Tapetenwechsel.

Die Stühle sind lange schon hochgestellt, und sie warten darauf, dass jemand sie abholt. Der Müllwagen vielleicht, oder irgendwer, der sie noch gebrauchen kann, der ein Herz und einen Sinn für urdeutsche Massivholzwertarbeit hat. Sie stehen da im großen Saal, sie warten gemeinsam mit den Tellern und den Tassen und den Gläsern, den Messern und Gabeln, mit dem schweren Kristall und den Silbertabletts, mit den Töpfen und Pfannen und der Fritteuse in der Küche. Warten auf irgendwas, auf irgendwen.

Der große Gastraum und der riesige Tanzsaal gleich nebenan: eine Mischung aus Abstellraum und Wartesaal wider Willen. Lange her, dass hier getrunken und gegessen, getanzt und gefeiert wurde. Und doch riecht es immernoch nach Wirtschaft, nach Gasthaus, ein bisschen nach Bier, ein bisschen nach altem Zigarettenrauch, irgendwie oll und wohlig-wehmütig zugleich.

Wer still wird hier unten, hört vielleicht noch die Fußballübertragungen, die aus dem klobigen Röhrenfernseher plärren, die WM 1978, den Brehme-Elfmeter 1990, er hört das Gluckern aus den Bierflaschen, das Quietschen, wenn die Weinflaschen entkorkt werden, das alte Klavier, das Gemurmel der Männer, die lachenden Frauen, am Schluss den Wirt, wie er Monat für Monat, Woche für Woche, immer langsamer und schwerfälliger über den Fußboden schlurft. Irgendwann dann: Licht aus, Türen zu und Rolläden runter. Das Ende einer Gasthaustradition, die in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts zurückgeht.

Fast unberührt steht das alles seit Jahren, und ich stelle mir vor, wie es hier unten zugeht, wenn es Nacht wird, wenn es dunkel ist. Wie dann vielleicht wispernd die hochgestellten Stühle mit den staubigen Tischen sprechen, mit den Gläsern und den Tellern und mit dem alten Klavier, wie sie sich erzählen von alten Zeiten, als es hier die besten Schnitzel weit und breit gab, die gigantischen Portionen glänzender Pommes und Salat, wie drüben im Saal geschwoft wurde bis morgens früh um Drei. Wie es immer laut und immer lustig war. Wie dann alles anders wurde, und wie sich das Gasthaus zu all den anderen Gasthäusern dazugesellte, die erst kränkelten, dann langsam aber sicher starben.

Fast unberührt stand also alles seit Jahren, nur veränderte sich manchmal das Zu-Verkaufen- Schild an der Tür, mal stand es rechts, mal stand es links, und der Kaufpreis veränderte sich auch, aber trotzdem glaubte niemand daran, dass das Haus eine Zukunft haben würde.

Aber jetzt wispern die Tische und die Stühle nachts, dass sich doch einer gefunden hat. Einer, der zumindest mal im Obergeschoss wieder Leben in die Bude und damit auch ein bisschen Zukunft bringt. In all diese Räume in den verwinkelten Fluren, in die Zimmer 1 bis 16, in denen so lange nur noch die Vergangenheit zuhause war.

Zumindest hier oben spielt jetzt wieder die Musik, sie plärrt aus einem alten Kofferradio, das, umrahmt von vollen Aschenbechern und angebrochenen Limonadeflaschen, ein Stillleben der Renovierung bildet. Es wird gehämmert und gebohrt, gekachelt, abgeschliffen, ausgebessert.

In den Zimmern schreien die Tapeten in Knallfarben und op-Art-Mustern von den Wänden, dass es den Betrachter schwindelt, die Spitzenreiter der Tapetenmode der 60er, 70er Jahre ist hier versammelt, Retro lässt grüßen. Manche der alten Tapeten werden dennoch dran glauben müssen, manch ein hölzerner Fußboden aber kann gerettet werden. Die Möbel: Gute deutsche Arbeit, sagt einer der Helfer, alt, aber solide. Mit seiner riesigen verstaubten Hand streicht er vorsichtig über einen der Schränke: Nix Ikea. Hat Geschichte. Hat Charme.

Zumindest Übernachtungsmöglichkeiten sollen hier wieder entstehen, für Monteure, für Arbeiter, die Nachfrage ist groß in der Region, heißt es. Das Gasthaus bleibt Gast-Haus. Und vielleicht findet sich dann auch noch eine Verwendung für den unteren Teil, vielleicht gibt es irgendwann Geld und Zeit und eine Zukunft für die alte Wirtschaft und den riesigen Tanzsaal. Für die Bänke und die Stühle, die Gläser und die Teller, für den Stammtisch, für die Musik, die Schnitzel, den Salat und für die Käsespätzle.

 

 

 

5 Kommentare

  1. Der Link von Herrn Buddenbohm führte mich hierher. Danke für diesen Artikel und die tollen Bilder dieses Schatzes aus der Vergangenheit! Mir ist auch gleich ganz retro ums Herz.
    Liebe Grüße aus Berlin von Caro

  2. Ganz ähnlich sah es im Gasthaus meiner Großeltern im Nordschwarzwälder Dorf aus – die große Wirtschaft, der Saal, Gästezimmer und dazu noch Scheune und Stall.
    Es stand lange leer bis mein Vater und seine Geschwister das Haus letztes Jahr verkauft haben. Einige der Stühle (ganz ähnliche wie hier auf den Fotos) hab ich abgeschliffen – jetzt stehen Sie wunderschön bei mir im Esszimmer.
    Ich werde immer ganz wehmütig, wenn ich am alten Gasthaus vorbeifahre – es wird zur Zeit ebenfalls umgebaut als Unterkunft für Monteure etc. Das scheint eine ganz typische Entwicklung auf den Dörfern zu sein.

  3. nostalgisch..
    wehmütig..
    ein wenig schwer ums Herz..
    ja.. da möchte man nachts Mäuschen sein..vielleicht weht dann ja der alte Geist durch die Räume
    und man hört es leise..aber doch ..wie gelacht und getanzt wird
    wie die alten Schlager erklingen oder sogar eine Kapelle aufspielt ..
    wie Geschirr und Besteck klappert
    wie es nach Pommes und Braten riecht..
    ich kann es mir so gut vorstellen

    liebe Grüße
    Rosi

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