Idylle oder so.

Was für eine liebliche Idylle, das Wasser plätschert, die Fischlein schwimmen im Teich, die Sonne lacht, das Licht blinzelt durch das Maigrün der Bäume, undsoweiter, undsoweiter.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein, und ich darf vorallen Dingen hier sein, weil ich den Forellenfreund mit seinen Forellen unterstütze. Ich füttere die lieben kleinen Fischlein, auf dass sie groß und stark werden, und genieße im Gegenzug täglich diese Teichidylle. Und ich kann Ihnen flüstern: Vergessen Sie das mit der Idylle. Gepfiffen is‘. Das hier ist keine Idylle, das ist ein Kriegsschauplatz.

Hier kämpft erbittert Mensch gegen Reiher, jeden Tag aufs Neue, und ich bin völlig unschuldig in diese Auseinandersetzung hineingeraten. Ich wollte das gar nicht, ehrlich, aber ich entwickle inzwischen einen heiligen Zorn, wenn ich Agathe nur sehe, das blöde Viech, vielleicht ist es auch ein Rudi oder ein Dieter, mir ist das alles wumpe, ich brüte über Angriffsstrategien und Abwehrmaßnahmen, ich fahre bis zu dreimal täglich an den Teich, zu jeder Tages- oder Nachtzeit, ich schreie, klatsche, hupe, hetze die ansonsten eher friedlichen Hunde, bis Agathe sich bequemt, in aller Ruhe aufzuflattern und mit einem glänzenden Fischlein im Schnabel davonzufliegen. Sie ruft mit vollem Maul und krächzender Stimme dann noch allerlei nicht-jugendfreie Unverschämtheiten über die angrenzende Wiese, und ich meine, auch Stunden später noch aus dem gegenüberliegenden Wald ihre dreckige, hämische Lache zu hören.

Der Forellenmann und ich, wir fahren an Geschützen auf, was uns zur Verfügung steht. Einen Zaun rund um den Teich, und ein Gewirr von Schnüren im Uferbereich. Gefühlte 364 Kilometer Schnur haben wir verspannt, wir haben keinerlei Mühen und Verwicklungen gescheut. Wer hier durchkommt, muss entweder Entfesselungskünstler sein oder amtierender Weltmeister im Gummitwist, und ich stelle mir vor, wie Agathe, das vermaledeite Drecksvieh, da feixend und frech über die Schnüre hopst, hops, hops, ins seichte Wasser, schnapp, schnapp, Forelle rausgeholt.

Um derlei feindliche Flugobjekte abzuwehren, hat der Forellenmann jetzt noch den potentiellen Landeplatz mit Schnüren überspannt, das ganze Grundstück verwandelt sich langsam aber sicher zu einem Stück Land-Art, das selbst den Verpackungskünstler Christo neidisch werden ließe. Nicht mal eine Drohne könnte hier noch landen, ohne sich maßlos zu verheddern. Und der Forellenmann hat als letzte, wirklich ultimative Warnung einen Plastikreiher in der Mitte des Teiches aufgehängt, koppheister, ein wahrhaft jämmerlicher und furchteinflößender Anblick, der eigentlich jeder vernunftbegabten Agathe den Appetit verderben müsste. Ich ahne allerdings, Agathe lacht sich eines Tages tot, damit wäre uns ja auch geholfen, aber noch ist es nicht soweit.

Nun höre ich schon das Weinen der Tierschützer, der arme Reiher, der hat Kohldampf, er hat daheim sieben hungrige Schnäbel zu stopfen, alleinerziehend ist er noch dazu – ja, das ist ja alles recht, aber Agathe, die blöde Kuh, soll doch gefälligst woanders die Teiche ausräubern.

Unsere interne Jahres-Forellen-Statistik verzeichnet: 500 Forellen eingesetzt, 150 eigenhändig rausgeangelt, See leer. L.e.e.r. Ratzeputz leer, leerer geht nicht. Selbst wenn Sie da mit der Lupe nach Forellen suchen würden, unter Wasser, Sie würden nichts mehr finden, ich habe das jüngst für Sie getestet.

Falls Sie selber es nicht mit dem Kopfrechnen haben: da fehlen satte 350 Fische, Agathe kommt also nahezu täglich zum Klauen, nur an 15 Tagen hat sie mal eine Pause gemacht, ich nehme an, da hatte sie Urlaub oder war auf Mutter-Kind-Kur im Bergischen Land.

Wir kämpfen also weiter, wir werden uns doch nicht einer dahergeflogenen Agathe geschlagen geben, ich bitte Sie. Ich werde in den kommenden Tagen noch Transparente anbringen, Reiher go home!, werde ich auf ein Bettlaken schreiben, mit fettem Filzstift, und Ne touche pas a mon Forelle!, für den Fall, dass Agathe kein Englisch versteht. Außerdem habe ich vorgeschlagen, den Teich mit einer gegossenen Betonplatte hermetisch abzuriegeln, oder gleich ganz mit Estrich zu befüllen, da würde Agathe schön dumm aus der Wäsche gucken. Aber da zieht der Forellenmann nicht mit.

Noch nicht.

 

 

13 Kommentare

  1. Danke für mein Kopfkino: Gummitwist hopsender Fischreiher…
    Grüße aus dem Südosten der ehemaligen Heimatstadt.

  2. Bei den Hühnern, die immer durch eine Hecke in Nachbars Garten geschlüpft waren, und bei denen auch jede Menge Maßnahmen incl. Zaun nichts genützt hatten, hat letztendlich ein selbstgemaltes Schild geholfen: Dreieck weiß mit rotem Rand (wie ein Verkehrsschild), drin Huhn (gezeichnet), durchgestrichen….
    ehrlich! Wahre Geschichte!
    🙂

  3. Ich weiß nun nicht, wie das rechtlich aussieht, aber sind Starenschreck nicht für genau solche Fälle gedacht? Zumindest in Weinbergen bekommt man völlig legal einen Berechtigungsschein zum Erwerb dieser, für Menschen in unserer Nähe zum französischen Hoheitsgebiet auch leicht andersweitig aufzutreibenden, Platzpatronen.

  4. Und ein großes Netz? So ein Bundeswehr-Tarnnetz oder so eines, was man auch über Obstbaumplantagen spannt? Oder hier unter Olivenbäume legt.
    Die Forelle ist übrigens auch im Französischen weiblich, „ma Forelle“ also, aber das nur ganz am Rande. Wir wünschen Courage!, wie man hier sagt, ein generell unterstützender Wunsch, der von Mut bis Geduld und Energie alles umfasst.

  5. also, bei uns heisst sie Friederike… aber zum Glück haben wir nur den DOrfbach und keine Fischzucht. Das friedliche Nebeneinander ist eben manchmal eine ziemliche Kunst. Wünsche viele Glück – allen MitspielerInnen.
    grheeno

  6. Es tut mir leid, aber ich musste wirklich lachen beim Lesen. Ich drücke die Daumen, dass eine Lösung gefunden wird. Auch bei einer Kollegin fischt der Reiher regelmäßig die Kois aus dem Teich, trotz Netz usw. Das sind wohl sehr pfiffige Tiere. 350 fehlende Fische ist aber erschreckend viel.

  7. Mein Vater verwendet so mit mittlerem Erfolg durchsichtige Angelschnüre der kräftigeren Sorte. Scheinbar ist das Überraschungsmoment größer…

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