Tischlein Deck dich.

Am Anfang sind die Kellner und die Köche immer erstmal nach hinten gerannt, wenn Gäste kamen. Richtung Küche, Richtung Speisekammer, Richtung Klo. Das ganze Personal: geflüchtet. Vor lauter Schreck und Angst. Gäste! Zu Hilfe! Nix wie weg. Bloß schnell unsichtbar werden. Wie sollen wir denn mit Gästen fertig werden? Herrjeh.

Nur ich bin natürlich nicht geflüchtet, sagt Tim und strahlt. Ich hatte ja auch Erfahrung. Tim hat mal bei seinem Bruder in einem Hotel mitgeholfen, wenn ich das richtig verstanden habe, und deswegen ist Tim so ziemlich mit allen Wassern gewaschen, was den Umgang mit Gästen angeht. Oder irgendwie sowas in der Art zumindest.

Tim und ein paar andere Jungs vom Sonderpädagogischen Bildungszentrum in Buchen bieten seit ein paar Monaten einmal in der Woche ein Mittagssüppchen an, inklusive Kuchen und Kaffee. Auf Spendenbasis, in Räumen des Mehrgenerationenhauses im Städtchen. Eine Berufsvorbereitende Maßnahme für Jugendliche, die aufgrund kognitiver Defizite als nicht ausbildungsfähig gelten, wie das offiziell heißt.

Montags denken die Jungs zusammen mit ihrer Lehrerin über ein Rezept nach, machen den Einkaufszettel, klappern danach Geschäfte und Supermärkte ab. Dienstags wird dann ab morgens geschnippelt und geputzt, gewürzt, gedünstet und gekocht. Die Vorgabe: ein einziger, riesiger Topf muss für die Zubereitung reichen, denn die Küche ist klein.

Und mittags kommen dann die Gäste.

Inzwischen flüchtet keiner mehr vor den Gästen, sagt die Lehrerin Brigitte Jahn und lacht ihr fröhliches Lachen. Inzwischen sind die Jungs mit Feuereifer dabei. Manchmal mit liebenswertem Übereifer. Servieren voller Begeisterung die Suppe mitunter schon, während der Gast noch nicht mal Hut und Mantel abgelegt oder gar Platz genommen hat, fragen lieber fünfmal statt einmal nach weiteren Wünschen, die sie dem Gast erfüllen könnten. Brigitte Jahn ruft ihnen manchmal etwas zu, quer durch den Raum, kleine verbale Hilfen und Unterstützung. Oder sie flüstert im Vorbeigehen Tipps und Hinweise, die von den Jungs sofort umgesetzt werden. Vorbildliches Engagement, würde man das auf der Berufsschule, Abteilung Gastronomie, vermutlich nennen.

Berufsschule schaffe ich nicht, sagt Tim. Wegen meiner Lernschwäche. Die Prüfungen würde er nie und nimmer bestehen, meint er. Nicht mal die als Gärtner. Dabei wäre er so gerne Gärtner geworden, ich habe schon als Kind am liebsten mit dem Spaten im Garten gebuddelt. Jetzt halt Berufsvorbereitung in Sachen Gastronomie. Die blöde Lernschwäche. Küchenhelfer vielleicht. Irgend sowas. Falls sich ein Arbeitgeber findet für Jungs wie Tim. Ein ganz normaler Arbeitsplatz: das wärs, sagt er.

Jede Woche wird es ein bisschen voller beim Mittagessen. Es kommen alte Leute, die sich freuen, in Gesellschaft zu essen. Junge Mütter mit Babies. Berufstätige, die um die Ecke arbeiten und das Projekt unterstützen möchten. Flüchtlingsfrauen, die mal unter Menschen wollen. Gegessen wird an großen Tischen, alles sitzt durcheinander, laut und fröhlich. Kinderspielzeug liegt auf dem Boden, und Säuglinge werden von Arm zu Arm gereicht. Das Wort Mehrgenerationen ist dienstags mittags prall mit Leben erfüllt. Wer kann und mag, gibt am Ende ein paar Euro in die Spendenkasse. Von der werden die Einkäufe bezahlt. Und irgendwann ein Ausflug für die Jungs, nach Berlin.

Lehrerin Brigitte Jahn.

Wenn die letzten Gäste gegangen sind, müssen die Jungs abräumen, spülen, den Raum putzen und wieder in seinen Ursprungszustand versetzen. Dann haben wir Feierabend. Bis zum nächsten regulären Schultag. Und bis zum nächsten Dienstag, wenn wieder Gäste vor der Tür stehen, mit Hunger und Durst.

Aber wir haben ja keine Angst mehr, sagt Tim und grinst. Wir wachsen! Jedes Mal wachsen wir! Und dabei breitet er mit großer Geste die Arme aus, so weit, als wollte er fliegen.

Wenn Sie mal zum Suppe-Essen gehen möchten, oder auf einen Kaffee und ein Stück leckeren Kuchen: hier (Klick!) finden Sie Ort und Zeit. Ich kann das alles sehr empfehlen.

14 Kommentare

  1. Zu diesem Teil „aufgrund kognitiver Defizite als nicht ausbildungsfähig gelten“ habe ich mir kräftig auf die Zunge beißen müssen und dann überlegt, ob ich es heraushaue, oder nicht.
    Ich tu’s.

    Wenn ich so eine Charakterisierung lese, was sollen dann die angeblich kognitiv-gesunden sein??
    Junge Menschen, die ein Reifezeugnis ausgestellt bekommen, dessen sie nicht gerecht werden, die schädliches Verhalten an den Tag legen, grob fahrlässig handeln, bösartig und gehässig sind, grob und aggressiv, die ihre Arbeit nicht ernst nehmen, unwillig sind und sofort rumpampen, wenn man ihnen was sagt?

    Wäre ich Arbeitgeber, meine Tendenz wäre klar. Auch, wenn man dann zum Beispiel Tim nicht für alles einsetzen könnte. Jemand der lieb, bissel schüchtern, fleißig ist, so jemand ist in meinen Augen Gold wert.

    Ich wünsche den Jungs alles Beste und viel Erfolg, damit sie der Maxime Schneller-weiter-besser-asozialer nicht zum Opfer fallen, sondern gut unterkommen!

      • Laß mich raten, Du hast da auch schon einiges erlebt?

        Ich hab übrigens mal eine ganz doofe Frage wegen der DSGVO: Welche kostenlose Hilfe nimmt man da am besten für WordPress? Gibt es da vielleicht eine gute Hilfeseite, bei der man nicht erst ein Informatikstudium abschließen muß?

          • Du hast dich geschickt um eine Antwort auf Frage 1 laviert. Lach! Laß dich nicht ärgern, mich hätte es interessiert, was andere schon so erlebt haben.

          • Ich stehe leider ganz auf dem Schlauch…. in welcher Hinsicht selber “erlebt“? 🙄

  2. Da fühl ich mich hier absolut verstanden, denn ich kann aufgrund meines Krankheitsbild ebenfalls ein Lied davon singen. Am schlimmsten sind die Lügen, die mir angedichtet wurden (werden), mein Rücken ist zwar nicht breit, aber, hihi, es geht viel drauf.
    Wünsche ein schönes Wochenende!

  3. Danke, hab außerdem den Ruf ein Dickkopf ähm Kratzbürste zu sein, mit mir isses halt nicht immer so einfach – übrigens bin ich die Gerda. :-)
    LG

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