Waffenstillstand.

Heute vor einhundert Jahren kam der Waffenstillstand. Nach vier Jahren des Krieges, des Grauens, des Mordens. Manche von denen, die mit Hurraa! und geschwenkten Fahnen in den Ersten Weltkrieg gezogen waren, konnten endlich wieder nach Hause. Viele andere waren im Krieg geblieben, wie das immer so schön heißt. Richtiger müsste es heißen: Sie waren jämmerlich verreckt, zerschossen, erstickt, krepiert, irgendwo in einem Schützengraben, einem Minentrichter. Ehrenhaft, für Volk und Vaterland, ach, was weiß ich.

Endlich war Frieden. Ein Frieden, der aber in Wirklichkeit nur Anlauf nahm zum nächsten Weltkrieg, erst langsam, dann immer schneller. Gelernt hatte man nichts.

Hundert Jahre ist das her, verdammt lang her. Für mich eine Episode aus dem langweiligen Geschichtsunterricht am Berliner Gymnasium. Nicht weniger, nicht mehr. Bis ich vor einiger Zeit in Verdun war und dort zum ersten Mal darüber nachdachte, wer aus meiner Familie wohl überhaupt im Ersten Weltkrieg unterwegs war.

Es stellte sich heraus: Beide meine Großväter haben im Ersten Weltkrieg gekämpft, beide in Verdun. Beide habe ich noch kennenlernen dürfen, habe an sie die Erinnerungen des kleinen Kindes an den mütterlicherseitigen hageren Berliner Großpapa und an den dicken und immer freundlichen sächsischen Opa väterlicherseits. Also doch gar nicht so lang her?

Noch näher kommt mir die vermeintlich so weit entfernte Geschichte, wenn ich mich hier in den Dörfern umschaue. Überall stehen die Kriegerdenkmäler mit den eingemeißelten Namen der Opfer. Familiennamen, die bis heute überall präsent sind. Wenigstens die hat der Krieg nicht aufgefressen, der Erste nicht, der Zweite nicht. Auf manchen dieser Denkmäler stehen gleich mehrere gefallene Soldaten mit dem selben Familiennamen, drei-, vier-, fünfmal findet sich da der selbe Nachname. Was für ein Grauen.

Wenn ich im Dorfmuseum die Bilder aus der Zeit des Ersten Weltkriegs anschaue, die Familiennamen dazu lese, dann kann ich mir bei dem einen oder anderen jungen Mann sogar einbilden, dass ich wüsste, zu welcher Familie er gehört. Die Augen, die Nase, der Mund, das kenne ich doch, das wirkt doch ganz vertraut – sieht nicht der Erwin heute ganz ähnlich aus, oder die Gertrud aus dem Nachbardorf?

Oder die Umgebung, in der das Bild entstanden ist: Auf einem Foto aus dem Archiv des Buchener Fotografen Karl Weiß sieht man kurz nach Kriegsende 1918 eine große Gruppe französischer Kriegsgefangener im Buchener Museumshof. zwei Schritte neben meinem Büro, dort, wo ich also ein paarmal jede Woche langkomme. Unverändert ist der Museumshof bis heute, und das Foto mit den Kriegsgefangenen erzeugt eine fast bedrängende Nähe. Also doch gar nicht so lang her.

Eine große Gruppe von französischen Kriegsgefangenen mit der zu ihrer Bewachung abgestellten Landwehrmannschaft, aufgenommen in Buchen im heutigen Museumshof. Rechts das damals noch verputzte Trunzerhaus, im Hintergrund das ehemalige Anwesen Kieser, heute Josef Pflüger. Rechts davon der Gasthof „Zum Schwanen“.

 

Ich traf neulich in einem der benachbarten Dörfer einen Mann, dessen Familienname sich auf dem Kriegerdenkmal mehrfach findet, für den ersten und den zweiten Weltkrieg. Mit all diesen toten Soldaten war er irgendwie verwandt. Und beklagte, dass sich alljährlich zum Volkstrauertag immer nur ein Häuflein Menschen einfände zur Gedenkfeier, und immer dieselben, die Alten. Schließlich sollten auch die Jungen sich erinnern, es ist doch alles nicht lang her. Und so Vieles geht schon wieder los. 

Ich selber war nie ein Freund von Kriegerdenkmälern und Volkstrauertag. Zu viele haben mit dem Gedenken Schindluder getrieben. Aber plötzlich dachte ich: er hat vielleicht ja recht.

 

 

 

 

 

P.S. Sehr spannend: Ein Artikel über die etwas anderen Folgen des Ersten Weltkriegs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5 Kommentare

  1. Man kann auch im Stillen Gedenken, aber das ist Ansichtssache. Generell finde ich die Art, wie Macron und Trudeau sich heute gezeigt haben, gut. (Demonstrativ ohne Regenschirm der Gefallenen zu gedenken, hat schon eine gewisse Wirkung.)
    Und ja, vieles geht schon wieder los. Es ist wie ein Jucken im Pelz. Man spürt, es tut sich etwas, kommt aber nicht dran. Als die Europawahlen vorbei waren, brachte die ZEIT eine Europakarte, auf der die Länder nach ihrem Wahlergebnis gefärbt waren. Ein ziemlich großer Teil war schwarz! Da kommt noch etwas auf uns zu.

  2. Mich treibt das Thema seit Tagen um und ich poste und schreibe ( mit wenig Resonanz ).
    Mein Opa Eustach ( der aus A. ) hat auch Verdun überlebt und an seine Nachkommen ein Vermächtnis weitergegeben, das nun in der 4. Generation in Gestalt zweier dt.-französischer Mademoisellen erfüllt ist. Ich glaube, er wäre glücklich darüber.-
    Als Kind ist mir schon an diesen Kriegermalen aufgefallen, dass immer die Schmuddelkinderfamilien, die Dorfaußenseiter, alle Söhne hergeben m mussten, in beiden Kriegen. Da hat mir keiner eine zufriedenstellende Antwort geben können. Meine Schlussfolgerungen waren auf all die Erfahrungen imm die gleichen.-
    Das Foto finde ich einen tollen Fund.
    Alles Liebe!
    Astrid

  3. Mir geht es ähnlich- Krieg und die Folgen waren nur sehr kurz, wenn überhaupt, Thema in den Schulen- familiär wurde nicht viel darüber gesprochen, aber der Volkstrauertag war Pflichttermin.
    Erst als ich nach dem Tod meiner Oma die Briefe meines Opas an sie aus der Kriegsgefangenschaft (41-47) las und in Buchform für die Familie brachte, wurde mir wieder bewusst, was für gravierende und vor allem sehr nachhaltige Folgen die beiden Kriege für uns alle haben.
    Hoffentlich schaffen wir es, dies wieder mehr in den Fokus zu rücken.
    Danke an dieser Stelle für die immer wieder sehr berührenden Berichte.
    Lieben Gruß!

  4. Aus zwei Weltkriegen hat man nix, aber auch rein gar nix gelernt – es macht mich wütend. Wenn ich mir angucke, wieviele selbstverliebte verblödete und verlogene Narzisten in diversen Ländern rund um den Globus inzwischen an der Macht sind, bin ich froh, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Hierzulande können sie es nicht lassen, in jedem verdammten Krieg mitzumischen. Wenn man dafür das Grundgesetz verbiegen muß – auch egal. Und ansonsten verkauft man naiv Waffen und wundert sich, daß damit Menschen getötet werden…
    Von deutschem Boden
    darf nie mehr
    ein Krieg ausgehen.
    Aber alles, was man
    für einen Krieg
    braucht.
    (Dieter Höss – Export-Regelung)
    https://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_H%C3%B6ss

  5. Mein Opa väterlicherseits hat sich patriotisch für den ersten Krieg sofort als Teenager gemeldet und es aus den Gräben der Westfront wieder heim geschafft. Sofort mit Beginn des zweiten Krieges würde er wieder eingezogen. Und hat es wieder heim geschafft. Komischer Weise haben es auf beiden Familien. Seiten die, die im Krieg waren, wieder heim geschafft. Gott sei Dank haben sie auch ein wenig erzählt. Ansonsten gibt es auch Fotos und Schriftverkehr. Mein Vater war kurz vor der Machtergreifung geboren und durch diese Zeit sehr geprägt und hat uns sehr viel aufgeklärt, erklärt und erzählt. Das wird nun eifrig an meine Söhne weiter gegeben, beide an Geschichte interessiert.
    Sehr wichtig! Immer wieder erinnern und erklären und aufklären.
    Liebe Grüße
    Nina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

   Beim Absenden eines Kommentars werden Name, eMail-Adresse, Datum, Uhrzeit und Kommentartext gespeichert. Mehr Informationen dazu stehen in der Datenschutzerklärung. Mit dem Abschicken eines Kommentars erkläre ich mich mit der Speicherung meiner Daten durch diese Website einverstanden.