Komplimente.

Nie bekomme ich hier im Odenwald Komplimente. Ich kann mich so schön machen, wie ich will, also, ich kann mir zumindest einen Haufen Mühe geben, größere Euro-Beträge in flüssiger und pudriger Form ins Gesicht schmieren, Haare stylen, dass es kracht, Fingernägel lasziv lackieren, schicke Schühchen, kurzes Röckchen, ach, es hilft alles nichts. Kein Kompliment, nirgends. Hier müssen Sie sich jetzt ein leises Schluchzgeräusch vorstellen.

Nicht, dass Sie meinen, ich bräuchte sowas. Also, Komplimente. Ich bin ja eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, ja, nachgeradezu mit feministischen Zügen, und ich brauche diesen ganzen Komplimentequatsch natürlich überhaupt nicht, er ist mir so gesehen fast zuwider. Ehrlich, aber sowas von. Erneutes unterdrücktes Schluchzen.

Das heißt, manchmal bekomme ich natürlich doch Komplimente. Solche, die es vermutlich nur auf dem Lande gibt. Komplimente von echten Kennern der Materie. Wenn ich in verschlammter Gummihose und verdreckten Gummistiefeln* auftauche. Kenner der Materie schauen mir nur kurz in Gesicht, um mit ihren Blicken dann ausgiebig das Schuhwerk abzuscannen. Manche sagen sogar Oh! und nennen noch den Namen des Gummistiefelherstellers.

Ebenso bei diesen komplett unförmigen Lederbotten. Schwer, aber warm, handgemacht, aber klobig. Sündhaft teuer, aber eine Anschaffung fürs Odenwälder Leben. Ich habe mir sie mal zu einem runden Geburtstag schenken lassen. Mit denen an den Füßen geht frau nicht, sie latscht. John Wayne und so, naja, Sie wissen schon. Oder Spiel mir das Lied vom Schuh äh, Tod. Ladylike ist jedenfalls anders.

Neulich traf ich einen Landwirt, der seinen Blick kaum von dem Schuhwerk lösen konnte, der all seinen Mut schließlich zusammennahm und mir im Überschwang der Gefühle leicht mit seiner vermodderten Schuhspitze an meine vermodderte Schuhspitze tippte. Seeehr gut, sagte er und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Manchmal, wenn das Wetter oll ist und ich zu einem offiziellen Outdoor-Termin muss, dann sagt mein Geo morgens Aber Du kannst doch bitte nicht mit diesen Schuhen…. und er meint die dicken Botten. Ich kann nicht nur, ich muss sogar, erwidere ich dann, das ist eine Frage von Respekt und Anerkennung. Und fishing for compliments, zugegeben. Aber das muss mein Geo ja nicht wissen. Also ziehe ich aus Eitelkeit die hässlichsten Treter an.

Im Leben nicht wäre ich in Berlin in derlei Schuhen auf die Straße gegangen, ich bitte Sie. Durch Neu-Westend mit Gummi- oder klobigen Lederbotten? Es wäre zumindest merkwürdig. In der Stadt.

In der Stadt funktioniert das ja auch mit den Komplimenten noch ganz anders. Für meine Gummistiefel hat sich da, soweit ich weiß, noch niemand interessiert. Da gucken Männer offenbar einfach anders, da setzen sie andere Prioritäten. Da wird es noch gewürdigt, wenn unsereiner in Röckchen und Schühchen daher kommt, und vorher einen halben Tag damit zugebracht hat, sich ordentlich aufzudonnern. Ja, ja.

Ich war da zum Beispiel gestern bei einem Empfang in der großen Stadt, und dementsprechend angezogen und herausgeputzt. Lauter feine Leute, lauter Männer in führenden Positionen, lauter Regionalprominenz. Die wissen noch, was sich gehört.

Mit einem der Herren komme ich ins Gespräch, ein treuer Radio-Hörer, ich nenne meinen Namen, der ist ihm, ebenso wie meine Radiostimme, wohlbekannt. Nur hat er mich noch nie in Natura gesehen. Sie sind das?, fragt er mit maximaler Verwunderung. Ja, antworte ich, in der traurigen Gewissheit, dass die meisten Hörer bei meiner dunklen Stimme ein rassiges schwarzhaariges Vollweib erwarten und dann, nun ja, enttäuscht sind

Sie sind das??, fragt er nochmal entgeistert, und nochmal bestätige ich das.

Ich hatte Sie mir schlimmer vorgestellt, sagt er.

So gesehen: grundehrliche Komplimente – können die Städter also auch.

Schluchzgeräusch, fortissimo.

Ja, ich schreibe immer mal wieder über die Sache mit den Stiefeln, sorry, aber es ist so schön, ich komme da nicht drüber weg. Und die Gummi-Stiefel musste ich hier natürlich auch wieder erwähnen, für den Freundeskreis Gummi. Dessen Mitglieder landen immer mal wieder wider Willen hier auf diesem Blog, weil sie über die Eingabe des Wortes Gummi, in Kombination mit allerlei mehr oder eher weniger jugendfreien Begriffen von den Suchmaschinen hier hergelotst werden. Sie verstehen, dass ich die nicht ganz enttäuschen will.

17 Kommentare

  1. Ein schepperndes Lachen von mir! Für den gesamten Artikel, es ist zu schön!!
    (Die Gesichter der Gummi-Fetischisten würde ich übrigens gerne mal sehen, wenn sie hier landen. Ahem. =D)

    • Einfach hier im Blog mal nach dem Stichwort *gummistiefel* suchen, es gibt da mehrere Links und Experten-Diskussionen…😀

  2. Ich wäre ja eher an den Botten vom Foto interessiert, wenn ich da mal vielleicht bitte eine Marke… oder einen Link…. ich finde die nämlich eher schön als unförmig (zumindest, was man sieht) und möchte endlich, endlich mal ein Paar Schuhe haben, mit denen man trockenen Fußes zumindest mal durch den Garten oder die Flensburger Fußgängerzone bei Regen laufen kann. (Früher mal war das normal, aber sämtliche Schuhe, die ich derzeit habe, sind dazu auch imprägniert nicht in der Lage!)

  3. Danke sehr!!
    Leider nur für große Füße (Schuhe erst ab 38, das geht nicht mal mit Einlagen drin….)
    vielleicht frage ich mal an, aber dafür muß ich sie mir erstmal in echt irgendwo angucken.

Schreibe einen Kommentar zu ninak. Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.