Susanna.

Ich kenne ihren Namen, ich kenne den Ort, wo sie gelebt hat, ich kenne die Geschichte ihres Todes, und ich kenne ihr Grab und war schon manches mal dort. Aber noch nie hatte ich ein Bild von ihr gesehen. Bis es dieser Tage auf meinem Rechner aufpoppte.

Susanna Stern. 
Foto: Bezirksmuseum Buchen, Bildarchiv Karl Weiß

Das Foto ist irgendwann um 1910 aufgenommen, vom Buchener Fotografen Karl Weiß. Susanna Stern wirkt schon da für mich wie eine vergleichsweise alte Frau. Geboren 1857 in der Pfalz, hat sie irgendwann den Viehhändler Moses Stern geheiratet, die beiden wohnen in Eberstadt bei Buchen im Odenwald.

Am 10. November 1938 ist Susanna schon 81 Jahre alt, eine verwitwete Greisin, wie es in den Archiven heißt. An diesem Tag bekommt sie, wie so viele Juden in der Region, Besuch. Bei der alten Frau erscheint der NS-Ortsgruppenleiter von Eberstadt, Adolf Heinrich Frey. Mit 26 Jahren vermutlich ein Bübchen in Susannas Augen. Noch dazu eines, das sie von Geburt an kennen dürfte. Wie das so ist auf dem Dorf.

Adolf Heinrich fordert die Alte auf, mitzukommen ins Spritzenhaus der örtlichen Feuerwehr, da hin, wo die Juden des Ortes eingesperrt und schikaniert werden sollen an diesem Tag, überall im Odenwald. Susanna weigert sich, sie setzt sich stur auf ihr Sofa und zankt mit dem Jungen. In Erzählungen habe ich gehört, sie sei geradezu höhnisch geworden dem bewaffneten Kerl gegenüber, schieß doch, los, schieß mich doch tot!, soll sie gerufen haben.

Das tut der junge Mann dann auch, mit drei Schüssen, zuerst in den Körper; als Susanna sich noch regt, feuert er angeblich einen letzten Schuss direkt in ihren Kopf ab, zwischen die Augen, aus nächster Nähe. Seine Heldentat meldet er danach den Vorgesetzten.

Diese Geschichte ist grauenhaft genug, aber seit ich das Foto von Susanna gesehen habe, kommt sie mir noch grauenhafter vor. Es ist ja eine alte Weisheit, dass wir auf Bilder nochmal neu und anders reagieren, hier bewahrheitet sich das für mich einmal mehr. Fotos dulden keinen Widerspruch, keine Ausflüchte, kein Naja, ist ja schon so lange her.

Umso wichtiger und großartiger finde ich die Arbeit eines Teams rund um das Buchener Bezirksmuseum. Tausende, zehntausende von Fotos lagern dort, aus dem Bestand des Fotografen Karl Weiß. Fotos von ganz normalen Bürgern, Fotos von Kriegsgefangenen, Fotos jüdischer Familien. Sie alle, jedes einzelne von ihnen erzählt irgendeine Geschichte, und seit Jahren recherchieren ein paar Ehrenamtliche diesen Geschichten hinterher.

Sie sortieren den Bestand, sie digitalisieren Fotos, versuchen mit detektivischer Akribie herauszufinden, wer da wo abgebildet ist, wenn die entsprechenden Vermerke fehlen. Sie fragen herum, suchen Zeitzeugen, besuchen Altersheime, halten Vorträge mit Dias, setzen Puzzleteil um Puzzleteil zusammen. Aus belichteten Glasplatten machen sie die Geschichten. Und Geschichte, Zeitgeschichte. Erwecken Menschen wieder zum Leben und erzählen von Schicksalen. Ein fotografischer Geschichtsunterricht.

Das alles kann man dann digital im Internet anschauen, und ich kann Ihnen das nur empfehlen, insbesondere, wenn sie aus der Region sind und Ihnen Namen und Orte geläufig sind. Wir alle kennen die Themen aus den Geschichtsbüchern und aus dem nicht selten stinklangweiligen Schulunterricht. Aber wenn Sie sich drauf einlassen und die Fotos anklicken, dann schauen Ihnen die Menschen direkt in die Augen und erzählen Ihnen die ganze Geschichte nochmal neu.

Hier ein paar Links:

11 Kommentare

  1. DANKE!
    Kann man gar nicht genug darüber schreiben über den Irr- und Wahnsinn der kackbraunen Jahre!
    Vor einigen Tagen entdeckte ich beim Sichten alter Familienfotos ein Detail, etwas an einer Hauswand, was alle anderen vor mir übersahen, was mich suchen ließ und seither nicht mehr los lässt …
    Herzliche,
    Ev

  2. Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nie, egal wie lange sie her sind!!
    Danke für das Erinnern, das (leider) wieder so wichtig geworden ist. Wir versuchen dies hier in Solingen u.a. mit der Betty-Reis-Gesellschaft, deren Mitglied ich bin. Auch Betty Reis wurde furchtbar missbraucht und später deportiert. Siehe auch: https://betty-reis-gesellschaft.de/

  3. Der Fotograf ist mir bekannt, das Schicksal der Susanna Stern nicht. Aber die Aufarbeitung hat ja auch erst Jahrzehnte nach meinem Wegzug begonnen.
    Danke für die Links! Werde sie gleich verfolgen.
    LG

    • Susanna Stern ist insofern von Bedeutung in der Region, weil sie zunächst mal das einzige Todesopfer dieses Pogroms hierzulande war.

  4. Was für mein Empfinden an dem Ganzen fatal ist: Erst hat es so lange gedauert, bis man überhaupt begonnen hat, sich mit dem Komplex WW II (und auch WW I) auseinanderzusetzen. Und dann tendiert die Gesellschaft wieder in diese ungute Richtung, wenn man gerade am Bearbeiten, Aufarbeiten, der Geschichte ist.
    Mir fiel gestern ein Buch eines Briten in die Hände, der an Deutschland und uns einen Narren gefressen hat. Er beleuchtet – teils humorvoll – die deutsche Geschichte ab knapp Ende des Römischen Reiches bis …, weil er nachvollziehen möchte, was zu diesem Extremismus geführt hat. Unter anderem das Fatale der Kreuzzüge, wenn auf deren Marsch auch gleich mal die heimischen Juden eliminiert wurden. (Dank DSGVO, trau ich mich jetzt nicht mal, den Autor zu nennen. Vielleicht kennt es aber einer der Mitleser auch anhand der Kurzbeschreibung.)

  5. Ich habe Angst, dass das wieder passieren könnte. Denn, ich glaube, dann wäre es auch um mich geschehen. Wehret den Anfängen? Von wegen! Denn sie wissen nicht was sie tun, das sagte Jan Hus schon vor 600 Jahren auf dem Scheiterhaufen…

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