Der Winter und ich: Eine Hassliebe.

Es gibt da diese Geschichte von mir, wie ich als Kleinkind von meinen Geschwistern beigebracht bekam, wie man auf dem Bauch rodelt. Direkt vor der Haustür, im Berliner Brixpark mit seinen halbwegs steilen Hängen, die uns damals waghalsig gefährlich vorkamen. Wenn man nicht rechtzeitig bremste, krachte man am Ende der 20 Meter langen Piste in den Vordermann oder landete auf einem der gefrorenen kleinen Seen, es war alles sehr aufregend.

Hornbach.

Jedenfalls hatten mir meine großen Geschwister also diese ganz besonders aufregende Variante des Schlittenfahrens beigebracht, und eines Mittags hielt es mich vor lauter sportlichem Tatendrang nicht mehr in meinem Gitterbettchen, ich kletterte da irgendwie raus und machte mich also in Feinripp-Unterhose, Feinrippunterhemd und Socken auf den Weg zur Rodelbahn, statt brav und leichtbekleidet  Mittagsschlaf zu halten.

Ich fand das zwar etwas frisch so insgesamt, aber eben doch sehr aufregend;  die Begeisterung meiner Mutter allerdings, als sie mich bleich vor Sorge wieder einsammelte, Stunden später, ihre Begeisterung also hielt sich in Grenzen. Ich verstand das gar nicht, und es dauerte auch gar nicht sooo lange, bis die blaugefrorenen Körperteile wieder eine halbwegs natürliche Farbe angenommen hatten.

Damals liebte ich den Winter. Die Schlittenfahrten, meistens in passender Kleidung, gehören zu meinen schönsten Berliner Kindheitserinnerungen. Dazu Schlittschuhlaufen auf den kleinen Seen im Brixpark, oder die großen Touren über den Wannsee und die Krumme Lanke mit den Nachbarskindern, alles zugefroren, man fuhr mit dem Bus hin, glitt stundenlang mit den Schlittschuhen über das Eis, immer geradeaus, immer geradeaus, das Gepäck auf einem Schlitten hintendran, und am Ende stieg man an völlig anderer Stelle wieder in einen völlig anderen Bus nachhause ein.

Als ich älter wurde und sich mein Berliner Bewegungsradius erweiterte, fing ich an, den Winter zu hassen. Winter in der Großstadt, in Berlin zumal, ist so ziemlich das Scheußlichste, was man sich vorstellen kann. Winter in Berlin, das war für mich grauer Dreck und Modder, schwarze Schneehaufen am Straßenrand, Splitt und Sand, glitschige Pfützen, knallharte Eisplacken auf dem Trottoir, ewig grauer Himmel über ewig grauer Stadt.

Wenn der Bus mit Schmackes an die Haltestelle fuhr, bekamen die Wartenden erstmal eine Matschfontäne ab, das sah zwar ausgesprochen lustig aus, aber nur, solange man nicht selber plötzlich dastand wie ein vom Dreck begossener Pudel. Die Bürgersteige waren schlecht geräumt, man eierte wie auf Seifenlauge, manchmal über Wochen, die sich zur gefühlten Ewigkeit hinzogen.

Ich trug natürlich weder Handschuhe noch Mütze, ich bitte Sie, wie sieht das aus? Auch winterfestes Schuhwerk war verpönt, man wollte schließlich schick aussehen, auch wenn man dafür manchmal auf die Fresse fallen musste, was nun wiederum in der Regel nicht so irre schick aussieht, aber wer schön sein will, muss leiden, naja, Sie wissen schon.

Bei Waldbrunn.

Langer Rede kurzer Sinn: Seit ich auf dem Lande lebe, liebe ich den Winter wieder. Also, meistens. Manchmal hasse ich ihn noch, aber meistens mag ich ihn, ganz ehrlich.

Ich liebe die verschneiten Landschaften, die weiße Weite und das völlig Unberührte. Ich mag die Kälte und den scharfen Wind. Ich sehe inzwischen da draußen aus wie die Teilnehmerin einer Polarexpedition, wenn es sein muss, ich habe alle Eitelkeit ab- und mir jede Menge professionelle Winterkleidung zu-gelegt.

Wenn die Wege nicht geräumt sind, wanke ich über die verschneiten Felder wie ein angetrunkener Tanzbär in slow-motion, ich kämpfe schnaufend und schwitzend gegen die Elemente und finde es herrlich. Der Kaffee nach dem Spaziergang schmeckt übrigens dreimal so gut wie der vor dem Spaziergang, das nur als Tipp für Sie, ich habe noch nicht herausgefunden, woran das liegt, aber genauso ist es.

Bei Wagenschwend.

 

Katzenbuckelsee

Ich liebe es, wie der Schnee alle Geräusche verschluckt und wie die Hunde begeistert in die Tiefe tauchen wie in einen Jungbrunnen. Ich werde dann immer neidisch und möchte mich hinlegen und wie früher einen Schnee-Engel machen.

Manches aber hasse ich bis heute: Die ewig beschlagenen Autoscheiben. Die Pfützen im Fußraum. Die dauer-klammen Schuhe und die nassen Handschuhe. Den Dreck, den der Winter mit ins Haus bringt. Die Eisbollen, die sich in den Hunden bilden und die noch über Stunden kleine Seen überall im Haus hinterlassen, weil ich zu faul bin, die Bollen mit der Hand herauszufummeln.

Ich hasse das Geräume und Geschiebe rund ums Grundstück, morgens in aller Herrgottsfrühe. Wohl dem, der eine BSR hat. Ich hasse die Angeber mit ihren schicken Schneefräsen, auf die ich doch so neidisch bin. Alle haben eine Schneefräse, nur wir mal wieder nicht, es ist zum Weinen.

Und ich hasse diese stundenlange Anzieherei. Drei Pullis, Strumpfhosen und Skihose, Socken und Stiefel, Anorak, Schal, Handschuhe, Fellmütze, wenn ich um eine bestimmte Uhrzeit aus dem Haus will, muss ich eine halbe Stunde vorher mit den äußerst aufwändigen textilen Vorbereitungen beginnen. Mal eben raus ist Essig.

Wagenschwend.

Vielleicht sollte ich es doch wieder so machen wie damals als Kind am Brixplatz, kurzentschlossen, hopplahopp!, in Feinrippunterhemd und Söckchen, gar nicht lange fackeln, gar nicht lange nachdenken, einfach raus ins Freie, hui, ist das ein Spaß. Es würde eine Menge Zeit sparen, ja, Lebenszeit geradezu,  die man dann stattdessen da draußen nutzen könnte, das ist natürlich nichts für verfrorene Weicheier, aber vielleicht wäre das wirklich die Lösung.

Ich werde mal darüber nachdenken.

 

 

 

Angeregt wurde ich zu diesem Post von der freundlichen AstridKa, die ähnliche Winter-Geschichten auf ihrem Blog sammelt, schauen Sie da mal vorbei, es lohnt sich. 

Und falls Sie zwar Berlin kennen, aber den Berliner Brixpark noch nicht, dann besuchen Sie den mal. Das lohnt sich auch. Wenn Sie im Winter da vorbeischauen, können Sie vielleicht auch Rodeln gehen. Aber ziehen Sie sich warm an. Und grüßen Sie den Park von mir. 

 

 

18 Kommentare

  1. Danke, dass du dabei bist und mich mit deinen Bildern glücklich machst!
    Das bisschen Winter, das ich gegen den Odenwälder seit genau 56 Jahren ( ja am 2. Januar 1961! ) eingetauscht habe, habe ich gestern Abend gehabt, dem Berliner Winter nicht unähnlich. Nur nicht so zugig, sagt der Herr K.. Ja der, der mir jeden Winter von seinen Schlittschuherlebnissen auf der Krummen Lanke erzählt. Will ich alles nicht hören!
    Was ich will: Schnee, Minustemperaturen, einen blauen Himmel, eine rote Nase und den leckersten Kaffee hinterher.
    Aber dank all der lieben Bloggerinnen kann ich diesjahr wenigstens virtuell bisher 74 mal Winterfreuden erleben. #Danke, Internet!
    Lasst es euch gut gehen in meinem alten Winterwunderland!
    Herzlichst
    Astrid

    • Machen wir! Danke für die Anregung! Und herzliche Einladung zum Kaffee, wenn Du mal wieder hier unterwegs bist, vielleicht sogar im Winter!

  2. In den Aussenbezirken Berlins wundert sie sich, dass man seit einigen Jahren zweimal im Jahr den grünen Algenschleier von den Terrassenplatten putzen muss.
    Angeblich liegt es daran, dass kaum noch Kachelöfen in Berlin in Betrieb sind.
    Der Winter in Berlin früher: das war Inversionswetterlage und geheizt wurde, auch im Westteil, mit den preiswerteren Record-Briketts aus DDR-Produktion („UNION“ waren besser verpresst und nicht so feucht). Der Schnee war schon grau, bevor er den Boden berührte!
    Dagegen ist es heute fast schon paradiesisch.

    • Tja, man kann nicht alles haben, Cannes oder winterwonderland, aber vielleicht kommst du ja mal wieder in die Gegend?! Ich würde mich freuen!

  3. Der Brixplatz! Klar kenne ich den … Ist ja ganz in der Nähe von meinem Lieblingshotel an der Heerstraße Klick . Ich mag die ganze Westender Ecke dort sehr, verkneife mir aber weitergehende öffentliche Fingerzeige nach dorthin, sonst ist da auch bald Schluß mit Lustig … :-).

    Irgendwo hatte ich vor Kurzem eine Liebes-Erklärung an die Gegend rund um den Brixi geschrieben. Ist verschwunden der Text … http://www.podcast.de/episode/813419/Die+Westend-Girls+vom+Brixi/

    Winterschnee in Berlin? Gut beschrieben von Dir! Ekelhaft …! Du hast die clandestinen Köter-Köttel mittenmang vergessen … :-).

    Gruß aus Aachen | Tano

    • Ja, der Geruch von clandestinen Köter-Kötteln, ich hätte das ja ganz profan aufgeweichte Hundescheisse genannt, der Geruch ist mir noch wohlvertraut. Und dass du den brixplatz kennst, ja sowas, der war 20 Jahre lang sowas ähnliches wie Heimat.

  4. Die Bilder sind echt super! Ich glaube ich muss hier auch mal wieder mit der Kamera los. Vielleicht reicht der angekündigte Schnee von heute Nacht ja aus, damit es ein fotogener Sonntagsspaziergang wird. Mal sehen.

    Hach ja, und Berliner Winter, den muss ich wirklich auch nicht mehr haben. 🙂

    Liebe Grüsse
    asty

  5. Herrliche Fotos! Hach ja, genauso ist es! Winter auf dem Land, mit seinen Sonnen- und Schattenseiten!

    Schneefräse haben wir übrigens auch nicht. Hier schippt (meistens) noch der WG-Mitbewohner. Da der aber auch älter wird, bin ich gespannt, ob die Zukunft irgendwann doch noch eine Schneefräse für uns bereithält.

    Wobei, jetzt wo ich darüber nachdenke: Ich habe hier im Dorf noch nie eine Schneefräse im Einsatz gesehen. Hier wird noch echte Handarbeit geleistet, was das angeht.

    Die Idee von wegen „hopplahopp!, in Feinrippunterhemd und Söckchen …“, die möchte ich nachdrücklich unterstützen! Sooo schlimm ist das nämlich gar nicht, vor allem nicht, wenn dann im Haus ein schönes Feuer im Ofen bollert und der Kaffee schmeckt danach sogar viermal so gut!

    Herzliche Grüße aus dem verschneiten Mecklenburg!

    Liisa

  6. Ich kann Dir nur sagen, so ne Schneefräse die hat was: Biste in nullkommanix fertig….aber nur dann, wenn der Schnee auch eine gewisse Höhe hat. ansonsten ist schaufeln besser. Zum Glück hatte er eine gewisse Höhe und Hanno durfte sein Spielzeug wieder benutzen 😉 Tolle Bilder 🙂

  7. Hallo liebe Friederike, so schöne Bilder danke dafür. Und gegen angelaufene Autoscheiben helfen mit Katzenstreu gefüllte Socken unter den Sitzen ! Liebe Grüsse aus dem Neckartal !

  8. Liebe Friederike!
    Ja ich sitze ja auch mitten im Odenwälder Winter und Hassliebe ihn.
    Das mit dem Anziehen puh ja, die Hunde treiben mich raus und der Anblick im Schnee tobender kleiner wilder Fellknäule macht den Anziehmarathon doch wieder wett… Im Gegensatz zu dir hasse ich aber den anstrengenden Marsch im Schnee und seit ich böse gefallen bin, verunsichert mich das unsichere Rumgeeiere zwischen Traktorfahrstreifen und Acker… bin immer froh wieder daheim zu sein.

    Schippen? Was ist das? Das verweigere ich mich konsequent, außer meine Treppe wird hier nix geschippt, das schmilzt auch wieder weg – hihi.
    Mein Diesel seufzt schwer wenn ich ihn anwerfe, aber der schafft das!

    Für mich das Höchste der Gefühle im Winter: ein bollernder Ofen in der Stube und mein Strickzeug. An den Füßen meine Horde schlafender, zufriedener Hunde und eine Tasse Kaffee…

    …. oder Zeit für meine ratternde Nähmaschine. Winter ist Indoorkreativzeit für mich, ohne schlechtem Gewissen weil draußen die Sonne lacht. Nein ich DARF drin sitzen und vor mich hinwursteln.

    Danke für deine wunderschönen Fotos!

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