Buchen einen schönen Sonntag und einen guten Start in die Woche

  • Astridka 16. August 2020
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    Tolle Geschichten, mit Schmunzeln gelesen ( besonders über den Siebenschläfer ).GLG

  • Mina 19. August 2020
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    Ein großartiger Beitrag, so wie auch die anderen, bei denen ich immer wieder lächeln muss weil ich mir denke: „Ja, genau so ist es hier im Kaff auch!“ Vielen Dank dafür ♥

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