Die Neuen.

Sowas habe er nun auch noch nicht erlebt, sagt der katholische Diakon und grinst. Als er den Neuen im Nachbardorf seine Aufwartung machen und Hilfe anbieten wollte, gleich nach ihrem Einzug, da haben die ihn erstmal fortgeschickt. Leider keine Zeit, haben die acht jungen Männer aus Afghanistan gesagt, wir müssen putzen. Er möge doch bitte ein andermal wiederkommen.

Jetzt sitzen sie alle rund um den blitzsauberen Tisch in der blitzsauberen Küche, essen selbstgebackenen afghanischen Kuchen und lachen gemeinsam über diese erste Begegnung. Wobei die jungen Afghanen immer noch nicht so recht verstehen, was daran eigentlich so lustig gewesen sein soll, Putzen ist wichtig, alles muss schön und immer ordentlich sein, und das Haus ist ziemlich groß, was gibt es da zu lachen?

Ein freistehendes, möbliertes Wohnhaus hat die Gemeinde für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt, kommunale Anschlußunterbringung nennt sich das, die acht Afghanen waren davor teilweise mehrere Jahre schon in einer großen Gemeinschaftsunterkunft untergebracht, einer ausgedienten US-Kaserne, das hier ist tausendmal besser, sagen sie.

Jeweils zwei teilen sich ein Zimmer, manche müssen gemeinsam in alten Doppelbetten schlafen, aber das geht schon, meint einer. Wenn der Eine sich nachts umdreht, wacht der Andere auf, die Matratzen schaukeln so. Seit Jahren haben sie nachts nicht mehr durchschlafen können, seit Jahren haben sie keine Intimsphäre mehr, keinen Moment für sich alleine, da ist das jetzt mit den Matratzen auch nicht so schlimm. Alles gut!, sagen sie. Und immerhin, sie sind nur zu Acht, und nicht mehr zu Achtzigst. Und um die Betten wollen sich die Helfer kümmern, die aus dem Dorf, und die aus der Umgebung.

Auch Fahrräder haben die Dorfbewohner schon abgegeben, damit die Jungs ein bisschen mobil sind. Mit denen können sie raus zum Sportplatz und zum Fußballtraining fahren, oder einfach mal durch die Gegend, an schönen Tagen. Unter der Woche sind die Acht in der Schule, den ganzen Tag, sie fahren auf verworrenen Wegen per Bus durch den Landkreis, die ÖPNV-Anbindung ist hier nicht die Beste. Um Zehn vor Sieben müssen sie im Dorf den Bus bekommen, das ist ja ätzend früh, sage ich, Alles gut!, sagen sie lachend, sie sagen das oft, und sie lachen oft.

Eine Zeit lang stand es leer, das Haus, bevor die Neuen kamen. Der Garten war verwildert, wie das halt so ist, wenn keiner sich kümmert. Kaum waren die Afghanen da, rückte eine Frau aus dem Dorf mit Gartengerät an, das muss doch hier jetzt anständig aussehen!, sie hackte und harkte und rupfte und riss, erst standen die Asylannde daneben und staunten, dann gingen sie in Flipflops und mit ihren neu gekauften Spülhandschuhen mit ans Werk.

Alleine hätte die Frau einen Tag gebraucht, jetzt war nach zwei Stunden alles wieder picobello für den Winter, sagt eine Nachbarin grinsend. Nächstes Jahr pflanzen wir hier Tomaten an, und Kartoffeln, plant einer der Jungs. Wenn wir dann noch da sind.

Von den ersten großen Flüchtlingswellen wurde der Landkreis fast überrollt, aber wir haben das gut hingekriegt, heißt es beim Landratsamt. Unzählige Menschen haben ehrenamtlich dabei geholfen, in dieser strukturschwachen, armen Region, von der es heißt, hier wohnen die schwärzesten Keiler, einer Hochburg der Konservativen, seit Jahrzehnten.

Im Landratsamt weiß man aber auch: Jetzt kommt die eigentliche Herausforderung: die langfristige Integration der Menschen in den einzelnen Gemeinden, bei der Unterbringung, bei der Jobsuche, bei den sozialen Kontakten, tief in der badischen, vermeintlichen Provinz. Aber genau das ist unser Pluspunkt, sagt der verantwortliche Mann vom Landratsamt gerne: Je kleiner die Dörfer, desto besser funktioniert es. 

Ob sie noch was brauchen, frage ich beim Abschied die jungen Männer. Einen Spiegel für den Flur hätten sie gerne, egal, ob klein oder groß, Hauptsache, sie können morgens prüfen, dass auch alles ordentlich und sauber aussieht, Frisur und Klamotten, wenn sie aus dem Haus gehen. Das dürfte kein Problem sein. Sonst noch was? Alles gut!, sagen sie und lachen.

 

 

 

11 Kommentare

  1. Ich bin immer ganz sprachlos, kenne ich das alles doch auch ganz anders, so von ganz, ganz früher, von der Mutter und der Oma…
    Wie hat sich das eigentlich im Wahlergebnis niedergeschlagen? Ich meine Stimmen für diese unsäglich blau getarnte Partei? Hier gibt es ja keine differenzierten Statistiken für badisch Sibirien.
    Liebe Grüße!
    Astrid

    • Die Blauen haben hier ganz unterschiedlich abgeschnitten, zwischen 10 und 18 Prozent, je nach Dorf. Bei uns in der Gemeinde 10,5 Prozent. Aber ich glaube tatsächlich, das Eine hat gar nicht unbedingt sooo viel mit dem Anderen zu tun, wenn die Jungs dann plötzlich da sind und einen guten ersten Eindruck machen.

      • Oh je, das ist für einen Bewohner eines grün-versifften Kölner Veedels natürlich ein hartes Ergebnis ( hier sind sie über 2% gar nicht hinausgekommen )!
        Wahrscheinlich ist die imaginierte Angst, an der Realität gemessen, dann doch nicht mehr aufrechtzuerhalten. Und Dickschädel = Protestwähler – die gab es schon zu meinen Kinderzeiten und beherrschten den stammtisch.
        LG
        Astrid

  2. Danke für den guten Bericht, hoffentlich lesen ihn viele Menschen
    aus Wagenschwend und Balsbach. Und vielleicht tauchen dann auch noch 3 Einzelbetten auf und Lernmaterial für den Führerschein in Papierform.
    Im Gespräch erhält man fast jedes mal neue Informationen und Ideen
    wie man ihnen das Leben erleichtern kann. Bis jetzt waren es Dinge auf die ich leicht verzichten konnte. Aber bitte nicht wahllos abliefern, sondern im Gespräch heraus finden was sie wirklich brauchen.

  3. Das hõrt sich doch gut an. Vielleicht hõrt man hier auf der Seite mal wieder was von den Neuzugezogenen. Auch wenn noch was benõtigt wird.

  4. Was für ein wunderbarer Text, der den Alltag fein beobachtet. Danke dafür!
    Und falls Du Dich wunderst, weshalb gerade dieser Text heute sooft geklickt wird: In der heutigen E-Mail der „Krautreporter Morgenpost“ (heißt wirklich so!) wurde u.a. dieser Text als Fundstück des Tages geteilt. Was für ein Glück für mich, denn so bin ich auf Deinen Blog gestoßen.

  5. Genauso ist es bei uns im Dorf. Zur Zeit sind es acht Frauen und ein Baby. Vier Babies sind bei uns geboren. Das älteste Kind ist jetzt zwei geworden und geht in den Kindergarten. Die Frauen gehen zum Deutschunterricht, machen Praktika, arbeiten, turnen in der Gymnastikgruppe, fahren Fahrrad. Viele ziehen auch näher an die Stadt wegen der langen Wege und der schlechten Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber manche freuen sich, dass sie zum Dorf gehören und haben einen eigenen Freundeskreis. Alles gut!

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