Was sollen denn die Leute denken?

17. Juli 2020

Das alte Hündchen wollte nur rasch seinen Ball unter dem Heizkörper hervorholen, und mehr müssen Sie über meine Qualitäten als Putzfrau eigentlich nicht wissen. Der Gatte trägt es mit Fassung, ich sowieso, und überhaupt wohnen wir schließlich auf dem Lande. Da muss es immer dreckig sein, pflege ich zu sagen, wenn unangekündigter Besuch kommt. Hunde, Katze, Hühner, dazu ein Mann, der am liebsten bei Matschwetter in Hausschuhen zum Kompost läuft, und ein schwarzer Fußboden – schlimmer geht es eigentlich nicht.

Aber was sollen denn die Leute denken? Ich muß gestehen, das ist mir ziemlich wurst. Natürlich wäre es mir auch lieber, das Haus blinkt und glänzt immerzu, vorallem, wenn überraschend Besuch kommt, aber ich habe beruflich viel zu tun, und manchmal habe ich auch einfach andere Prioritäten. Ich gehe lieber eine Stunde durch den Wald als mit dem Schrubber durchs Haus. Wenn doch mal ordentlich geputzt werden muß, hole ich mir Hilfe. Ja, irgendwann mussten Sie es erfahren. (Wenn Sie schon bei uns zu Besuch waren, wussten Sie das ohnehin ja schon.).

In den Häusern, die ich hier auf dem Lande schon von Innen begutachten durfte, ist es im Übrigen immer viel sauberer. Ich erinnere mich an den Besuch bei einer Frau in meinem Alter, es war Hochsommer und die Sonne knallte, und deswegen hatte sie im durch und durch aseptischen Wohnzimmer die Rollläden runtergelassen. Nicht, ohne sich sogleich wortreich zu entschuldigen, dass eben diese Rollläden von der Rückseite her nicht geschrubbt waren. (Ich hätte eine Lupe gebraucht, um irgendeinen Schmutz zu sehen.). Na, also wirklich, Was sollen denn die Leute denken?

Was sollen denn die Leute denken?, fragte mich auch mal der Mann im Nachbardorf, dem der Arzt dringend empfohlen hatte, täglich spazieren zu gehen. Das Herz, das Herz. Spazierengehen? Am hellichten Tag? Was sollen denn die Leute denken? Dass ich nix zu schaffe‘ hab‘? Nee, dann doch lieber Herzinfarkt. Oder so. Sie merken, das Thema ist nicht nur spaßig.

Mitarbeiter(innen) von Pflegediensten erzählen mir, dass sie auf den Dörfern immer mal wieder gebeten werden, um die Ecke zu parken, damit die Nachbarschaft nicht gleich sieht, dass Elvira Piependeckel es offensichtlich nicht alleine schafft, die alte Mutter, den alten Vater zu versorgen und sich Profi-Hilfe holt. Dass sie vielleicht nicht rund um die Uhr alleine für einen pflegebedürtigen Angehörigen da sein will und kann. Andere können das ja schließlich auch: sich aufopfern, immer für andere da sein, nie an sich selber denken und niemals klagen. Manchmal steht das sogar in Todesanzeigen, weil es offenbar vorbildlich ist. Sie hat sich immer aufgeopfert, hat immer ihre Pflicht erfüllt. Puh. Aber: Was sollen sonst die Leute denken?

Wie ich auf all das komme? Ich war da dieser Tage bei einem Prozeß im Mosbacher Landgericht, auf der Anklagebank saß ein betagter braver, lieber Mann aus einem klitzekleinen Ort, und es ging um nichts Geringeres als darum, dass er seine pflegebedürftige 84jährige Frau getötet hatte. Aus Überforderung und Verzweiflung, wie es in der Anklageschrift hieß, (Klick!) hier können Sie das nochmal nachlesen und nachschauen, es ist eine durch und durch schrecklich-tragische Geschichte.

Der Mann war überfordert und verzweifelt, die pflegebedürftige Frau weigerte sich kategorisch, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, der Mann wurde immer verzweifelter und immer überforderter, und er sprach mit niemandem darüber, holte sich selber keine Hilfe, erledigte die Pflicht, die er fühlte. Achtete nicht auf sich, nur auf seine Frau. Klagte nie. Warum genau er sich so verhielt, wie er sich verhielt – ich weiß es nicht. Ich denke darüber nach. Vielleicht einfach ein Vertreter seiner Generation, Pflichterfüllung, Durchhaltevermögen, bloß keine Schwäche zeigen undsoweiter? Oder ist es dieses (ländliche?) Was sollen denn die Leute denken?

Ach, es ist kompliziert.

  • 6 Kommentare
  • Hauptschulblues 17. Juli 2020
    Antworten

    Ja, es ist kompliziert.
    Zum Dreck: Volle Zustimmung! Im eigenen Blog auch schon in dieser Richtung geäußert.

  • Roswitha 18. Juli 2020
    Antworten

    Die zu pflegenden Menschen können innerhalb der Familie sehr egoistisch reagieren, möchten keine fremden Menschen um sich haben, nicht zur Kurzzeitpflege. Aus eigener langjähriger Erfahrung weiß ich, wie notwendig es ist, nicht nur auf den zu Pflegenden zu hören, sondern auch sich selbst zu beachten und in jedem Fall Hilfe zu holen. Von Anfang an, zunächst vielleicht nur kurze Zeit, damit der Hilfsbedürftige sich an fremde Menschen gewöhnt. Unsere Großtante, Jahrgang 1907, war auch von der Generation, die nichts zeigen wollten. Noch mit 95 Jahren wollte sie nicht vormittags draußen sitzen und lesen(im Rollstuhl!), weil die Nachbarn denken könnten, sie sei faul.

  • Elke 19. Juli 2020
    Antworten

    Ja, die Leute… und natürlich denken die, die FRAU hat nicht geputzt, ich weiss schon. Aaabeer: wie sieht es eigentlich mit den Qualitäten des Gatten als Putzfrau aus? „Braucht“ er keine?

    • LandLebenBlog 19. Juli 2020
      Antworten

      Nein, meiner definitiv nicht. Weil er schon kocht und wäscht und bügelt. Ich bin so gesehen in einer ziemlichen Luxus-Situation.

  • Amelie 20. Juli 2020
    Antworten

    Ja, ja, die Leute. Ich glaube, da ist es in der Stadt deutlich entspannter, da denken viele Leute einfach nix. Bei uns sieht es auch nie blitzsauber aus. Es wäre schön, wenn es so wäre, ist aber nicht. Der Junior lagern gern Lego in 2 von 4 Zimmern und baut Eisenbahnen vom Wohnzimmer in sein Zimmer. Nachdem er nun quasi seit März permament zu Hause ist, kann man Teile des Bodens in seinem Zimmer nur noch gelegentlich sehen. Ist halt so. Ich habe anderes zu tun, als zu putzen…arbeiten, Kinder bespaßen, rausgehen und mich bewegen, da ich sonst Speck ansetze, den Garten pflegen, weil Unkraut noch viel schneller wächst als Wollmäuse unter der Heizung. Ich habe mich lange gefragt, wie andere das immer machen, dass ihre Wohnungen so blitzblank sind. Aber die Auflösung war fast immer: es wird mindestens ein Wochenendtag nur zum Putzen verwendet UND es kommt eine Putzhilfe. Manche putzen auch wirklich gerne. Das ist ja dann auch in Ordnung. Wenn es nicht nur wegen der Leute ist.

    Von dieser Geschichte der Überforderung habe ich auch gehört und kann mir leider zu gut vorstellen, wie das passiert ist. Ich glaube, meine Schwiegereltern hätten da auch reingeraten können, wenn nicht andere Umstände dafür gesorgt hätten, dass sie zwangsweise Hilfe annehmen mussten.

  • Rosi 27. Juli 2020
    Antworten

    ich mache auch lieber etwas anderes als putzen ;)

    so einen Fall mit Tötung der zu Pflegenden hatten wir auch
    bei einer Bekannten hatte sich der Mann immer um alles gekümmert
    auch um die kranke Schwiegermutter
    als er starb war sie völlig überfordert und tötete ihe Mutter und wollte selber aus dem Leben gehen
    was ihr aber nicht gelang
    nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie kam sie wohl wieder heim
    wo sie es dann mit „Erfolg“ durch führte :(
    auch sie hätte nie jemanden Fremdes ins Haus gelassen
    denn da war es chaotisch ..
    man sollte vielleicht mehr auf pflegende Angehörige zugehen
    und öfter nachfragen bevor sie überfordert sind
    dann nehmen sie vielleicht eher Hilfe an

    liebe Grüße
    Rosi

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