Steinmänner.

Das passiert mir immer wieder: ich stolpere durch den Wald vor der Haustür, ich latsche so vor mich hin in Gedanken, und dann verlaufe ich mich prompt. Ja, nach all den vielen Jahren verlaufe ich mich tatsächlich und gerate auf Wege, auf denen ich noch nie zuvor gegangen bin.

Herrjeh, wo bin ich?

Angst bekomme ich da inzwischen keine mehr, trotz meines komplett non-existenten Orientierungssinns. Ich kann ja nicht mal einen Kompass bedienen, ja, da wundern Sie sich. Nach all den Jahren aber ahne ich zumindest grob die Richtung oder erkenne an irgendwelchen Lichtungen und Kreuzungen dann doch wieder vertraute Wege.

Jedenfalls fühlt es sich immer wieder an wie ein kleines Abenteuer, und wenn es ganz dicke kommt, dann bilde ich mir ein, auf diesen Pfaden, durch dieses Dickicht, fern ab jeder Zivilisation, sei noch nie ein Mensch vor mir gegangen. Ich fühle mich dann wie der olle Amundsen bei seiner ersten Expedition am Nordpol. Oder am Südpol. Nur, dass ich da draußen nicht ganz so warm angezogen bin wie der gute Amundson und seine Leute, Badisch-Sibirien hin oder her. Naja, Sie wissen schon.

Ich denke dann also über die unberührte Natur nach, in die in den vergangenen Jahrmillionen der Erdgeschichte noch nie ein menschliches Wesen seinen Fuß gesetzt hat (bis ich mir hierher verlaufen habe), und dann steht da plötzlich, Zack!, ein Steinmann vor mir. Nicht Steinbrück, nicht Steinmeier, Gott bewahre, sondern Stein-Mann. Steinmännchen, sozusagen.

Händiknipse mal wieder. Glauben Sie, ich schleppe die fette Kamera mit in die Wildnis?

Da war also tatsächlich einer vor mir da. Vielleicht stammt diese Steinpyramide, offiziell Steinmännchen, natürlich noch aus früheren Jahrtausenden, vielleicht hat ein Homo heidelbergensis den Steinmann hier aufgestellt. Der wohnte ja hier in der Nähe, der Homo heidelbergensis, und er hat mit Frau und Kindern bestimmt auch mal Ausflüge in den Odenwald gemacht, so stelle ich mir das jedenfalls vor. Machen Familienväter aus dem Rhein-Neckar-Kreis ja gerne, sowas. Oder es war irgendein stinknormaler Wanderer, einer wie ich, der hier die Steine kunstvoll aufeinander gestapelt hat, um zu zeigen Ich war da.

Touristen, die an Gewässern Urlaub machen, bauen besonders gerne Steinmänner. Hab ich im Zuge meiner diesbezüglichen intensiven und nahezu wissenschaftlichen Recherche gelesen. Ob an der Isar oder auf den Balearen, – wo Wasser ist, und Kiesel, da wird gestapelt, was das Zeug hält. Die Leute haben im Urlaub offensichtlich Langeweile. Googlen Sie mal nach Bildern zum Thema Steinmännchen oder Steinpyramide, da versteinert man vor lauter Steinen. Was früher ein fast überlebenswichtiges Instrument zur Weg-Führung in den zerklüfteten Bergen war, hat sich zu einer Art Volkssport entwickelt.

Neulich durfte ich mit einer Geopark-Rangerin durchs Odenwälder Gelände stapfen. Nicht, damit ich mich bloß nicht wieder verlaufe, nein, nein, sondern im Zusammenhang mit einer kleinen Reportage. Und wie wir da durch unwegsames Gelände kraxelten, immer bergauf, über Stock und Stein, da stand natürlich am Wegesrand plötzlich wieder ein Steinmännchen. Und da!, noch eins. Und dort hinten auch. Ach, wie hübsch!, keuchte ich und nutzte die Gelegenheit, um kurz stehen zu bleiben und unauffällig zu verschnaufen. Gar nicht hübsch!, sagte die Geopark-Rangerin streng und kraxelte völlig ungerührt weiter.

Ihr gingen die Steinmännchen inzwischen gehörig auf den Zeiger, sagte sie, als wir dann am Ziel angekommen waren. Überall müssen Menschen in die Natur eingreifen, nichts können sie so lassen, wie es ist, sagte sie, und überall müssen sie ihre Spuren hinterlassen. Die ganz Schlimmen hinterlassen ihren Dreck. Weil sie die volle Sprudelflasche zwar in den Wald hineinschleppen – aber die leere hinterher nicht wieder mit nach Hause tragen können. (Ersetze Sprudelflasche durch Einwickelpapier, Plastiktüten, Chipstüten, Plastikflaschen, Bierdosen, Kronkorken etc)

Die Anderen klauben am Strand oder im Unterholz, im Wald und im Gebirge Kiesel oder Geröll oder Buntsandsteinbröckchen zusammen und hinterlassen die Steinmännchen. Ich! war! hier!, soll das heißen. Warum auch immer. Im Internet habe ich gelesen, dass die das aus Verbundenheit mit dem Ort machen. Der hat ihnen also offenbar so gut gefallen, dass sie ihn gleich mal ein klitzekleines bisschen verändern müssen, und ihm ihre Handschrift aufdrücken. Oder als Teil einer Massenbewegung. Hui, hier stehen, schon 1.352 Steinmännchen am Strand, da baue ich doch ganz originell-individuell noch einen dazu! Bei wikidingsbums ist außerdem noch die Rede von der symbolischen Inbesitznahme eines Ortes.

Ja, Steinmännchen sehen hübsch aus, und ich bewundere das Können mancher Zeitgenossen, olle, krumpelige, schiefe, krumme Steine dermaßen zu stapeln. Aber symbolische Inbesitznahme eines Ortes klingt unsympathisch. Aber sowas von. Und mit Steinmännchen ist es ja offenbar ähnlich wie mit Peepshows oder Spielhöllen: Wo eine kommt, siedeln sich schon bald die nächsten an.

Einigen wir uns darauf: Es ist kompliziert.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen sehr gelungenen Eintrag, da sollten sich manche mal Gedanken machen! Ich plaudere mal wieder aus dem Nähkästchen: Von der Waldau hatten wir es schon. Nun ist es so, das „dort oben“ ein Spielplatz am Waldrand ist, eine kleine Imbißbude (mit Toilette) und ein Restaurant der gehobenen Klasse (mit Toiletten). Jetzt ratet mal alle, wer seinen Kleinen fröhlich-verschämt im Wald die Hintern putzt. Sagen wir mal, 3 Gehminuten von beiden Toilettenorten entfernt.
    Es stinkt dann übrigens nicht mehr nach den Wildschweinen im dazugehörigen Gehege, sondern nach den menschlichen einen. Wie die Wildschweine, das Rotwild, die Hirsche das ertragen, keine Ahnung.
    (Nichtsdestotrotz gehe ich gerne dorthin. Je weiter man sich nämlich entfernt, desto mehr hat man seine Ruhe, in jedem Lebensbereich. Irgendwo ganz weit hinten beginnen dann Rheinbach und Meckenheim, Godesberg und Alfter. Da kommen nur noch entspannte Sportler, Hundehalter und Vogelgucker hin. Keine Freiluftscheißer. Lach.)

    Liebe Grüße und einen schönen Wochenstart!

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