Der Spieler.

Manchmal ist Stefan Schulz genervt. Wenn mal nur zehn oder zwölf Leute im Publikum sitzen, große und kleine, und die grossen dauernd mit dem smartphone herumdaddeln, anstatt mal Richtung Bühne zu schauen. Aber die kleinen Besucher sind meistens ganz gebannt von dem, was sie da sehen, und dann ist Schulz wieder zufrieden. Und glücklich, weil in seinem Element.

Wer mit Stefan Schulz spricht, bekommt den Eindruck, der Mann lebt für seine Marionetten. Und sie durch ihn, das ist ja klar. Er zieht die Strippen, er lässt die Puppen tanzen. Sie freuen sich durch ihn, sie springen juchzend in die Luft oder sacken weinend zusammen, sie verbeugen sich, sie rennen, sie sitzen, sie denken nach, sie reisen um die Welt, sie träumen von Fabelwesen und Zauberern, sie lenken Lokomotiven und Jumbos, sie schlagen und sie küssen sich. Und alles nur durch ihn.

Erst als Erwachsener ist Schulz auf das Marionettentheater gekommen, dann aber gleich richtig. Ich muss nicht auf die Bühne, man sieht mich nicht, und trotzdem kann ich in ganz viele Rollen schlüpfen und den Menschen eine Geschichte erzählen, sagt er in einer merkwürdigen Mischung aus Atemlosigkeit und tiefer Ruhe, die viel über seine Begeisterung verrät. Ja, die Geschichten da auf der Bühne sind Kinder-Geschichten, aber man lernt immer irgendwas Neues und immer irgendwas vom Leben. Wie das halt so ist, beim Theater. Wenn man sich nur drauf einlässt.

Vor einiger Zeit musste Schulz aus seinem ersten kleinen Theater raus und stand vor der Wahl: Entweder das Marionettenspiel aufgeben, oder nach neuen Räumen suchen. Natürlich hätte ich aufgeben können. Dann wären die Puppen, die wir alle selber gebaut und eingekleidet haben, all die Figuren und die vielen Requisiten auf den Müll geflogen. Da hätten Sie mich dann gleich dazuschmeißen können. Auf den Müll.

Alle seine Puppen kennt er mit Namen, er kennt die Charaktere der Figuren, ihre Stärken und Schwächen, ihre Gedanken, Hoffnungen und Wünsche. In großen Glasschränken hängen sie aufgereiht und warten auf den nächsten Auftritt. Der Florian ist und bleibt der Florian, der kann nicht morgen ein Andreas werden oder ein Postbote oder Polizist. Die Räuber bleiben Räuber, der Sultan bleibt Sultan, und das junge Mädchen im Rollstuhl bleibt im Rollstuhl. Die Unsympathischen bleiben unsympathisch, die Netten nett.

Fast ist es, als bildeten sie eine große Familie, er und die Puppen, an seinen Strippen und in den Schränken. Wie er mir die Schränke zeigt, aus denen all die Gesichter herausschauen, warte ich eigentlich nur darauf, dass im nächsten Augenblick eine von ihnen zu uns spricht, Hallo, Stefan! ruft oder mit der Pappmaschee-Hand winkt.

Die Tradition des Marionettenspiels ist uralt und weltumspannend. Schon in der Antike haben Menschen mit Hilfe von Gliederpuppen Geschichten erzählt, haben die Strippenzieher durch die Puppen zum Publikum gesprochen. Schulz möchte nicht, dass die Tradition verloren geht, er möchte sie mit modernen Mitteln weiterführen, weitervermitteln.

Er möchte auch Erwachsene dazu bringen, mal eine Stunde lang still zu sitzen und sich auf die Geschichte zu konzentrieren, auf die vermeintliche Kindergeschichte, die am Ende vielleicht gar keine reine Kindergeschichte ist. Sich Zeit nehmen für etwas, was im ersten Moment wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Eine Stunde lang mal ohne Blick auf die neuesten news und Chats auf dem blöden smartphone, ja, ist denn das zuviel verlangt? Mit den blöden Smartphones steht Schulz auf Kriegsfuß. Da stehen tatsächlich Eltern während der Vorführung auf und gehen mit dem Handy raus. Der Zeitgeist. Es gibt Dinge auf der Welt, die versteht Stefan Schulz nicht. Die will er auch gar nicht verstehen.

Vielleicht, ich weiß es nicht, aber vielleicht reicht es ihm manchmal sogar, mit seinen Puppen zu spielen, sie zum Leben zu erwecken, mit ihnen eine Geschichte zu erzählen, die von Glück und Trauer handelt, von Wagemut und Angst, von Liebe und Hass und davon, dass am Ende alles immer irgendwie gut ausgeht.

Und wenn dann noch kleine Kinder im Publikum sitzen, die mit offenen Mündern und weit aufgerissenen Augen den Puppen zuschauen, wie sie da über die Bühne laufen und schweben und tanzen, in ihrer etwas ungelenken Art, dann ist der Marionettenspieler wieder ganz in seinem Element.

Im Moment gibt es im Marionettentheater jeden Monat ein anderes Stück zu sehen. Fragen Sie mich nicht, wieder der Mann das macht, der hat ja nebenbei noch einen Beruf. Aber bitte. Nähere Infos bekommen Sie auf seiner Website. Und man kann das Theater auch mal für Gruppen mieten, eine kleine Bar gibts auch. Und für Kindergeburtstage. Und überhaupt. Naja, Sie wissen schon.

6 Kommentare

  1. Mit wieviel Herzblut eine Handvoll Menschen dieses Theater unter Stefans Leitung am Leben halten, kann man wohl erst ermessen, wenn man dort mal zu Gast war.
    Puppen, Dekoration, Elektrik usw, – alles selbst ausgedacht und hergestellt, wie die zauberhaften Geschichten, bei denen stets etwas dabei ist, wo man in sich gehen und auch was fürs Leben lernen kann. Auch als Erwachsener.

    Weiter so, Ihr alle! Ihr könnt stolz auf Euch sein!

    Herzliche Grüße von Heidrun

  2. Ein absolut gelungener Text . Ich war beeindruckt wieviel liebe und herzblut in den Marionetten steckt . Wünsche weiterhin viel Erfolg und jede Menge Spaß bei all deinem/ euren tun . Wenn man etwas mit soviel liebe und Begeisterung tut kann man es auch wunderbar weitergeben . Lb Grüße Andrea

  3. ein schöner Beitrag..
    ich finde es schade dass es wirklich Menschen gibt die zwar bezahlen
    sich dann aber nicht auf die Geschichten einlassen
    (man sollte die Handys einsammeln ;) )
    ich finde es toll dass es so etwas noch gibt
    liebe Grüße
    Rosi

  4. Pingback: Die schlechte Laune des Januarfebruarmärz | Buddenbohm & Söhne

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