Schöne Bescherung.

Ich wollte ihnen an dieser Stelle eigentlich eine besinnliche Geschichte erzählen, irgendwas über Heiligabend, das böte sich in dieser Jahreszeit ja durchaus an. Nun bin ich kein Freund von Heiligabend-Gedöns, um es mal vorsichtig zu formulieren, und ein Freund von Besinnlichkeit bin ich eigentlich auch nicht. Und überhaupt. Jedenfalls muss ich jetzt stattdessen mal was über Land-Krankenhäuser sagen, aus Gründen, naja, Sie wissen schon.

Heutzutage ein Krankenhaus zu betreiben, ist ja nun offensichtlich nicht vergnügungssteuer-pflichtig. Wenn Sie kommunaler Träger sind, schon zweimal nicht. Und wenn Ihr Krankenhaus dann auch noch auf dem Land steht, irgendwo in der vermeintlichen Provinz, na dann: Prost Mahlzeit.

Jede Menge Krankenhäuser im ländlichen Raum stecken tief in den roten Zahlen, ja, da staunen Sie. 12 Mio Euro Miese wird die hiesige Klinik mit ihren zwei Standorten in diesem Jahr vermutlich einfahren. Das Krankenhaus im reichen Nachbarkreis macht übrigens ähnlich hohe Schulden, nur spricht darüber niemand. Was sind schon acht, zehn oder zwölf Millionen? Der reiche Landkreis deckt das Defizit mit einem müden Lächeln.

Den Kommunalpolitikern hier im strukturschwachen Odenwald hingegen bleibt das Lächeln längst im Halse stecken. Denn die Defizite fressen dem Landkreis quasi die letzten Haare vom Kopf. Die allerletzten. Und damit den einzelnen Gemeinden vor Ort, denn die bringen ja über die Kreisumlage das Geld, das der Landkreis ausgibt.

Aber auch die Kommunen pfeifen finanziell schon lange auf dem letzten Loch, zumindet die meisten von ihnen. Wenn irgendwann Bürgermeister und Gemeinderäte die dringend nötige Schulsanierung streichen müssen, weil das Krankenhausdefizit steigt und steigt und der Kreis deswegen die Umlage nach oben schraubt und schraubt – dann kann irgendwas nicht stimmen.

Aber was stimmt denn da nicht? Ach, es ist kompliziert. Aber ein paar Sachen habe ich verstanden, so halbwegs: Die Gesundheitspolitik ist schuld. Weil sie zum Beispiel nicht anerkennen will, dass Krankenhäuser im ländlichen Raum anders funktionieren müssen als Krankenhäuser in der großen Stadt. Weil Patienten auf dem Lande anders sind als Patienten in der großen Stadt. Weil die gesamte Bevölkerungsstruktur eine andere ist, demografisch und so weiter. Weil aber die alte Dame mit der Blutdruckverwirrung oder dem kurzfristig entgleisten Zuckerwert die volle Zuwendung erwartet und bekommt, finanziell leider aber gar nichts bringt.

Weil die Notaufnahme ständig voll ist, seit es immer weniger Hausärzte auf dem Land gibt. Weil jeder Notaufnahme-Patient im Durchschnitt über 100 Euro Kosten verursacht, das Krankenhaus aber pro Patient nur 30 Euro-ungrad erstattet bekommt. Weil immer mehr Dummbratzen meinen, es sei eine gute Idee, Samstags abends mit dem seit vier Wochen eingewachsenen Zehennagel in die Notaufnahme zu humpeln. Oder mit der seit acht Tagen vereiterten Wunde. Am besten voher noch den Notarzt rufen, da kommen die mit Blaulicht und ich spare mir die lange Wartezeit im Krankenhaus, haha! Und wehe, wenn die nicht alle sofort springen! Cleverles gibts überall und immer mehr, alles schon gehört.

Weil die Suche nach guten ÄrztInnen und gutem Pflegepersonal auf dem Lande noch mal schwieriger ist als in München, Hamburg und Berlin. Weil in der Not externe Honorarkräfte bezahlt werden müssen, und das ist ziemlich teuer. Wenn ich morgen ausfalle, je nun, dann bleibt meine Arbeit im schlimmsten Fall mal ein paar Wochen liegen. Die treuen Radiohörer werden’s überleben. Aber wenn der hauseigene Chirurg morgen ausfällt – je nun, dann bleiben die Patienten eben ein paar Wochen unbehandelt, oder wie?

Weil viele Fachärzte offenbar immer noch lieber nach auswärts überweisen und nicht ins kreiseigene Krankenhaus. Warum auch immer. Der Prophet im eigenen Land und so. Weil sie vielleicht vor 34 Jahren mal schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich habe keine Ahnung. Weil die Patienten dann nicht nachfragen. Weil: der Schwager der Nachbarin, dem sein Cousin, der hat auch mal was ganz Blödes erlebt in den Kreiskrankenhäusern, also dann besser nicht dort hin im Falle eines Falles. (Das sind dann womöglich die, die am lautesten schimpfen, wenn es eines Tages keine vernünftigen Krankenhäuser mehr gibt auf dem Land.)

Weil Vieles vielleicht einfach schlechtgeredet wird. Auch so eine deutsche Angewohnheit. Reinigungskraft unfreundlich: die ganze Klinik Mist. Eine Ärztin im Streß kurz angebunden: die ganze Klinik Mist. Essen schmeckt nicht: die ganze Klinik Mist. Hier sind zuviele Ausländer!, maulte vor Monaten jemand neben mir in der Notaufnahme, mit Blick auf die diensthabenden Ärzte aus dem fernen Morgenland. Leider war ich aufgrund rockender Gallensteine seinerzeit nicht schlagfertig genug, um zurückzufragen Was täten Sie und ich jetzt ohne diese Ärzte?

Ach, es ist kompliziert, ich sagte es bereits. Und ich bin da befangen, zugegeben. Weil ich im kleinen Provinzkrankenhaus bisher nur die besten Erfahrungen gemacht habe. Nicht viele, aber eigentlich nur gute, fast ausnahmslos. Alles immer kompetent und sehr bemüht, alles immer freundlich. Und sei es nachts um Drei. Meine Erfahrung.

Stand heute, 21. Dezember 2019, muß ich sogar noch eines draufsetzen. Es sieht so aus, als hätten die meinem scheinbar kerngesunden und mopsfidelen Geo gewissermaßen das Leben gerettet. Schon lange offenbar saß er Freund Hein auf dessen Schippe, quasi mit einer halben Pobacke und ohne es zu merken. (Sie kennen Freund Hein nicht? Das ist der Typ mit der Sense. Irgendwo hat der angeblich auch noch ne Schippe, ach, was weiß denn ich.) Da haben sie in Minutenschnelle das Nötige veranlasst und ihn damit heruntergezerrt von der Schippe, mit vereinten Kräften und in allerletzter Sekunde. Den Rest haben dann heute freundliche Spezial-Spezialisten in Würzburg erledigt.

Schippe hin, Sense her: Freund Hein (Stand heute) kann uns mal, und ich bin einfach nur sehr dankbar. Das wird man wohl noch sagen dürfen.

Und übrigens: Frohe Weihnachten allerseits.

*Falls Ihnen doch mal eine mißgelaunte und genervte Pflegekraft begegnen sollte: Schauen Sie sich für einen Moment auf der Station um, begucken Sie sich die anderen Patienten, denken Sie über Arbeitsbelastung, Dienstpläne und Gehaltsbögen nach. Oder über die eigene Anspruchshaltung. Das hilft. Und macht dankbar und mitunter sogar demütig. Oder Sie machen es wie mein halbitalienischer Onkel, Gott hab ihn selig. Er baute sich vor miesepetrigen Verkäuferinnen, Sekretärinnen, Arzthelferinnen auf, mobilisierte seinen gesamten halbitalienischen Charme und sagte Wissen Sie eigentlich, wie wunderschön Sie wären, wenn Sie nur einmal lächeln würden? Das war natürlich reichlich chauvi-mäßig, half aber. Fast immer.

14 Kommentare

  1. Das mit dem Krankenhaus auf dem Lande kenn ich auch, habe mich gestern noch mit meiner Ma unterhalten, dass das Land für die Politik immer unwichtiger wird und auch da Gesellschaft auseinander klafft. Zu wenige Stimmen wohnen da und die sind doch eh konservativ und so. Denen wird auch Mal Ebene das versprochene Handynetz gestrichen. Krankenhäuser müssen sich was einfallen lassen, sprich da steckt Mal wieder so viel persönliches Engagement hinter. Allerdings haben drum rum auch genug geschlossen.
    Aber was ich eigentlich schreiben wollte: Gute Besserung! Gott sei Dank und trotzdem irgendwie frohe Feiertage!
    Nina

  2. Da muss man zustimmen !
    Ich wohne in einer Kleinstadt, aber da läuft es ähnlich ab.
    Leider, aber was kann man als Einzelner machen?
    Beten und Hoffen.
    In diesem Sinne, fröhliche Weihnachten und entspannte Tage
    Jutta

  3. Warum werden eigentlich die Regelungen der Gesundheitsreform wie Naturgesetze durchgesetzt, sie sind doch von Menschen gemacht und könnten revidiert werden? Da soll das Krankenhaus kostendeckend arbeiten nach Pauschalvergütung für alles, sowas können sich doch nur BWL/VWL-ler ohne Praxiserfahrung ausdenken. Die gute Behandlung von kranken und alten Menschen ist eine Grundaufgabe der Gesellschaft.
    Tausend gute Wünsche für den Maler-Gatten!

  4. Da hab ich ein bisschen geschluckt, erstens, weil ich euch persönlich kenne und zweitens, weil mir die Situation mit einem Partner in diesem Alter ja mehr als geläufig ist. Freu mich sehr, dass es gut gegangen ist!
    Ja, seit das Gesundheitswesen ein Geschäft geworden ist, sagen auch die, die mittendrin stecken, ist es ein Vabanquespiel geworden und recht unmenschlich. Wobei man immer noch auf erstaunliche Menschen trifft.
    Also, jetzt feiert ein besonderes Fest um euch und für euch!
    Herzlich
    Astrid & Dietmar

  5. Während der Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen hatten wir einen „Lernberater“ (frag bitte nicht, was der Quatschbegriff soll), der von seiner Zeit in der Verwaltung eines KHs erzählte. Er hat sich irgendwann umorientiert, da er die finanziellen Kapriolen nicht mehr ertragen konnte, und wurde dann Lehrkraft.

    Euch beiden von mir geruhsame Feiertage und eine gute Erholung!

  6. Gute Erholung dem Herrn Gemahl – und den halbitalienischen Onkel hätte ich als nichtlächelnde Personaline ehrlich gestanden für so einen Spruch lieber in den Hintern getreten als ihm dafür auch noch ein Lächeln zu gönnen ;-|

  7. Die besten Besserungswünsche, am Liebsten einen Schüttgutlaster voll. Wünsch‘ ich.

    (Theamik tausch‘ ich gegen Thematik, natürlich.)

    Und feine Weihnachten und so.

  8. Auch von mir gute Besserung Ihrem Gatten! Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist, mein Gatte hatte vor drei Jahren einen Schlaganfall. Von jetzt auf sofort steht das Leben Kopf und alle Prioritäten verschieben sich. Aber dank traumhafter Ärzte und Ärztinnen, hingebungsvoller Pflegerinnen und sehr kompetenter Therapeuten und Therapeutinnen ist er wieder fast der Alte….. Und das wünsche ich Ihrem Mann auch!
    caterina

  9. „mobilisierte seinen gesamten halbitalienischen Charme und sagte Wissen Sie eigentlich, wie wunderschön Sie wären, wenn Sie nur einmal lächeln würden? Das war natürlich reichlich chauvi-mäßig, half aber. Fast immer.“

    Benissimo und breit grinsend – es läuft gerade Kopfkino;-)

    Und recht haben Sie auch noch!

    Von daher Ihnen ebenfalls eine frohe und besinnliche Weihnachtszeit und auch den Unterschätzten im Gesundheitswesen und anderswo an den wichtigen Stellen der Gesellschaft und wo es erst auffällt, wenn sie fehlen…

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