Lügenpresse, die Erste.

Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hat da grade einen fetten Skandal am Laufen, der die gesamte Branche erschüttert, zu recht. Ich will Sie da jetzt nicht mit noch mehr Einzelheiten nerven, Sie haben das sicher verfolgt, haben auweia, auweia gestöhnt, so wie ich, oder Typisch Lügenpresse! gesagt, mit diesem höhnischen Unterton, den rechtschaffende Journalisten wie unsereins nachvollziehbarerweise ziemlich ätzend finden.

Der Herr Relotius vom SPIEGEL hat in zahlreichen seiner einstmals preisgekrönten Reportagen mehr oder weniger das Blaue vom Himmel heruntergelogen, um den Sachverhalt mal etwas verkürzt darzustellen, und niemand hat’s bemerkt. Hat man auch nicht unbedingt bemerken können in den Redaktionen, wenn Sie mich fragen, denn schließlich gibt es zwischen guten Chefs und guten Reportern auch immer ein Grundvertrauen, was die wahrheitsgemäße Berichterstattung angeht. Umso mehr, wenn der Chef in Hamburg oder Stuttgart sitzt, und der Reporter unterwegs ist in Honolulu, Hongkong und Hawaii.

Wie dem auch sei. Nun fragen Sie sich, was um aller Welt dieses Thema auf einem Blog über das Landleben im hohen Norden Baden-Württembergs zu tun hat. Ja, das will ich Ihnen sagen. Es gibt da diese eine Geschichte, die der großstädtische Reporter Relotius sich großzügig zusammengelogen hat, die spielt in der Provinz. Da horcht die Odenwälderin natürlich erstmal auf. Genau gesagt, spielt die Story über die Provinz in einem Ort namens Fergus Falls in Minnesota, irgendwo tief in den USA. Und es kommt mir vor, als sei der Name durchaus austauschbar.

Er war vor Ort, in diesem Fergus Falls, für ein paar Wochen, er hat sich umgeschaut, aber offenbar leider nicht das gefunden, was er sich doch so schön im Kopf schon zurechtgelegt hatte und nun also suchte: tumbe, rassistische Provinzler, die mit Waffen rumfummeln und für einen verhaltensauffälligen Präsidenten durchs Feuer gehen würden und sonntags in der Kirche für ihn beten. Allesamt und ohne Ausnahme. Logo.


Suddenly we do matter, but only because everyone wants to be the hero pundit that cracks the code of the current rural psyche. There are only two things those writers seem to have concluded or are able to pitch to their editors — we are either backwards, living in the past and have our heads up our asses, or we’re like dumb, endearing animals that just need a little attention in order to keep us from eating the rest of the world alive.


Michele Anderson, Fergus Falls, Minnesota.

Ja, schreibt Michele Anderson aus Fergus Falls, jetzt plötzlich (rund um die Präsidentenwahl) spielten die Menschen in der Provinz eine Rolle, jetzt kämen die Reporter angelaufen und wollten heldenhaft den Code der ländlichen Psyche knacken. Aber eigentlich sähen die Journalisten doch nur zwei Dinge: Landleute seien entweder völlig rückständig und lebten in der Vergangenheit – oder sie seien wie etwas tumbe Tiere, denen man Aufmerksamkeit schenken müsse, damit sie nicht den Rest der Welt bei lebendigem Leibe verschlingen.

Nun ist das vielleicht ein bisschen überspitzt formuliert, aber die Leute aus Fergus Falls dürften auch wirklich auf Hundertachtzig gewesen sein, nachdem sie seinerzeit den Artikel im Spiegel gelesen hatten. Relotius hatte nicht so viel von dem gefunden, was zu seiner halbwegs vorgefertigten Geschichte im Kopf passte, und er hatte daraufhin aus der Not eine miese Tugend gemacht: munter in die Klischeekiste gegriffen, Gespräche und Gesprächspartner erfunden und am Ende eine Story abgeliefert, die sich genau mit dem deckte, was man sich wohl auch in der großstädtischen Hamburger Heimatredaktion zum Thema Amerikanische Provinz so vorgestellt hatte. Und am Ende waren alle glücklich. Zunächst mal.

Auch die Leser. Gell? Passte das doch alles auch so wundervoll in ihr eigenes Klischee vom Landleben, auch und besonders in Amerika. Gräßlich! Aber genau sooo hab ich mir das vorgestellt, werden sich viele Leser gedacht haben, bevor sie sich wohlig schaudernd im Sessel zurücklehnten. Und ich meine mich zu erinnern, dass es mir ganz ähnlich ging, als ich die Geschichte las.

Ein Symbolbild.

Ich kenne einen Haufen Journalisten, viele persönlich, etliche von Ferne. Das bringt der Job so mit sich. Niemand ist dabei, der lügt. Niemand. Meines Wissens, muß man jetzt vielleicht anfügen, once bitten, twice shy, wie der Engländer sagt.

Ich kenne aber viele Menschen, Kollegen, Hörer, Leser, die eben auf mindestens einem Auge blind sind bei manchen Themen, die eben nur sehen und hören, was sie sehen und hören wollen. Nicht, dass am Ende die eigene Klischeeschublade auseinanderbricht, wo kämen wir da hin? Ich erinnere mich an etliche Geschichten, die ich in den vergangenen Jahren in großen Zeitungen über die kleine Provinz las, prallvoll mit Klischees, triefend vor urbaner Arroganz. Die Chefredakteure und die großstädtischen Leser mögen lächeln, während sich uns Landleuten die viel zitierten Fußnägel aufrollen.

Nein, da war aber tatsächlich nichts gelogen, nichts erfunden, nur eben weggelassen, übersehen, überhört worden. Selektive Wahrnehmung und so, naja Sie wissen schon.

Hallo, Hallo, Klischee, Klischee! möchte man manchen der städtischen Reporter zurufen, will denn niemand mal mit MIR sprechen und MEINE Sicht der Dinge hören? Habt Ihr dieses nicht gesehen und jenes nicht? Warum zeigen Reporter in ermüdender Wiederholung immer wieder Menschen im Blaumann oder im funzligen Stall, wenn’s ums Landleben geht, oder am Stammtisch, Hoch die Tassen? Röhrende Hirsche vor theatralischem Sonnenuntergang, bäääm! Es kotzt mich manchmal an, ehrlich. Und sind wirklich alle Bayerinnen dickbusig und stemmen immerzu kiloschwere Bierkrüge? Und alle Sachsen glatzköpfig und rechtsextrem?

Auch ich überspitze hier natürlich, und Ausnahmen bestätigen die Regel. Im Übrigen bin ich ja auch nicht frei von temporärer Blindheit, wer wäre das schon? Wenn ich privat in meiner alten hassgeliebten Heimat Berlin unterwegs bin, als inzwischen überzeugte Landfrau, dann sehe ich auch nur den Dreck und den Lärm, die armen Bettler und die doofen Hipster. Was anderes kommt mir kaum in den Sinn, es ist wie eine Art Selbstschutz, bloß kein Heimatgefühl aufkommen lassen, bloß das Weltbild nicht ins Wanken bringen. Ich schreibe dann darüber mitunter sogar hier auf dem Blog, alles andere als objektiv. Aber privat ist privat, und Job ist Job. Und ich wüsste, dass ich als journalistische Berichterstatterin ganz anders an eine Großstadt herangehen müsste und würde, offen, vorurteilsfrei, neugierig. Hoffentlich.

Der Herr Relotius hatte sich auch die Geschichte aus der Provinz im Kopf zurechtgelegt, er wusste vorher, was er hören oder sehen wollte, schlichte Charaktere, spießig, rechtslastig, die ganze Region ein bisschen abgefuckt und entwicklungsverzögert, blablabla. Und als das nicht so richtig funktionierte, hat er eben frei erfunden, dass es grad so kracht. Er hat die Sache also auf die Spitze getrieben, um die Wirklichkeit ans Klischee anzupassen. Nicht etwa umgekehrt. Um auch die Leser zu bestätigen, also uns, in unseren Vorurteilen und Klischees.

So gesehen hat er zunächst – so will es mir als Landfrau scheinen – nichts anderes gemacht als viele manche seiner großstädtischen Kollegen offenbar überall auf der Welt, die sich auf einen Reportage-Abenteuer-Urlaub in der Provinz einlassen. Nur ist er halt den einen, entscheidenden Schritt zu weit gegangen.


Unfortunately now, even if it is in German, there is false historical documentation of our community that is not only completely wrong, but that our faces, our landscapes and our community’s name were used for, in service of perpetuating an ugly and exaggerated stereotype during a time when we, in both urban and rural places, need to find ways to understand each other more than to be divided.

Nicht nur, (…) dass der Bericht über unsere Gemeinde völlig falsch ist – unsere Gesichter, unsere Landschaft und der Name unseres Ortes werden auch noch dafür benutzt, die immergleichen hässlichen und übertriebenen Stereotypen zu zementieren. Und das in einer Zeit, in der wir, in Städten und auf dem Land, eigentlich Wege zueinander finden sollten – statt uns auseinanderdividieren zu lassen.

Michele Anderson, Fergus Falls, Minnesota.

Wenn Sie Englisch verstehen, dann empfehle ich Ihnen nochmal den Text von (Klick!) Michele Anderson aus Fergus Falls über seine Gedanken zu der Lügengeschichte aus der Provinz. Aus ihm habe ich die oben genannten Zitate entnommen.

Und wenn Sie die ganze Geschichte von der Arbeitsweise und der Aufdeckung des Herrn Relotius nochmal lesen wollen, bitte HIER entlang.

11 Kommentare

  1. Gerade ist es wieder passiert: Eine nette Dame aus Hamburg rief an. Für RTL. Ob sie nicht eine Homestory bei uns drehen könnten. Über die junge Frau vom Land, die – Achtung: bloggt.
    „Witzig, obwohl es ja auf dem Land kein Internet gibt.“
    Man könnte zusätzlich einen weiteren Blogger vor die Kamera bitten, den ich selbst auswähle, einen aus der Stadt, der sich mit mir unterhält und die Sicht des Zuschauers vertritt.
    Da war ich neugierig: „Wird Ihre Sendung denn in erster Linie von Städtern gesehen? Können Sie das an der Quote ablesen?“
    „Nein, das kann man anhand der Quote nicht rausfinden. Aber wir gehen davon aus.“

    • Bitte sag, dass das nicht wahr ist!!….Und frag sie doch einfach mal nach der Leistungsfähigkeit ihres Internets in Hamburg. Ich gehöre hier mit meiner 50tausender-Leitung zu den Langsamen im Landkreis.Meine Freunde zumindest in Mannheim weinen vor Neid.

      • Ach, ich lasse die Hamburger Redaktionen und sonstigen Leser lieber in dem Glauben, in der Stadt sei alles besser und wir Landeier seien eben nur „trotzdem“ modern. Das gefällt mir. Weil man diese Behauptung aber vermutlich schlecht mit der Kamera abfilmen kann, werde ich sicherlich kein Fernsehteam in mein Haus lassen. Da bräche ja meine Glaubwürdigkeit zusammen… :D

  2. Erschüttert – dieses Wort trifft das alles bis ins Mark.
    Nein, nicht Häme bei mir, sondern einfach nur ermüdende Enttäuschung und Fassungslosigkeit angesichts eines solchen Scherbenhaufens aus nutzlos bedrucktem Papier. Nicht wegen des Magazins, sondern wegen diesem Menschen … was ließ ihn sich so sicher fühlen, das solch ein Lügengebäude nicht auffliegen würde?
    Noch viel schlimmer die Hände, in die er das alles gespielt hat.
    Ach, wäre es doch nur ein Spiel gewesen und nicht so sehr viel mehr. Wir alle haben doch mehr zu verlieren als zu gewinnen.
    Herzliche,
    Ev

  3. Was Ev sagt. Fassungslos.

    Als eine der rühmlichen Ausnahmen möchte ich Henning Sußebachs Wander-Reportagenbuch „Deutschland ab vom Wege“ nennen, der seine Reise bewusst startet, um aus der Großstadt/Akademiker/Medienschaffenden-Blase heraus zu kommen. (Wehe…)

  4. Anfügen möchte ich, dass heute sehr gerne zugezogene Städter die Deutungshoheit des Dorfes für sich beanspruchen – eine These von Dörte Hansen, deren beiden Bücher (*Altes Land*/ *Mittagsstunde*) sich damit auseinandersetzen und die ich beide sehr mag. Dabei droht nämlich ebenfalls wieder eine Klischee: nämlich die Verniedlichung des ländlichen Raumes (… lauter urige Charaktere ect.pp.) Landleben ist nun mal nicht idyllischer als anderswo – nie gewesen – der Mensch hat nur mehr Platz…
    … was in keinster Weise despektierlich gemeint ist – ich schätze deine Gedanken sehr! Schöne Weihnachten!

  5. Auch ich bin manchesmal blind. Man hat ja auch Gefühle und Gedanken, die werden mit manchen Beiträgen einfach angesprochen á la „Wußte ich es doch!“.
    Vielleicht war es an der Zeit, so einen heilsamen Schock verpaßt zu bekommen, das man mehr hinterfragt, mehr wühlt, sich anschaut, ob es wirklich SO sein kann.

  6. Stereotype an sich sind blöd, aber so schnell zu bedienen.
    Letztens beim Adventssingen auf dem Land:
    Den Kindern im Singspiel wurde in den Mund gelegt „Der Michi geht nach München, der will eben nur schnell reich werden. Na, des machen mir net, mir bleiben im Dorf und leben miteinand, echten Reichtum halt.“
    Da sitzt die Besucherin aus München ziemlich verdattert im Publikum und fragt sich, was für ein Stadtbild denn da entworfen wird. (Zumal nicht wenige Dorfbewohner zum Arbeiten auch in die große Stadt fahren.)

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